Strumpf-Geschichten

15. Mai

Ganz genau weiß es niemand, wann eigentlich die erste Frau den ersten Strumpf anzog. Ja, bis ins 16. Jahrhundert hinein war sogar aus öffentlich zugänglichen Quellen kaum erkennbar, ob Frauen überhaupt Beine hatten. Sie liefen ausschließlich in langen Kleidern oder Röcken herum und die bildlichen Darstellungen hielten sich strikt an diese Vorgabe.

Charles Panati, der in seiner „Universalgeschichte der ganz gewöhnlichen Dinge“ unter anderem auch die Geschichte des Damenstrumpfes recherchierte, zitiert den Botschafter ihrer katholischen Majestät, der Königin von Spanien, der empört ein Gastgeschenk, ein paar Strümpfe, zurückweist: „Packt Eure Strümpfe wieder ein! Und nehmt zur Kenntnis, Ihr Tölpel, dass die Königin von Spanien keine Beine hat.“

„Strumpfologe“ Panati fand außerdem heraus, dass eine der ganz großen Ausnahmen von der Regel „Beinlichkeiten“ nicht aller Öffentlichkeit zur Schau zu stellen erstmals im Jahr 1306 in Britannien kursierte und für einige Aufregung sorgte. Es war eine von einem unbekannten Autor erstellte Handschrift, die eine adlige Dame zeigte, wie sie sich während der morgendlichen Toilette von einer Dienerin einen Strumpf reichen läßt.

Es war wieder einmal die englische Königin Elizabeth I., die für den Durchbruch in Sachen Damenstrumpfmode sorgte. 28 Jahre alt war die junge Königin, saß erst seit gut zwei Jahren auf dem Thron Britanniens, als sie ein paar Seidenstrümpfe geschenkt bekam, die sie so entzückend fand, dass sie gleich ein paar Dutzend in Auftrag gab.

Dieser allerhöchste majestätische Segen ließ dann auch die Erfinder nicht ruhen. Während Elizabeth ihre Widersacherin Maria Stuart hinrichten ließ (1587) und ihr großer Admiral Sir Francis Drake die spanische Armada auf den Grund des Meeres schickte (1588) tüfftelte ein gewisser Reverend William Lee an einem Strumpfwirkstuhl. Und er schaffte es. Das Jahr 1589 gilt als das Geburtsjahr der Strumpfindustrie.

Reverend Lees Erfindung hatte allerdings eine Schwachstelle. Da die Strümpfe „auf einer Maschine gestrickt wurden, aus einem einzigen Faden in einer Reihe zusammenhängender Schlingen“, führte der kleinste Riss oder Schnitt zum Desaster, dem Strümpfe-GAU, der Laufmasche. Über all die folgenden Jahrhunderte hinweg fiel buchstäblich niemandem ein, wie man dieses Problems Herr werden könnte.

Erst am 3. April 1926 stellte eine englische Firma einen Strumpf vor, der nun endlich die Laufmasche zumindest stoppen sollte. Dass man sich dabei eines französischen Patents bediente, ist schon ein wenig erstaunlich, denn die Idee ist denkbar einfach. Der Strumpfrand wurde verstärkt und so die Laufmasche aufgehalten.

Um so spektakulärer war die Ankündigung des 1802 gegründeten amerikanischen Chemieunternehmens DuPont, man habe Damenstrümpfe erfunden, die praktisch ewig halten würden. Dies stellte sich in der Praxis als unhaltbare Behauptung heraus, aber es sorgte für soviel Aufregung, dass selbst ein neues Harry-Potter-Buch Mühe gehabt hätte, mitzuhalten.
Das Zauberwort hieß „Nylon“, ungeheuer elastisch, praktisch reißfest, einfach ideal. Es war die erste 100prozentige Synthetikfaser

DuPont erklärte den 15. Mai 1940 zum „Nylon-Tag“. Vor diesem Tag war es strikt untersagt, die neuen Wunderstrümpfe zu tragen oder gar zu verkaufen. In den USA lief eine gigantische Werbekampagne an, die alles bisher dagewesene weit in den Schatten stellte.
Sie löste geradezu eine Massenhysterie aus mit kreischenden Frauen, die ungeduldig und stundenlang vor den Warenhäusern darauf warteten, dass endlich die Türen geöffnet wurden.

Dann am frühen Morgen des 15.Mai 1940 wurden die Strumpfabteilungen der Warenhäuser und die Wäschegeschäfte gestürmt. Du Pont hatte es für eine gute Idee gehalten, nicht mehr als 36 Millionen Paar Nylons im Jahr 1940 zu produzieren. Sie wurden restlos verkauft.

Gleichzeitig mit den Amerikanern hatte übrigens der deutsche Chemiker Paul Schlack eine ebenso reiß- und scheuerfeste Kunstfaser entwickelt und diese dem Konzern IG Farben in Landsberg an der Warthe übergeben. Ihr Name: Perlon. 1943 lief die Produktion an. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich die USA bereits im Krieg mit Deutschland, so dass wirklich niemand auf die Idee kommen kann, das eine hätte mit dem anderen auch nur das Geringste zu tun.

Alberts dicke Pötte

14.Mai

Die drei ist schon eine magische Zahl. Drei Heilige Könige, drei Musketiere... Anfang des Jahrhunderts waren es drei Schiffe, die Geschichte schreiben sollten: Die gigantischen Passagierliner „Imperator“, „Vaterland“ und „Bismarck“, alle in Hamburg gebaut, sollten nach dem Willen ihres ehrgeizigen Generaldirektor Albert Ballin die Hamburger Reederei „Hapag“ an die Spitze der internationalen Passagierschiffahrt bringen und der Konkurrenz aus Bremen und aus England die maritimen Hacken zeigen.

Am 23. Mai 1912 wurde das zweite von Alberts dicken Pötten, die gigantische „Vaterland“ getauft, und Ihre Majestät, der deutsche Kaiser Wilhelm II. hatte sich zur Feier des Tages etwas ganz Besonders einfallen lassen: Denn ausgerechnet durch ein Schiff und ausgerechnet in Hamburg sollte die große Geste der Versöhnung zwischen Preußen und Bayern stattfinden.
Die beiden Herrscherhäuser, die preußischen Hohenzollern und die bayerischen Wittelsbacher, waren sich nämlich am Anfang des 20. Jahrhunderts nicht ganz grün und so sollten die Bayern ein Schiff taufen dürfen, ein richtig großes, ein richtig schönes, was Stolzes.

König Ludwig III. kam allerdings nicht höchstpersönlich, sondern er schickte seinen Ältesten, Rupprecht,, der, wenn nicht bald der Erste Weltkrieg und das Ende der deutschen Monarchien gekommen wäre, das Land der Bayern hätte erben sollen. „Willem zwo“ blieb zuhause in Berlin, um Rupprecht protokollarisch nicht zum Knecht zu degradieren.

Die große Geste kam gut an: Kronprinz Rupprecht strahlte mit Zehntausenden von Hamburgern um die Wette, als der beeindruckende fast 290 Meter lange stählerne Koloss ins Wasser der Elbe glitt. Es war und es blieb das größte jemals unter deutscher Flagge in Dienst gestellte Passagierschiff. Und es war eine Revolution im Passagierschiffbau, bot sich doch erstmals die Möglichkeit, große Räume im Schiffsinneren zu gestalten, Hallen zu entwerfen, wie in den vom selben Publikum gewohnten Luxus-Hotels.

So war beispielsweise der Wintergarten der „Vaterland“ ein atemberaubend hoher Raum, mit Palmen und Blumen kunstvoll geschmückt, leichte Korbsessel standen dort wie in einem englischen Herrenhaus in Indien. Der über mehrere Decks reichende Speisesaal der „Vaterland“ war so konzipiert, dass man ihn nur über eine Treppe von oben erreichen konnte. So bot sich die Möglichkeit, zu sehen und gesehen zu werden. Auf jedem der runden Tische stand in der Mitte eine Lampe, der Raum wurde an der Decke von einem üppigen Gemälde abgeschlossen. Telefonzentrale und eine komplette Ladenstraße mit Reisebüro boten einen unvergleichlichen Service. Insgesamt brannten auf dem Schiff 15 000 elektrische Lampen.

Die Räume der 1. Klasse waren wie kleine Wohnungen eingerichtet, die beiden Kaiser-Suiten und die zehn Staatszimmer übertrafen an Komfort alles bis dato dagewesene. Alle hatten Salon, Schlafzimmer und Bad.

Das Schicksal der „Vaterland“ ist schnell erzählt. Erst zwei Jahre nach der Taufe, am 14. Mai 1914 , ging der Stolz der deutschen Passagierschifffahrt auf Jungfernreise von Cuxhaven nach New York. Schon auf ihrer dritten Reise wurde sie in Hoboken am Hudson-River gegenüber von New York vom Krieg überrascht. 1917 wurde die „Vaterland“ nach dem Kriegseintritt der USA von den Amerikanern beschlagnahmt und zunächst als Transporter für die US-Navy eingesetzt. Noch im selben Jahr wurde sie umgetauft in „Leviathan“. Als Passagierschiff in Fahrt arbeitete die „Leviathan“ Ex-„Vaterland“ nach einem Umbau 1923 einige Jahre für die United States Lines, New York. 1938 wurde das Schiff nach Rosyth in Schottland gebracht, wo es am 14. Februar 1938 zerschnitten wurde.

Die Hapag versuchte es übrigens mit einer zweiten „Vaterland“ und wieder kam ein Krieg dazwischen: 1938 legte sie bei Blohm & Voss ein Schiff dieses Namens auf Kiel und es lief tatsächlich 1940 vom Stapel. Aber in Dienst wurde diese „Vaterland“ nicht mehr gestellt, sondern der eigentlich als das neue Flaggschiff der Hapag vorgesehene Ozeanriese fiel 1943 einem Bombenangriff zum Opfer. Im 20. Jahrhundert hatten die Deutschen halt nur wenig Glück mit allem, was „Vaterland“ hieß ...

Die Königin von Afrika

12. Mai

Als am 20. Februar 1952 der Film „African Queen“ in die Kinos kam, da war die Hauptdarstellerin Katherine Hepburn bereits 43 Jahre alt. Geboren am 12. Mai 1907 starb sie erst am 29. Juni 2003, was bedeutet, dass „die Hepburn“ alle anderen überlebte: Humphrey Bogart starb bereits knapp fünf Jahre nach der Uraufführung, Regisseur John Huston 1987.

Möglicherweise war sein Tod der Auslöser dafür, das Katherine Hepburn sich in jenem Jahr noch einmal genau an die „African Queen“ erinnern wollte. Sie schrieb ein Buch mit dem Titel „African Queen oder wie ich mit Bogart, Bacall und Huston nach Afrika fuhr und beinahe den Verstand verlor“. Es wurde ein höchst persönliches Werk, in dem die als außerordentlich schwierig, spröde und zickig geltende Schauspielerin nach allen Regeln der Kunst die Sau rauslässt.

Über Bogarts Ehefrau Lauren Bacall, die stets an seiner Seite zu finden war und die sie nur Betty nennt, schreibt sie beispielsweise: „Erstens mal ist sie jung und hat wunderbare hellbraune Haut und das unglaublichste aschblonde Haar. Wunderschön. Ob glatt oder gelockt. Man hat übrigens nichts von ihr gesehen, wenn man sie nicht frühmorgens in ihrem hellgrünen Morgenmantel auf dem Weg zum Plumpsklosett gesehen hat, mit aufgestecktem Haar und ohne Lippenstift und sonst was.“

Mit John Huston verband sie jene Hassliebe, wie sie zwischen Schauspielerinnen und Regisseuren nicht selten sind. Auf der einen Seite kritisiert sie seine „einstudierten Südstaaten-Colonel-Charme“, findet es schrecklich, dass er stets alle Aufmerksamkeit auf sich ziehe, so als wäre er ein kleines Kind, hält ihn für arbeitsscheu und vergnügungssüchtig, für einen Mann, den eigentlich nur eines interessiert: die Jagd. Auf der anderen Seite bewunderte sie ihn für seine mehr oder weniger präzisen Regieanweisungen: „Sie setzen einfach ein Lächeln auf. In jeder Lage. Wie Mrs. Roosevelt - sie glaubte sie sei hässlich - sie dachte, sie sähe besser aus, wenn sie lächelte - also beschloss sie...Kopf hoch. Das beste kommt noch - vorwärts, immer vorwärts...Das Society-Lächeln“. Das war, so Katherine Hepburn, „verdammt noch mal die beste Regieanweisung, die ich jemals gehört habe.“

Auch über Bogart, der für seine Rolle als Kapitän Charlie Allnut übrigens den einzigen Oscar seiner Karriere erhielt, findet sie nette Worte: „Bogie war lustig. Ein großherziger Schauspieler, dem die Schauspielerei Spaß machte. Wusste, dass er gut war. Kannte immer seinen Text. War immer pünktlich. Hasste sein Haarteil. Wenn er es trug, war er morgens brummig - ungeduldig. Dann vergaß er es, und alles ging glatt. Nach Feierabend war er völlig erschöpft. Bevor er sich nicht einen oder zwei Drinks genehmigt hatte, war er brummig.“

Natürlich betrachtete die Hepburn den Alkoholkonsum von Bogie und Huston mit äußerstem Missfallen, sie die nur Mineralwasser trank. Und so war sie besonders sauer, als sie mit gefährlichen Magen-Darm-Problemen zu kämpfen hatte, es den beiden Männern aber blendend ging. Als sich herausstellte, dass ausgerechnet das Wasser verunreinigt war, kannte ihr Ärger keine Grenzen: „Ich, die Königin des Wassertrinkens - die Urologentochter - war am schlimmsten dran. Und jene beiden haltlosen Schwächlinge hatten ihren Magen-Darm-Trakt so sehr mit Alkohol gefüllt, dass kein Bazillus dort überleben konnte.“

Die Dreharbeiten von „African Queen“, das war für Katherine Hepburn ein ständiges Wechselbad aus Faszination und Horrorerlebnissen. Die ständige Feuchtigkeit, der glitschige Fußboden in ihrer Hütte, das Plumpsklo, die Dusche, die nur tassenweise Wasser lieferte, „die Zirpfrösche kreischen wie am Spieß, dann und wann brüllt ein Affe.“

„Jede Einstellung war ein hysterischer Alptraum. Der Motor der Queen streikte. Oder eine der Schrauben geriet in die Schleppleine und wurde verbogen. Oder wir wurden von Hornissen angegriffen. Oder beim Drehen schwamm plötzlich ein herrenloser Einbaum ins Bild. Keine Stühle, keine Garderoben, heißes Ginger Ale und heißer Fruchtsaft und heißes Bier.“

Eines Tages stand sie mitten in einer Ameisenprozession, wurde fast von Elefanten zertrampelt oder von einer Schwarzen Mamba gebissen.Auf der anderen Seite aber war „African Queen“ für Katherine Hepburn ein unvergessliches Abenteuer und „ein Riesenspaß“. Man kann es nachvollziehen. Man muss sich nur den Film ansehen.

Der König der Lügner

11. Mai

Eigentlich merkwürdig, dass die Nazi-Größen von der Kritik an ihrem Regime nichts bemerkten, aber vielleicht war sie doch ein wenig zu subtil für die eher derben Gemüter in der Hitler-Administration. Denn immerhin sagte Hans Albers diesen Satz: „Abenteuer, Krieg, fremde Länder und Frauen, ich brauche das alles. Aber Sie missbrauchen es.“ Am 5. März 1943, war dieser Satz zum erstenmal zu hören - mitten im Krieg und das auch noch zum 25. Geburtstag der größten und erfolgreichsten deutschen Film-Produktionsgesellschaft, der Ufa.

Außerdem war es der erste richtige deutsche Farbfilm, in dem der „Hoppla-jetzt-komm-ich“-Hans diesen Satz sprach: Er hieß „Münchhausen“. Zwar war schon drei Jahre zuvor Marika Rökk in „Frauen sind doch die besseren Diplomaten“ erstmals in Farbe über die Leinwand getobt, aber so richtig ging es in Farbe erst mit „Münchhausen“ los. Das Drehbuch schrieb ein gewisser Berthold Bürger, ein Pseudonym, hinter dem sich kein Geringerer als Erich Kästner verbarg. Kästners Bücher waren noch wenige Jahre zuvor auf dem Scheiterhaufen gelandet. Nazi-Propagandachef Josef Goebbels wußte davon, zeigte sich aber in diesem Fall großzügig.

Erstklassige Schriftsteller wie Kästner wuchsen weder damals noch heute auf den Bäumen.
Ohnehin war es erstaunlich, dass der routinierte Lügner Goebbels das Thema „Münchhausen“ überhaupt zuließ. Schließlich war ja bekannt, das dieser Hieronymus Karl Friedrich Freiherr von Münchhausen der König der Lügner war, ein phantasievoller Aufschneider und Geschichtenerzähler, der es so buchstäblich zu Weltruhm gebracht hatte.

Münchhausen war ein gutsituerter Gutsbesitzer in Bodenwerder im Weserbergland, der am 11. Mai 1720 ebendort geboren wurde, zunächst als Offizier der russischen Zarin Elisabeth, der Tochter Peter des Großen, diente und schließlich im Alter von 30 Jahren in die niedersächsische Heimat zurückkehrte, um die Stammtische der Region mit seinen Geschichten heimzusuchen. Er erlebte es noch, dass 1785 ein gewisser Erich Raspe seltsamerweise zunächst eine englischsprachige und ein Jahr später Gottfried August Bürger eine deutschsprache Ausgabe seiner „Abenteuer“ herausbrachten, die dem alten Herrn durchaus nicht gefielen, obwohl sie ihn als Person der Weltliteratur unsterblich machten. Als Mensch starb der Freiherr von Münchhausen im Jahre 1797.

Aus seinem Herrenhaus wurde inzwischen das Rathaus von Bodenwerder und er selbst wurde so berühmt, dass ihn nicht nur seine Heimatstadt hemmungslos als Touristenattraktion vermarktet. Seit 1997, dem 200. Todesjahr des Lügenbarons, gibt es beispielsweise einen Münchhausenpreis für Menschen mit „besonderer Begabung in Darstellungs- und Redekunst, Phantasie und Satire“, der unter anderem an Minister a.D. Norbert Blüm, den Schriftsteller Ephraim Kishon und die Schauspielerin Evelyn Hamann ging.

In insgesamt 42 Sprachen hat man sich mit der Figur Münchhausen beschäftigt, darunter in kirgisisch, katalanisch, malaisch und Urdu, der Literatursprache der Mohammedaner in Indien. Im schweizerischen Zürich gibt es eine „Münchhausologische Sammlung“, die sich wissenschaftlich mit dem Phänomen des alten Schwadronierers auseinandersetzt.

Dabei haben sie alle abgeschrieben von einem, der bis heute unbekannt blieb: In Berlin erschien nämlich in den Jahren 1781 bis 1783 eine Anekdotensammlung über „M-h-s-n, ein Vademecum für lustige Leute“. Die Geschichte des Mannes, der auf einem halben Pferd und einer Kanonenkugel ritt und der das Geheimnis kannte, wie man sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf ziehen kann (ein Fähigkeit, über die aktuelle Spitzenpolitiker aus aller Welt heute wohl auch gern verfügen würden), blieb ein internationaler Bestseller.

Aber Münchhausen zog sich nicht nur am eigenen Schopf aus dem Sumpf, er nahm sich auch ständig selbst auf den Arm. So angesichts der Gehängten auf der Käseinsel in der Südsee, die an den Bäumen baumelten, weil sie „ihre Freunde belogen und ihnen Plätze beschrieben hatte, die sie nie gesehen, und Dinge erzählt, die sich nie zugetragen hatten.“ Münchhausens Kommentar: „Ich fand die Strafe sehr gerecht; denn nichts ist mehr eines Reisenden Schuldigkeit, als strenge nach der Wahrheit zu berichten.“ Wie wahr ...

Mrs. (Fast)-President

10. Mai

Noch gibt es ja keine Frau, die es auf den Präsidentensessel im Weißen Haus geschafft hat. Und versucht haben es auch noch nicht allzu viele. Die allererste, die ihren Hut in den Ring warf, ist längst vergessen und sie hieß Victoria Woodhull. Das war am 10. Mai 1872, als sie ihre Kandidatur bekannt gab. Sie schaffte es nicht ins Weiße Haus, im Gegenteil, sie saß sogar, als gewählt wurde, im Gefängnis, nicht ohne zuvor im Mittelpunkt einer der hässlichsten Schlammschlachten der US-Geschichte gestanden zu haben, was ja, wie jedermann weiß, eine Menge heißt.
Victoria Woodhull, das ist gleichbedeutend mit dem Kampf um die Rechte der Frauen, mit Skandalen, Rufmord, Macht, Geld, Mut und Selbstbewusstsein, mit (fast) all den Höhen und Tiefen, die ein Menschenleben zu bieten hat. Doch der Reihe nach:
Die ersten Jahre der Victoria Claflin Woodhull Martin, die am 23. September 1838 in dem kleinen Kaff Homer in Ohio geboren wurde, waren eigentlich keine schlechte Schule, was die Vorbereitung auf ein hohes politisches Amt betrifft. Schon als 15jährige lernte sie, wie man die Leute durch Hellseherei hinters Licht führt, sie betätigte sich als Schauspielerin und Prostituierte, was, ohne zynisch sein zu wollen, ja auch keine schlechte „Schule des Lebens“ ist. Da lernte sie Härte und Durchhaltevermögen, aber auch, dass man im Leben ein wenig Glück braucht.
Das sah anfangs allerdings gar nicht danach aus. Sie geriet an einen Alkoholiker namens Woodhull, von dem sie sich aber schnell wieder trennte, um mit ihrer Schwester Tennessee nach New York zu gehen. Und da zog sie das große Los: Eisenbahn-Magnat Cornelius Vanderbilt war fasziniert von der jungen Frau, zumal sie, zumindest, was die Börsenkurse betraf, erstaunlich oft richtig lag. Das war kein großes Kunststück, denn Victoria hatte eine Menge Freundinnen im horizontalen Gewerbe und die hatten häufig Kunden aus der Finanzwelt, die die intimsten Firmengeheimnisse ausplauderten. Fakt ist, dass sich Vanderbilt bei einem Börsencrash 1869 dusselig und dämlich verdiente und den Damen Woodhull schlappe 700 000 Dollar Prämien zahlte, eine seinerzeit unfassbare Summe. Aber jetzt waren sie finanziell unabhängig und konnten loslegen: Zunächst eröffneten sie die erste von Frauen geführte Broker-Firma in der Wall-Street, machten eine wöchentlich erscheinende Zeitung auf und knüpften politische Kontakte. Victoria Woodhull begann vor allem, für die Rechte der Frauen zu kämpfen.
Das war natürlich dem Establishment außerordentlich suspekt. Eine Frau mit, na ja, zumindest anrüchiger Vergangenheit schrieb sozialistische Ideen auf ihre Fahnen, wollte Gleichberechtigung, ja sogar Frauenwahlrecht, Recht auf Abtreibung und freie Liebe (Na klar!). Und dann gründet diese Ex-Nutte auch noch eine Partei. Empörend!
Zu ihrer Intimfeindin wurde ausgerechnet die Frau, die sich mit „Onkel Tom“ so unendlich um die Befreiung der Sklaven verdient gemacht hatte, Harriet Beecher Stowe. Es wurde ein regelrechtes Stutenbeißen, das seinen Höhepunkt erreichte, als Victoria Woodhull in ihrer Zeitung Harriets Bruder Henry, einen an sich geachteten Prediger, als notorischen Seitenspringer outete. Jeder wusste davon, aber niemand sprach darüber – nur die mutige Victoria. Schließlich hatte der Beecher-Clan den längeren Arm und die besseren Kontakte zur Justiz und so kam es, dass Victoria während der Wahl ins Gefängnis wanderte.
Aber die Woodhull hatte sich den Respekt ihrer Journalisten-Kollegen erworben, hatte sie doch einen für alle wichtigen Kampf um die Pressefreiheit gewonnen, was Auswirkungen bis in die heutige Zeit hat. Und sie hatte noch einmal Glück. Als 1877 der alte Zausel Vanderbilt im Alter von 82 Jahren das Zeitliche segnete, fürchteten die Erben, dass Victoria Woodhull all die kleinen und großen Geheimnisse des steinreichen Patriarchen ausplaudern könnte und erstickten alle denkbaren Versuche mit viel, viel Geld.
Victoria Woodhull, mit Anfang 40 in der Blüte ihres Lebens, hatte nun die Nase voll von Amerika und wanderte, finanziell ausgezeichnet gepolstert, nach England aus. Und da Geld bekanntlich eine unbezwingbare Anziehungskraft auf Geld hat, heiratete sie einen reichen Banker, den sie um viele Jahre überlebte. Sie genoss noch sehr lange das englische Landleben. Erst am 9. Juni 1927 starb sie im Alter von 88 Jahren reich und glücklich und weitgehend vergessen in Twekesbury in der Grafschaft Gloucestershire.

Die letzten Opfer des Krieges

9. Mai

Es gibt Geschichten, die sollten immer wieder erzählt werden, weil sie so viel aussagen über die grausamen Mechanismen von Krieg und Gewalt, deren Unmenschlichkeit man sich heute, mehr als 60 Jahre, später kaum mehr vorstellen kann, die aber mahnen, so etwas nie wieder geschehen zu lassen. So wie in der Geschichte von Fritz Wehrmann und zweier seiner Kameraden, Alfred Gayl und Martin Schilling, in der Hamburg zwar nur eine Nebenrolle spielt, aber durchaus eine wichtige.
Denn hätte Fritz Wehrmann, der aus Leipzig stammte, als Junge nicht immer wieder Fahrradausflüge in den Hamburger Hafen unternommen und hätte ihn dabei nicht die Sehnsucht erfasst, zur See zu fahren, dann wäre all das, was folgte, wohl nie geschehen.
Wehrmann diente, wie seine Kameraden, gegen Ende des Krieges auf einem Schnellboot in der Geltinger Bucht, als sie am 4. Mai 1945 aus dem dänischen Rundfunk erfuhren, dass Deutschland gegenüber England kapituliert hatte. Also beschlossen die drei: Wir wollen nach Hause. Aber sie hatten Pech. Dänische Hilfspolizisten griffen sie auf und anstatt zu sagen, dass sie zu ihren Familien wollten, behaupteten sie, sich nach Kurland durchschlagen zu wollen. Vielleicht hätten sie die Wahrheit sagen sollen, damit hätten sie möglicherweise menschliches Verständnis ausgelöst, aber das ist nicht sicher. So aber kamen sie vor ein Kriegsgericht und der Chef der Schnellboote und damit oberste Gerichtsherr Kommodore Rudolf Petersen verurteilte sie zum Tode. Das war am 9. Mai 1945, also einen Tag nach der deutschen Kapitulation und einen Tag, nachdem Petersen höchstpersönlich die Reichskriegsflagge eingeholt hatte. Die drei wurden hingerichtet, die Leichen in der Ostsee versenkt.
Ihre Familien erfuhren erst viele Monate später davon.
1953 kam es zu einem Gerichtsverfahren vor dem Hamburger Landgericht. Petersen und die anderen Richter wurden wegen Totschlags und Rechtsbeugung angeklagt. Und sie wurden freigesprochen. Die Mutter Alfred Gayls nahm daraufhin sich das Leben, Anna, die Mutter von Fritz Wehrmann, kam später in ein Pflegeheim und starb in geistiger Umnachtung.
Der ehemalige Kommodore Petersen arbeitete als Handelvertreter und wurde wenige Monate nach dem Freispruch Leiter der Hanseatischen Yachtschule in Glücksburg. Außerdem arbeitete er für den Militärischen Abschirmdienst der Bundeswehr.
Er fand ein seltsamen Tod. Als dem damals 77jährigen in der Silvesternacht Jugendliche beim Öffnen der Haustür Böller ins Gesicht warfen, erschreckte ihn das so sehr, dass er am 2. Januar 1983 starb.
Klar ist, dass wir heute diese Geschichte nur mit Empörung und Abscheu beurteilen, denn wie kann man jemanden wegen eines Kriegsverbrechens verurteilen, wenn der Krieg schon vorbei ist? Und wieso kann es überhaupt ein Verbrechen sein, nach Hause zu wollen wie Fritz Wehrmann, der sich Sorgen um seine Mutter machte, da in Leipzig „der Russe“ war?
So handeln doch keine Menschen. Oder?
Petersen hätte die drei, ohne selbst irgendetwas befürchten zu müssen, mit einem einzigen Federstrich begnadigen können und hätte damit Leben gerettet. So denken wir heute. Aber dem Kommodore und allen anderen war seit Jahren immer wieder eingeimpft worden: „Auf Fahnenflucht steht der Tod!“ und danach richteten sie sich, wie Marionetten ohne Herz. Sie haben sicher viele schlaflose Nächte verbracht, die Richter und die anderen Beteiligten wie der Marinepfarrer Klaus Lohmann, der sein Leben lang darunter litt, nicht energischer gegen die drohende Exekution vorgegangen zu sein. Aber, so Lohmann, sie hätten sich alle in einer „militärischen Mühle“ befunden, in der man nur unter Zwang handelte.
Uns, die wir heute leben, reicht eine solche Erklärung für diese unfassbare Tragödie nicht aus. Und das mit Recht. Der 19jährige Alfred Gayl schrieb wenige Minuten vor seiner Hinrichtung: „Wir sind die letzten Opfer des Krieges, genau so sinnlos wie alle anderen.“

Mütter, Mütter, Mütter

24. August

Sie hatten ihre Söhne fest im Griff, auch wenn diese selbst die Welt beherrschten oder noch so berühmt oder mächtig waren – die starken Mütter der Weltgeschichte. Da war zum Beispiel Maria Laetitia Bonaparte, die der Kaiser der Franzosen respektvoll Madame Mère nannte, die am 24. August 1750 geboren wurde. Oder man denke an Olympias, die Mutter Alexanders des Großen, Lady Randolph Churchill, Suzanne Valadon, die Mutter des Malers Utrillo oder auch Dolly Sinatra, ohne deren energischen Einsatz die Weltkarriere von Sohnemann Frankie wohl niemals begonnen hätte.

Die Welt zitterte vor ihm und er vor seiner Mutter: Und wenn man sie ein wenig kennen gelernt hat, die Madame Mère, dann kann man verstehen, warum dem großen Napoleon Bonaparte die Knie schlotterten, wenn er sie nur sah. Denn Laetitia Bonaparte war zänkisch, ein rechter Geizkragen, herrisch und völlig unbeugsam, wenn es um die Durchsetzung ihrer Interessen ging. Aber sie wurde eine reiche Frau und hin und wieder schrieb sie auch Weltgeschichte, als sie beispielsweise ihrem zaudernden Sohn befahl, das Exil auf der Insel Elba aufzugeben und wieder in den Kampf zu ziehen. „Du bist nicht geboren, um auf Elba zu sterben“, sagte sie. Napoleon gehorchte und erlebte sein endgültiges Waterloo.

Gegen Ende ihres Lebens wurde die Mutter der Grand Nation ein wenig bescheidener. „Napoleon war nicht unfehlbar. Napoleon war nicht der Sohn Marias, sondern der Sohn der Laetitia.“ Geschäftstüchtig jedenfalls blieb sie bis an ihr Ende. Den Todeskampf der 87jährigen durfte jeder Tourist durch eine Lücke in einer spanischen Wand miterleben. Er musste allerdings dafür einen Scudo zahlen.

Aus ähnlichem Holz war auch die Mutter des ersten Welteroberers, Alexander des Großen. Olympias, die schöne und wilde Molosserprinzessin, die vor knapp 2400 Jahren geboren wurde, war die erste wirklich erfolgreiche dieser machtbesessenen Spezies Mutter. Ohne sie wäre ihr Ehemann Philipp II. von Makedonien, ein trinkfester, manchmal grausamer, manchmal gutmütiger und schlitzohriger Raufbold, ein zweitklassiger Provinzfürst im nördlichen Griechenland geblieben. Ihrem Sohn Alexander redete Olympias ein, er sei nicht nur der Sohn des Zeus, sondern auch Nachkomme des sagenhaften Achilles, des Helden von Troja, was den zukünftigen Welteroberer bewog, sich Zeit seines Lebens Homers Ilias unter das Kopfkissen zu legen.

Dann organisierte sie den Mord an ihrem Gatten Philipp, um Alexanders Thron zu sichern und riet diesem, lieber alle möglichen Konkurrenten umzubringen, bevor sie ihm gefährlich werden konnten. Alexander gehorchte.

Leider starb der geniale Alexander schon im Alter von 33 Jahren und alle Versuche Olympias ihren kleinen Enkel zum Bewahrer von Alexanders Weltreich zu machen, scheiterten. Olympias (59) verblutete unter Steinwürfen und Knüppelschlägen der Hinterbliebenen ihrer Opfer.

Derartig blutige Ränkespiele waren nichts für „Jenny“, spätere Lady Randolph Churchill und Mutter von Winston Churchill. Sie mischte lieber Bourbon, trockenen Vermouth mit einem Schuss Angostura-Bitter und erfand so den Manhattan-Cocktail – im selben Monat übrigens, in dem sie dem späteren Premierminister das Leben schenkte.

Jenny Jerome war eine hübsche, lustige, aber auch ziemlich wilde Hummel. Wie es hieß, floss sogar Irokesenblut in ihren Adern, ein Verdacht, den Jenny durch eine tätowierte Schlange schürte, die sie an ihrem linken Handgelenk trug.

Für den kleinen Winston war Lady Churchill nicht unbedingt der Inbegriff der liebevollen und umsorgenden Mutter, dafür war sie vielleicht zu jung, so dass sich der hoffnungsvolle Churchill-Spross eher an seine Haushälterin Mrs. Everest hielt. Erst viele Jahre später besserte sich das Verhältnis von Mutter und Sohn und Jenny half dem jungen Winston Churchill so gut weiter wie sie konnte. Wie es heißt, waren die beiden allerdings eher wie Bruder und Schwester als wie Mutter und Sohn.

Ihrem Sohn helfen, das tat auch Marie Clémentine Valadon, allerdings erst, nachdem sie ihn während seiner gesamten Jugend bei der Großmutter gelassen hatte. Als der später weltberühmte Maurice Utrillo 17 Jahre alt wurde, war er jedenfalls bereits alkoholkrank. Aber als er zu malen begann, da sorgte Marie Valadon, die ihr Freund Henri Toulouse-Lautrec nur „Suzanne“ nannte, allerdings für wertvolle „Connections“. Sie war eng befreundet mit dem ansonsten sehr menschenscheuen Edgar Degas, liebte den Komponisten Eric Satie, und als „Suzanne Valadon“ auch eine der besten Malerinnen des 20. Jahrhunderts.

Zu eigenem künstlerischen Ruhm reichte es bei Dolly Sinatra nicht, obwohl sie recht gut sang, aber dafür war sie umso erfolgreicher in der Förderung ihres Sohnes. Dass man „Frankie-Boy“ am 8.9. 1935 erstmals als Teil der „Hoboken Four“ im Radio hören konnte, war das Werk seiner Mutter, die außerdem in der Seele des seinerzeit 19jährigen unauslöschliche Spuren hinterließ, wie beispielsweise die tiefenpsychologisch ebenso eindeutige wie interessante Tatsache, dass er sein Leben lang unter dem Zwang lebte, sich ständig die Hände waschen zu müssen.

Dollys Lieblingsspruch war „du elendes Miststück“ und ihre erste strategische Maßnahme war, den gesellschaftlichen Makel italienischer Herkunft mit Hilfe eines irischen Taufpaten zu mildern. Und deshalb hieß der später weltberühmte Sänger nicht Mario oder Franco sondern Francis Albert.

Dann startete sie eine politische Karriere, um sich eine Machtposition zu schaffen, die Frank helfen sollte. Sie scheffelte Geld, wo sie konnte, verdiente vor allem sehr gut mit illegalen Abtreibungen. Sie träumte davon, dass Frankie Arzt werden würde oder Ingenieur, aber dafür war er zu faul und spielte lieber Billard, als in die Schule zu gehen.

Und da sich abzeichnete, dass Frankie singen wollte und nicht im Hafen malochen, besorgte sie ihm Jobs, setzte alle ihre Kontakte ein und da in Hoboken niemand Dolly Sinatra etwa abzuschlagen wagte, gelang es ihr auch. Und als sie dann noch die Presse unter Druck setzte, über ihren Filius zu schreiben, war die Kariere gesichert.

Dolly Sinatra war unendlich stolz auf ihren weltberühmten Sohn und dieser tat Zeit seines Lebens alles, um sie nicht zu verärgern. Schließlich kostete es Dolly das Leben, dass ihr Sohn ein so großer Star war, denn die 82jährige war im Januar 1977 auf einem Flug zu einem Auftritt von „The Voice“ in Las Vegas, als die Privatmaschine in den schneebedeckten Bergen von San Bernadino abstürzte.

Natürlich könnte man noch tagelang schreiben über die Mütter berühmter Söhne, über Agrippina, die Mutter Neros oder die Heilige Monika, die Mutter des Heiligen Augustinus, über die Mutter Johannes Keplers, die als Hexe angeklagt wurde, über Rose Kennedy oder Hannah Chaplin. Das aber sind alles andere, wenn auch ähnliche Geschichten ...

Der erste auf dem elektrischen Stuhl

6. August

Er hieß Wilhelm Kemmler und hatte einen Raubmord begangen. Zwei Dinge weiß die Nachwelt noch von ihm: Er war Einwanderer aus Deutschland und er war der erste, der auf dem elektrischen Stuhl starb. Das war am 6. August 1890 im Auburngefängnis im US-Bundesstaat New York. Erst zwei Jahre zuvor hatte der Arzt Dr. Alfons David Rockfell die Idee, Straftäter mit Hilfe von elektrischem Strom, wie er meinte, „sanft“ vom Leben zum Tode zu befördern.

Ob es allerdings überhaupt einer neuen Methode bedurft hätte, scheint fraglich, denn bei Hinrichtungen wirklicher oder vermeintlicher Straftäter war die Menschheit im Laufe der Jahrhunderte außerordentlich kreativ gewesen: Köpfen, Erhängen, Vierteilen, Vergiften, Erwürgen, Ertränken, Verbrennen, zu Tode Schleifen, lebendig einmauern, Rädern, Erschießen, Erschlagen und vieles anderes mehr. Der Journalist Alfred Kerr sagte einmal: „Du sollst nicht töten, sagt der Denker - nicht bloß zum Mörder auch zum Henker“.

Zwar hat sich diese Erkenntnis weltweit inzwischen weitgehend durchgesetzt - und doch gibt es noch einige Länder, darunter die USA, in denen Todesurteile erlassen und auch vollstreckt werden.

So alt wie die Diskussion um den Sinn der Todesstrafe, deren Androhung nachweislich keinen Täter von der Tat abschreckt, ist auch die Frage, wie ein Mensch, wenn es dann schon sein muss, am „humansten“ hingerichtet werden kann.

In dieser Hinsicht ist nicht die Länge des Todeskampfes entscheidend, sondern der Moment, in dem die Bewusstlosigkeit eintritt. Und genau dies übersah der französische Arzt J.I. Guillotin, als er den Henkern der Französischen Revolution die nach ihm benannte Fallbeil-Maschine als besonders schnell und sauber empfahl. Sie führt nämlich den Tod durchaus nicht sofort herbei. Solange der Sauerstoffvorrat im Blut reicht, sind die Hirnfunktionen noch intakt. So schrecklich und makaber die Vorstellung auch ist: Dies kann zwei Minuten dauern.

Beim Tod durch Erhängen ist dies anders. Dabei wird der Delinquent sofort bewusstlos, weil der Strick die großen Kopfarterien abschnürt. Der eigentliche Tod tritt erst sehr viel später durch Sauerstoffmangel im Gehirn ein - nicht etwa, wie man lange Zeit meinte, durch Bruch des Halswirbels. Dieser Irrglaube hatte über viele Jahrhunderte besonders diensteifrige Henker dazu gebracht, dem schnellen Tod nachzuhelfen, indem sie Gewichte an die Füße des zum Tode Verurteilten anbrachten oder sich selbst an ihn hängten. Neben der „Fallhöhe“ sind übrigens auch Art und Dicke des Seils oder Knotens in Sachen „humanes Hängen“ belanglos.

Die Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl funktioniert mit einer Schockmethode. Dabei bekommt der zum Tode Verurteilte in Intervallen heftige Stromstöße. Der erste mit 2000 Volt dauert drei Sekunden, dann folgen 57 Sekunden 500 Volt, dann wieder 2000, wieder 500 und schließlich noch einmal 2000 Volt. Dabei steigt die Körpertemperatur so stark an, dass die Gehirnflüssigkeit praktisch zu kochen beginnt. Nach spätestens zwei Minuten ist der Mensch tot. Ob der erste Schock zur Bewusstlosigkeit ausreicht, ist nicht immer sicher.Abgesehen davon sind natürlich die unendlichen Jahre, in denen vor allem in den USA ein zum Tode Verurteilter auf seine Hinrichtung warten muss und die schrecklichen Stunden vor Erwartung des sicheren Todes, Folterungen, deren Grausamkeit schon in zahlreichen Reportagen, Romanen, Filmen oder Fernsehstücken thematisiert wurde.

Der erste, der sich nachvollziehbar gegen die Todesstrafe und auch gegen die Folter aussprach und damit auf ungeheure Widerstände stieß, war übrigens ein Italiener. 1764 veröffentlichte der Rechtswissenschaftler Cesare Beccaria Marchese de Bonesano (1738 bis 1794) sein Buch „Die delitti e delle pene“ („Von den Verbrechen und den Strafen“), in dem er sich vehement gegen die sogenannte „poena talionis“ wandte, das biblische „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Dann müsste ja, so Beccarias Schlussfolgerung, Einbruch mit Einbruch, Betrug mit Betrug und Ehebruch mit Ehebruch vergolten werden. Sein Buch wurde in 22 Sprachen übersetzt.

Die Frage, ob der elektrische Stuhl wirklich die „humanste“ Hinrichtungsmethode ist, wenn es das überhaupt geben sollte, kann nicht endgültig beantwortet werden, allenfalls mit den zynischen Worten eines amerikanischen Scharfrichters, der auf eine entsprechende Frage sagte: „Bisher habe ich keine Klagen gehört“.

Der erste Discounter

1. August

Die Geschäfte bei Kroger Grocery and Baking Co. liefen miserabel. Der Schwarze Börsenfreitag am 25. Oktober 1929 und die darauf folgende Weltwirtschaftskrise steckte den Kunden tief in den Knochen, viele hatten ihre Ersparnisse verloren und kauften einfach nichts mehr ein. Mehr als 400 der fast 4700 Filialen musste der Konzern schließen und die Umsätze sanken immer noch.

Michael Cullen, Bezirksdirektor in Süd-Illinois, hatte da eine Idee: Nicht mehr die kleinen, dunklen Läden von 50 Quadratmetern, groß sein sollten die Shops, Parkplätze vor der Tür, alles hell und freundlich und – Selbstbedienung. Cullen begann zu rechnen: Eine geschickte Mischung aus Dumping- und Normalpreisen. 300 Artikel zum Selbstkostenpreis, bei 200 Artikel fünf Prozent Verdienstspanne, 300 weitere mit 15 Prozent und 300 mit 20 Prozent.

Dadurch wäre man konkurrenzlos billiger als alle anderen Anbieter. Das alles angeboten mit knalliger Werbung und die Kunden stürmen die Läden. So dachte Cullen und schrieb dies W.H. Albers, dem Chef der Firma. Aber der reagierte gar nicht erst. Ein Vizepräsident ließ Cullen abblitzen.

Aber so schnell gab der 49jährige nicht auf. Er kündigte und ging auf die Suche nach Geldgebern. Sein Freund Harry Sokoloff, Chef eines Lebensmittelunternehmens in New York, hörte ihm zu. Sie gründeten eine eigene Firma, die „King Kullen Crocery Co.“ mit Sitz in New York City. Ihren ersten Laden eröffneten sie vor 80 Jahren, am 1.August 1930, in dem trostlosen New Yorker Vorort Jamaika. Michael Cullen machte alles so, wie er es geplant hatte. Die Anzeige erschien mit „King Kullen, der größte Preisbrecher der Welt“ und tatsächlich: Die Kunden strömten in den Laden.

Michael Cullen machte weitere Geschäfte auf, jetzt auch mit Möbeln, Drogeriewaren, Kosmetik und Haushaltsartikeln. 1932 war Cullen Chef von acht „King Kullens“, sie machten Millionenumsätze.

Im selben Jahr starb Michael Cullen und erlebte so nicht mehr, wie sein „Baby“ den Namen bekam, mit dem es seinen Siegeszug um die Welt antreten sollte. Denn 1936 hatte sich auch sein ehemaliger Chef W.H. Albers vom verkrusteten Unternehmen „Kroger`s“ getrennt, war Cullens Beispiel gefolgt und hatte in Cincinnati seinen eigenen Laden gestartet. Er gab ihm den Namen „Supermarket“.

In Deutschland wurde der erste Supermarkt erst 1950 eröffnet. Nein, es waren nicht die Brüder Albrecht, die hatten zwar schon 1948 in Essen-Schonnebeck ihren ersten Lebensmittelladen mit preiswerter Kost für die Nachkriegswestdeutschen gegründet, sondern es war ein Lebensmittelgroßhändler namens Bernhard Müller, der in Augsburg dieses Experiment wagte.

Zwar gab es bei Müller noch keine Einkaufswagen wie heute, sondern kleine Holzkistchen, aber die wichtigsten Elementen hatte Müller aus den USA abgeguckt. Kein Zweifel: Der Supermarkt revolutionierte die Lebensmittelbranche und war zweifellos ein Fortschritt – allerdings ein Fortschritt, der teuer erkauft wurde mit dem Tod der Kommunikationszentren des kleinen Mannes, den sogenannten „Tante-Emma-Läden“ im Westen und dem Konsum oder HO im Osten.

70 Jahre Bugs Bunny

27. Juli

Verändert hat er sich kaum in den 70 Jahren, seit er zum ersten Mal Möhrchen-knabbernd und sprühend vor Witz und Einfallsreichtum mit einer Hauptrolle auf der Leinwand erschien: Bugs Bunny, der wohl berühmteste Hase der Welt, die einzige Comic-Figur aus der Zeit vor dem Fernsehen, die auch heute noch ganz oben in der Gunst des Publikums steht.

In einer Hitparade jedenfalls, die die US-Zeitschrift „TV Guide“ ermittelte, holte sich Bugs Bunny die Pole-Position vor einem Homer Simpson, Rocky und Bullwinkle und Beavis und Butthead. Mickey Mouse, Urahne aller Zeichentrick-Helden, landete nur auf Platz 19.

Für seinen Schöpfer Frederick Bean „Tex“ Avery, den Mann, der Bugs Bunny in dem am 27. Juli 1940 erstmals gezeigten Streifen „The Wild Hare“ (deutscher Titel „Die Hasenfalle“) das Leben schenkte, wäre dies sicher eine besondere Genugtuung gewesen, denn seinerzeit, in den 30er, 40er Jahren galt nur eines für die Konkurrenz Warner und MGM: Dem übermächtig scheinenden Walt Disney um jeden Preis Paroli zu bieten. MGM brachte „Tom und Jerry“ und da es immer besser ist, gut zu klauen, als schlecht zu erfinden, lehnte sich der für die Warner-Studios zeichnende Avery mit seinem Bugs Bunny stark an eine Figur namens Max Hare an, die 1935 in dem Disney-Trickfilm „The Tortoise and the Hare“ (Die Schildkröte und der Hase) debütierte. Aber Tex Avery war eine Feier dieses späten Triumphs nicht vergönnt. Das am 26. Februar 1908 in texanischen Taylor geborene Comic-Genie starb bereits am 28. August 1980 in Kalifornien an Lungenkrebs.

Den Oscar für seinen Bugs Bunny in „Knighty Knight Bugs“ 1958 durfte er aber erfreulicherweise noch in bester Gesundheit miterleben.Als namenloser Statist war der Weltstar unter den Hasen übrigens schon 1938 zu sehen in einem von Ben Hardaway gedrehten Streifen mit dem Titel „Porky`s Hasenjagd“. Und da Ben Hardaway den Spitznamen Bugs hatte, wurde daraus „Bug’s Bunny“ also „Bugs Hase“, oder, korrekter, „Bugs Kaninchen“, denn Bunny ist ein Kose-Wort für Rabbit und das heißt nun einmal Kaninchen. Ja, wie nun?

Hase oder Kaninchen?

Die Länge der Ohren, die schlanke, elegante Erscheinung und die Lässigkeit, mit der er sein berühmtes „Eeh, what’s Up, Doc“ zum Besten gibt, deutet einerseits darauf hin, dass es sich bei Bugs Bunny trotz seines Namens um einen Hasen handelt. Andererseits ist die weiße Brust eher ein Merkmal des Kaninchens. Aber sei’s drum, in mehr als 175 Cartoons spielte das coole Nagetier eine Hauptrolle, entrann immer wieder den aberwitzigsten Situationen und weder Schweinchen Dick noch Elmer Fudd, der ebenso gnaden- wie glücklose Jäger, Yosemite Sam, das hitzköpfige Männlein, Daffy, der eifersüchtige Konkurrent oder der tasmanische Teufel, ja noch nicht einmal Basketball-Weltstar Michael Jordan in „Space Jam“ konnten ihm je das Wasser reichen in der Gunst des Publikums.

Sein Erfolg waren trotz all des abgedrehten Chaos, für das Tex Avery stets in seinen Filmen sorgte, die witzigen Anspielungen auf andere „Kollegen“ auf der Bühne und im Konzertsaal, so wie als „Rabbitt Hood“, der vom Sheriff von Nottingham verfolgt wird, weil er Karotten aus dem Garten des Königs geklaut hat oder in einer Adaption des „Hänsel-und-Gretel“-Stoffs oder in „What’s Opera, Doc?“, in der Wagners Ring in nur sieben Minuten verwurstet wurde.

Ganz genau weiß niemand, wie es mit dem Zeichentrickfilm, den 1885 der Franzose Emile Reynaud erfand, indem er seine Figuren direkt auf Filmstreifen zeichnete, weitergehen wird. Die durch Computer beherrschte Animations-Technik, das heißt 3D-Filme wie „Toy Story“, „Ice Age“ oder „Findet Nemo“, scheinen seit Mitte der 90er Jahre die Nase weit vorn zu haben, obwohl immer noch weltweit eine Menge „klassische“ 2D-Trickfilme produziert werden.

Bugs Bunny ist noch einer aus des guten alten Zeit, einer von früher, der es wohl schwer haben wird gegen „Die Unglaublichen“ oder „Shrek“ zumal sein letzter Film „Blooper Bunny“ schon 1991 gedreht wurde, als niemand ahnen konnte, was man alles mit „Keyframes“ und „inverser Kinematik“ . anstellen kann. Aber als in die Jahre gekommener Hase interessiert man sich für so etwas ja kaum noch ...

Die Karmann-Ghia-Saga

14. Juli

So war das damals, Mitte der 50er Jahre in Deutschland: Peter Alexander sang „Komm ein bisschen mit nach Italien“ und Tausende folgten seinem Rat. Sie verbrachten ihren ersten Urlaub auf dem „Teutonengrill“ an der Adria, lernten Pizza und Pasta kennen und „La Dolce Vita“. Man fuhr VW-Käfer, aber unaufhaltsam wuchs bei den „Wunderkindern“ der Wunsch nach mehr Schönheit, Eleganz und Schnittigkeit.

Vor 55 Jahren, genau am 14. Juli 1955, wurde dieser Traum Wirklichkeit: Ausgewählte Gäste durften im Kasino-Hotel Georgsmarienhütte in Osnabrück dabei sein, als das inzwischen legendäre Karmann-Ghia-Coupé erstmals in der Öffentlichkeit gezeigt wurde – eine wahre Cremeschnitte, ein Auto mit Pfiff für die ersten italienischen Momente. Das hübsche Kind hatte drei stolze Väter: Wilhelm Karmann, Chef des gleichnamigen alteingesessenen Karosseriewerks in Osnabrück, Luigi Segre, Spitzenmann der italienischen Top-Designer-Werkstatt „Carozzeria Ghia“ in Turin und Heinrich Nordhoff, Topmanager von VW.

Der „Hausfrauen-Porsche“ oder „Sekretärinnen-Ferrari“, wie der Karmann später ein wenig spöttisch genannt wurde, war zwar nicht gerade eine Rakete mit seinen 30 PS und den 115 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit, aber unter dem chicen Outfit steckte ein solides Käferchassis, was eine weit verbreitete Krankheit früher Sportwagen verhinderte, nämlich, dass man zwei davon haben musste, weil einer immer in der Werkstatt war. 7500 Mark kostete die entzückende kleine, sportliche Schwester des Wolfsburger Rackers, für den man damals nur 4600 Mark bezahlen musste.

Entstanden war alles, weil Heinrich Nordhoff eine Lücke in der Produktion schließen wollte. Der Name Volkswagen sollte nicht nur für leistungsfähige Transporter und zuverlässige Kleinautos stehen, sondern es sollte auch etwas für den Autofreak geben.

Mit Karmann arbeitete der Wolfsburger Konzern bereits seit Beginn der 50er Jahre zusammen, denn aus der Osnabrücker Karosserieschmiede stammte bereits das beliebte Käfer-Cabrio und insofern war es nur logisch, dass man wegen eines „Roadsters“ Kontakt aufnahm. Schon 1950 bekamen Wilhelm Karmann und VW-Produktionschef Ludwig Böhner den Auftrag, sich um die Entwicklung eines entsprechenden Modells zu kümmern. Aber irgendwie kam man nicht so recht vorwärts. Das Käfer schien als Chassis für eine Sportkarosse total ungeeignet.

Aber Karmann hatte auf zahlreichen Autosalon Luigi Segre, den kaufmännischen Direktor der Firma Ghia kennen gelernt und sich mit ihm angefreundet. Ghia war schon damals kein unbekannter Autodesigner, man arbeitete bereits für Fiat, Alfa Romeo, Lancia, Chrysler und Renault. Aber es wurde kein offizieller Vertrag geschlossen. Der schlaue Karmann wusste natürlich, dass Ghia und sein Besitzer Mario Boano, höchstes Interesse daran haben mussten, auch einen Fuß in den deutschen Markt zu setzen.

Und so war es dann auch. Ohne, dass die VW-Spitze etwas davon erfuhr, bastelten die Turiner an dem Modell. In aller Heimlichkeit besorgte man sich in Frankreich beim VW-Importeur Charles Ladouche ein VW-Chassis, aber an der Grenze gab es riesige Probleme, weil die Italiener nicht die erforderlichen Papiere vorlegen konnten. Schließlich ging doch alles gut. Fünf Monate arbeitete Ghia unter Volldampf, dann war es geschafft. Der fertige Prototyp wurde wieder nach Frankreich zu Ladouche geschafft und Karmann vorgeführt. Der war vollauf begeistert. Aber die höchste Geheimhaltungsstufe musste aufrecht erhalten bleiben. Schließlich hatte Karmann ja noch gar keinen unterschriebenen Vertrag mit VW.

Am 16. November 1953 war es soweit: Nordhoff erschien in Halle 1 des Osnabrücker Werks, ging langsam um den Wagen herum und sagte: „Ich muss zugeben, das ist ein sehr schönes Auto. Aber es ist viel zu teuer.“ Karmann verschlug es den Atem. „Wie können Sie das sagen? Ich habe Ihnen ja noch nicht einmal gesagt, was es kostet.“ Nach Vorlage aller Unterlagen war Nordhoff dann doch überzeugt. Das VW-Karmann-Ghia-Coupé war in jeder Hinsicht konkurrenzfähig.
Und es wurde nicht lange gekleckert, sondern gleich geklotzt. Bevor die Öffentlichkeit auch nur ahnte, das dort ein neues attraktives VW-Modell auf den Markt kommen würde, bereiteten VW und Karmann die Massenproduktion vor, die bereits im Juni 1955 anlief.

Am 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag, wohl auch, um die Rolle von VW-Importeur Ladouche zu unterstreichen, platzte dann die Bombe. Die Presse war begeistert. Die Fachzeitschrift „auto, motor und sport“ nörgelte zwar ein bisschen herum, nannte den Wagen „Parodie eines schnellen Autos“, sagte aber auch voraus: „Es besteht kein Zweifel, dass der Erfolg kommen wird“. Und so war es dann tatsächlich. Knapp 20 Jahre später, im Juli 1974, lief der letzte Karmann-Ghia vom Band, ein weißes Cabriolet, das direkt ins Werksmuseum rollte.

Fakten über Karmann Ghia

Vom Karmann-Ghia gibt es folgende Varianten:
Typ 14 Coupé, von dem 385 803 gebaut wurden
Typ 14 Cabriolet (81 053)
Typ 34 Coupé (42 505)
und Typ TC (18 119 – nur in Brasilien gebaut, wo Karmann 1960 in Sao Bernardo do Campo eine Fabrik einweihte).
Der Karmann-Ghia blieb in den fast 20 Jahren, in denen er gebaut wurde, fast unverändert. Die Motorenleistung stieg im Laufe der Jahre von 30 auf 40 und schließlich 44 PS steigt.
Typ 34 und TC haben 50- bzw. 54-PS-Motoren.
Veränderungen gab es u.a.:
1959 größere Scheinwerfer, größere, verchromte Lufteinlässe, ausstellbare Fenster im Fond, Scheibenwaschanlage und Lichthupe
1967 Scheibenbremsen und der Tankdeckel wandert vom Kofferraum auf den Kotflügel
1972 bekommt das Auto größere Stoßstangen.
Wilhelm Karmann, 1914 geboren, starb 1998, sein Freund Luigi Segre (Jahrgang 1919) 1963 und Heinrich Nordhoff, geboren 1899, leitete VW von 1948 bis zu seinem Tod 1968.
Die Firma Karmann, ursprünglich ein Kutschbau-Unternehmen, hat heute rund 8000 Mitarbeiter.Wer heute eine Karmann-Ghia erwerben will, muss mehr zahlen als den Neupreis. Das Coupé kostet rund 5000 € und das Cabriolet rund 9000 €, was aber für hübsche Oldtimer recht moderate Preise sind.

Der Elfenbeintürmler

21. Juni

Philosophie, das war etwas für Elfenbeintürmler, für weltfremde Meisterköpfe – bis Jean-Paul Sartre kam. Er stopfte Schokolade in sich hinein, ließ sich mit Scotch und Rotwein voll laufen, schluckte Drogen, lebte in wilder Ehe und war gleichzeitig ein großer Dichter, ein großer Denker, der zumindest eine Generation Nachkriegsjugend nachhaltig prägte.

Vor 105 Jahren, am 21. Juni 1905, wurde er geboren und als er am 15. April 1980 starb, hinterließ er eine trauernde Simone de Beauvoir, eine Handvoll ebenfalls trauriger Ex-Freundinnen und ein Gedankengebäude, das in die Geschichte der Philosophie als „atheistischer Existentialismus“ eingehen sollte. Für ihn, den „Voltaire des 20 Jahrhunderts“, wird der Mensch erst durch seine eigenen Handlungen definiert, zuvor ist er unbelebte Materie. Dabei ist er allein, und darf sich nicht orientieren an Traditionen, Religionen oder Ideologien.

Der Mensch, so Sartre, ist dazu verurteilt frei zu sein.

Ein Leben ohne Konventionen, tun und lassen, was man will, auf dem Weg nach San Francisco mit Blumen im Haar, das war ganz nach dem Geschmack einer Nachkriegsjugend, der die Werte der Vorfahren nach sieben Jahren Völkerschlachten und in waffenstarrendem Kalten Krieg suspekt geworden waren, die in Staat, Familie und Kirche den „Muff von 1000 Jahren“ lüften wollte, die „keinem über 30“ mehr traute, die den Provinz-Diktator Ho-Tschi-Minh auf Demonstrationen feierte, sich mit Wasserwerfern der Polizei anlegte, Zeitungswagen anzündete und Maos rotes Buch in der Tasche trug – die meisten, weil es einfach Spaß machte, die traditionellen Autoritäten zu provozieren.

Der Meister selbst sorgte immer wieder für gelegentlich recht seltsame Ausrufezeichen, Handlungen, die ihn schon seinerzeit angreifbar machten. Er trat in die KP Frankreichs ein, lobte die Sowjetunion, bejubelte ihre „führende Rolle“, war schockiert von der Niederschlagung des Aufstands 1956 in Ungarn, verließ daraufhin die KP, lehnte 1965 die Annahme des Nobelpreises ab, um seine „Leser nicht unter Druck zu setzen“, besuchte den Terroristen Andreas Baader in Stammheim und attestierte ihm, Gutes gewollt zu haben, kurz, Sartre lebte seine eigenen Gedanken aus, was manchmal recht skurrile Folgen hatte..

Aber er war der erste Philosoph, der zum Weltstar wurde.

Dazu trug auch Simone de Beauvoir bei, seine einstige Kommilitonin, die er schon 1929 kennen lernte. Sie blieben ein Leben lang ein Paar, ohne zu heiraten, denn für Sartre war die Ehe eine „lebenslange Haft ohne Bewährung“. Trotz ihrer „Familien“ mit häufig wechselnder Frauen-Besetzung war es eine bemerkenswerte und bemerkenswert stabile Freundschaft, die die beiden verband. Grundlage war totale Offenheit und das Versprechen, einander niemals zu belügen. Sie blieben übrigens ihr Leben lang beim „Sie“, wohl auch, um ihre gegenseitige Hochachtung zu dokumentieren. Sie befruchteten sich gegenseitig, tauschten Ideen aus, von denen beide profitierten. Simone de Beauvoir setzte sich an die Spitze der modernen Frauenbewegung, ihr Essay „Das andere Geschlecht“ wurde zu einem Klassiker der Emanzipation, Sartre wurde zur Galionsfigur der 68er Revolten – und manchmal auch zum erstaunlich naiven Spielball politischer Interessen.

1934 beginnt Sartre während eines Stipendiats am Institut Francais in Berlin, sich mit der Philosophie eines Nietzsche, eines Heideggers oder eines Husserls zu beschäftigen. Daraus entsteht sein erstes philosophisches Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“. Doch Sartre ist nicht nur Philosoph, er ist auch ein großer Literat. Schon in seinem ersten Roman „Der Ekel“ leidet der Held unter einer Existenz „bis zum Verschimmeln“ und fordert eine Freiheit ohne Gott.

Ebenso überzeugend ist Sartre als Dramatiker. „Die Fliegen“, während der deutschen Besetzung von Paris uraufgeführt, ist eine Parodie der antiken Tragödie, spielt mit Begriffen wie Freiheit, Nichts, Ordnung oder Gott, ist gleichzeitig eine geschickt verhüllte Attacke gegen die deutschen Eroberer. Nach dem Krieg schreibt Sartre „Die schmutzigen Hände“, ein Stück, in dem es erneut um die Freiheit ins Nicht hinein geht, um die Existenz ohne Gott.

Sartres Credo birgt ungeheuer viel gesellschaftspolitischen Sprengstoff. Die Welt ohne Sinn und Zweck, eine unvorsehbare Aneinanderreihung von Zufällen, der Mensch als nur sich selbst verpflichtete Kreatur. Er geht über reinen Atheismus weit hinaus. Der Mensch, so sagt er, „muss sich selbst wieder finden und sich überzeugen, dass ihn nichts vor ihm selbst retten kann.“
Die Zeit ist ein wenig hinweggegangen über Jean-Paul Sartre und seine Gedanken. Die Welt ist zur Zeit einfach nicht in der Stimmung, sich mit philosophischen oder anderen Grundwerten zu beschäftigen. Aber das kann sich auch wieder ändern ...

Verbote, Verbote, Verbote

13. Juni

Eine menschliche Gesellschaft ohne Regeln endet im Chaos und genau aus diesem Grund gibt es Verbote – einige sinnvoll, viele sinnlos und die einen oder anderen einigermaßen skurril. So kann man sich beispielsweise nur schwer vorstellen, was sich die amerikanische Post dabei gedacht hat, am 13. Juni 1920 zu verfügen, dass Kinder nicht in Paketen verschickt werden dürfen ...

Nachvollziehen kann man allenfalls das Hubverbot für die gesamte französische Mittelmeerküste vom 18. Juni 1955, aber warum die US-Gemeinde Riverside Liebenden vorschreibt, sich nach dem Küssen den Mund mit Rosenwasser abzuwischen und warum in London Sex insbesondere auf abgestellten Motorrädern verboten ist, entzieht sich einigermaßen gängiger Logik.

Dabei zeigt alle menschliche Erfahrung, dass es nicht allzu viel nützt, Verbote auszusprechen – im Gegenteil. Gerade in Städten wie Moskau, Shanghai, Singapur, Schwerin oder Frankfurt am Main, in denen das Spucken auf die Straße bestraft wird, hat sich gezeigt, dass gerade dadurch bei vielen Menschen der Speichelfluss angeregt wird mit allen daraus zwangsläufig folgenden Übertretungen der öffentlichen Ordnung.

Vor allem optische Verbotszeichen führen gelegentlich zu unerwünschten Resultaten. Der Psychologieprofessor Paul Pauli von der Universität Würzburg hat beispielsweise festgestellt, dass eine intakte brennende Zigarette bei Rauchern stimulierende Wirkung hat, auch, wenn man einen roten Strich durch das Objekt der Begierde zieht. Er empfahl im „Spiegel“, eher „mickrige Kippen“ abzubilden, die Raucher erheblich weniger ansprechen würden.

Denn Forscher haben inzwischen herausgefunden, dass selbst Warnungen vor gesundheitsschädlichen Produkten kauffördernd wirken, da sich der Konsument nur das merkt, was für ihn angenehm, nicht, was unangenehm ist.

Dessen völlig ungeachtet untersagt beispielsweise eine rapide steigende Zahl von Ländern das Rauchen in der Öffentlichkeit, was einige hunderttausend Holländer in ziemlich Bedrängnis bringt, denn sie wollten nach einer entsprechenden Ankündigung ihrer Regierung das Land verlassen.

Nur wohin?
In die USA gewiss nicht, dort darf man noch nicht einmal am Strand qualmen.
Und das ausgerechnet in den USA, in dem Land, das mit einem generellen Verbot die allerübelsten Erfahrungen gemacht hat. Gemeint ist natürlich das Prohibitionsgesetz aus dem Jahr 1917, das wegen der unmäßigen Sauferei in US-Saloons Ende des 19. Jahrhunderts von Damenkränzchen wie der „Vereinigung christlicher Frauen für Mäßigung“ initiiert wurde. Zunächst sah es sogar gut aus: Im ersten Jahr nach Inkrafttreten des Gesetzes sank der Alkoholkonsum um immerhin 30 Prozent, dann aber erholten sich Hersteller, Schmuggler und Konsumenten von ihrem ersten Schock. Nun wurde der Schnaps schwarz gebrannt oder über die unendlich langen Grenzen der USA geschmuggelt und in privaten Clubs hinuntergestürzt. Denn das Trinken von Alkohol war nicht verboten.

Die Verbrecherorganisationen scheffelten so viel Geld, dass sie bis heute ein nicht mehr ausrottbarer Machtfaktor wurden. Außerdem stiegen die Menschen von Bier und Wein auf harte Spirituosen um, weil diese schneller Wirkung zeigten und man sie problemloser transportieren konnte. Dem Staat fehlten außerdem die Einnahmen aus der Alkoholsteuer, dieses Geld floss nun in die Taschen der Mafia. Am 5. Dezember 1933, rechtzeitig zum Weihnachtsfest, war der Spuk vorbei, die Prohibitionsgesetze wurden aufgehoben.

Aus all dem hätte man viel lernen können, aber immer wieder, wie beispielsweise bei der Diskussion über eine Lockerung des Verbots von leichten Rauschgiften, werden diese Erkenntnisse schlichtweg ignoriert.

Wer Verbote erlässt, das ist nun einmal unvermeidbar, muss auch sicherstellen, dass sie befolgt werden. Und so sind solche Gesetze und Verordnungen, was oft übersehen wird, gigantische Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Es müssen Beamte eingesetzt werden, Polizisten, Gerichte und Leute, die alles vollstrecken. Werbeagenturen und Schilderhersteller wollen ja auch verdienen,
Was, zum Beispiel, würde passieren, wenn das Parkverbot in Städten generell abgeschafft werden würde? Was täten dann all die Politessen, Parkuhr-Hersteller, Knöllchendrucker und die Punktenotierer in Flensburg?

Und was wäre, wenn deutsche Polizeiverordnungen nicht mehr untersagen würden, seine Notdurft im Freien auf städtischen Grund und Boden zu verrichten und ohne Genehmigung Giftschlangen und andere tropische Tiere zu halten?

Es wäre das reine Chaos. Und das will doch wirklich niemand.

Herr Braun und seine Röhre

6. Juni


Wenn einer mit dafür verantwortlich ist, dass wir mit dem Handy telefonieren, am Computer sitzen und in den Fernseher starren, dann sollte er doch eigentlich berühmt sein. Und wenn dieser Jemand auch noch ein Weltunternehmen gründete und einen Nobelpreis erhielt, dann doch wohl erst recht, sollte man meinen. Das alles leistete Karl Ferdinand Braun und steht dennoch nicht auf der Liste der berühmtesten Deutschen.

Am 6. Juni 1850 wurde der überaus talentierte Wissenschaftler in Fulda geboren. Als er am 20. April 1918 im Haus seines Sohnes im New Yorker Stadtteil Brooklyn starb, nahm davon kaum jemand Notiz. Allerdings ging damals der Erste Weltkrieg dem Ende entgegen und die Menschen hatten andere Sorgen, aber etwas mehr Aufmerksamkeit hätte der Erfinder der „Braunschen Röhre“, aus der der wichtigste Baustein eines Fernsehgeräts, die Bildröhre, entstand, der Mann, der so ganz nebenbei die Grundlagen für die Entwicklung des Radars legte, sicher verdient gehabt.

Und es fing gleich gut an: Schon als 24jähriger hatte Braun, damals noch Lehrer am Thomas-Gymnasium in Leipzig, den Gleichrichtereffekt der Halbleiter entdeckt, auf der buchstäblich die gesamte moderne Elektronik beruht, es folgten Elektrometer und vieles andere mehr.

Wahrscheinlich war Ferdinand Braun zu bescheiden, zu zurückhaltend und zu leise, um zu einem Star zu werden wie beispielsweise Guglielmo Marconi, dem es irgendwie gelang, der Welt vorzugaukeln, er sei der alleinige Vater der drahtlosen Telegrafie und nicht dieser deutsche Tüftler, mit dem er 1909 den Nobelpreis teilen musste.

Viel von dem nämlich, was Marconi als seine eigenen Erfindungen ausgab, hatte verblüffende Ähnlichkeit mit Patenten, die Ferdinand Braun bereits besaß. Unter vier Augen soll Marconi sogar zugegeben haben, er habe sich die eine oder andere Idee „ausgeborgt“, aber Braun verzichtete darauf, ihn zu verklagen. Das tat erst die Firma „Braun-Siemens“, die aus „Professor Brauns Telegraphen GmbH“ hervorgegangen war und die im weiteren Verlauf zum Weltunternehmen „Telefunken AG“ wurde.

Aber es war zu spät. Marconi war es inzwischen gelungen, seine juristische und vor allem seine öffentliche Position so abzusichern, dass ihm Braun nichts mehr anhaben konnte. Außerdem stand er bereits als der Mann in den Geschichtsbüchern, der als erster eine Funkverbindung über den Atlantik aufbaute – indem er Brauns Erkenntnisse nutzte.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Guglielmo Marconi hat 1895 tatsächlich die drahtlose Telegrafie erfunden und Braun kam erst drei Jahre später, übrigens auf Anregung einiger Kölner Geschäftsleute um den Schokoladenfabrikanten Ludwig Stollwerck, auf die Idee, sich mit dieser Materie überhaupt zu beschäftigen. Aber es war Braun, dessen Ideen, beispielsweise elektromagnetische Schwingungen mit einer Funkenstrecke in einem geschlossenen Schwingkreis mit einem umfänglichen Kondensator zu erzeugen und dann auf die Antenne zu übertragen, die zur überragenden praktischen Bedeutung der drahtlosen Telegrafie führte.

Typisch: Es war Braun, der als erster mit drahtloser Telegrafie ein Schiff aus Seenot rettete, den Weltruhm aber holte sich aber Marconi nach dem Untergang der „Titanic“.Der Unterschied zwischen den beiden Männern war augenfällig: Marconi, ein eleganter und spritziger Italiener, stets bereit, Kaisern und Königen seine Apparaturen vorzuführen und Braun, der zurückhaltende Professor unter anderem in Karlsruhe, Tübingen und Straßburg, der lieber im Verborgenen arbeitete. Einer seiner Assistenten, ein Russe mit Namen Mandelstam, beschrieb ihn einmal so: „Als Persönlichkeit wirkte Braun durch seine Natürlichkeit und Freundlichkeit und durch sein außerordentliches Wohlwollen ungemein anziehend.

Brauns Forschungsleistungen sichern ihm in der Wissenschaft einen hohen Ehrenplatz und alle, die das Glück hatten, mit ihm in nähere Beziehung zu treten, werden das Andenken des großen, welterfahrenen, klugen und doch so gütigen Mannes stets mit Liebe und Ehrfurcht bewahren." Es wird Zeit, sich diese Worte zu Herzen zu nehmen ...

80 Jahre Tiefkühlkost

6. Juni


Der Urahn von „Käpt’n Iglo“ hieß Clarence Birdseye, zumindest, was die Erfindung der Vorfahren unserer Fischstäbchen betrifft. 1927 wurde das Patent für „Frozen Fish Fingers“ in England patentiert. Den Trick mit dem Eis hatte Birdseye den Eskimos abgeguckt.

Meist haben ja Erfinder nicht viel von ihren Patenten und werden von den Ausbeutern ihrer Ideen über den Tisch gezogen. Der New Yorker Clarence Birdseye bildet da eine erfreuliche Ausnahme: Satte 22 Millionen Dollar strich er dafür ein, dass er der Menschheit einen uralten Traum erfüllte: Frisches Gemüse, Obst, Fleisch und Fisch das ganze Jahr hindurch, praktisch ohne Einbußen an Geschmack und Vitamingehalt.

Schon knapp drei Jahre später, am 6. Juni 1930, wurde die erste professionell bearbeitete und verpackte Tiefkühlkost in 18 Einzelhandelsgeschäften in Springfield (Massachusetts) von der Firma General Food (damals noch Postum Company) angeboten, mit der Clarence Birdseye in Sachen Tiefkühlkost zusammen arbeitete. Markenname: Birds Eye Frosted Foods.

Insgesamt waren es 27 Produkte, mit denen die amerikanische Hausfrau erfreut werden sollte: Fleisch, Spinat, Erbsen, Früchte, Fisch, darunter die in diesem Teil der Welt besonders schmackhaften und beliebten Austern.

Die Methode, Nahrung schnell und bei niedrigen Temperaturen einzufrieren, hatte Birdseye seinen eingeborenen Landsleuten in Alaska abgeguckt, wo er als Biologe für die US-Regierung arbeitete. Als Fachmann erkannte er, dass die Blitzfrostung verhinderte, dass sich Eiskristalle bildeten und die Zellstruktur zerstörten. Wieder zurück in New York kaufte sich Birdseye für sieben Dollar einen Ventilator, schleppte Salzwasser heran und holte sich Eisblöcke. Dann fing er an zu tüfteln, baute gewachste Pappkartons, experimentierte mit hohem Druck und niedrigen Temperaturen, bis er 1930 sein Patent mit der Nummer 1773079 erhielt.

Rund 20 Jahre später führten rund zwei Drittel aller amerikanischen Lebensmittelgeschäft Tiefkühlkost und noch länger sollte es dauern, bis Kühlschränke mit Tiefkühlabteil zum Standart in den Küchen gehörte. Aber ein Anfang war gemacht.

Die Lebensgeschichte des Clarence Birdseye liest sich wie ein mit Klischees gespickter Roman über den „amerikanischen Traum“. Geboren wurde er am 9. Dezember 1886 im New Yorker Stadtteil Brooklyn als Sohn eines nicht besonders erfolgreichen Rechtsanwalts und der Tochter eines relativ bekannten Erfinders. Das Geld war knapp im Hause Birdseye, so dass der junge Clarence früh lernen musste, dass man seinen Lebensunterhalt verdienen musste.

Immer schon interessierte sich der Junge aus der Großstadt für alles, was in der Natur kreucht und fleucht. Seinen Spitznamen „Bugs“ (Wanze) verdiente er sich dadurch, dass er Ratten und Frösche fing und an Universitäten und den Zoo als Futter für Reptilien verkaufte.

Nach der Zeit im College verschlug es ihn nach Labrador, er wurde Pelzhändler und begann, die Eskimos zu beobachten. Diese genauen Studien waren es, die Clarence Birdseye schließlich zu einem überaus erfolgreichen Erfinder und zu einem vermögenden Mann machen sollte.
Denn er ist nicht nur der Vater der Tiefkühlkost, sondern ließ sich so wichtige Dinge einfallen wie eine Art „Wal-Bazooka“, eine Harpune, mit der Wale gekennzeichnet werden konnten, um ihre Wanderung zu erforschen oder eine Infrarotlampe oder Scheinwerfer, um Waren in Einzelhandelsgeschäften gut ausleuchten zu können oder eine elektrisch betriebene Angel.

In den letzten Jahren seines Lebens beschäftigte sich Clarence Birdseye mit Papierherstellung. Er verbrachte zwei Jahre auf einer Plantage in Peru, wo er eine Methode entwickelte, wie man Papier aus Zuckerrohr-Resten produzieren konnte und zwar in einem Bruchteil der Zeit, die man zuvor benötigt hatte. 1956 starb Clarence Birdseye im Alter von 69 Jahren an einem Herzinfarkt.

Über sich selbst sagte er einmal: „Ich halte mich für keinen besonders bemerkenswerten Menschen. In der Schule war ich nicht sehr gut, ich habe noch nicht einmal den College-Abschluss. Und ich bin auch nicht der beste Verkäufer der Welt, aber ich ziemlich neugierig, was die Welt um mich herum betrifft und diese Neugierde, verbunden mit der Bereitschaft, Risiken einzugehen waren verantwortlich für den Erfolg und die Befriedigung, die ich in meinem Leben erfahren habe.“ Das Thema zum Thema „American Dream“.

Geh'n wir mal zu Hagenbeck

7. Mai


Finkenwerder Fischer, die eigentlich auf Stör auswaren, brachten sie mit, die sechs Seehunde und verkauften sie an den Fischhändler Gottfried Clas Carl Hagenbeck. Das war im Jahre des Herrn 1848. Hagenbeck ließ sie in Metallbottichen vor seinem Geschäft im Hamburger Stadtteil St. Pauli herumplanschen und siehe da, die Menschen strömten nur so herbei. „Dann kann ich ja auch Geld dafür nehmen“, dachte sich der olle Hagenbeck. Gesagt getan, es war der Beginn einer grandiosen Geschichte, die knapp 50 Jahre später, am 7. Mai 1907, historische Dimensionen annahm.

Da eröffnete der Sohn des alten Carl, Carl Hagenbeck Junior, im damals noch zum preußischen Altona gehörigen Stadtteil Stellingen auf einer Fläche von 27 Hektar den ersten Zoologischen Garten der Welt, in dem Tiere nicht hinter Gittern, sondern in Freigehegen, also in einer Umgebung leben konnten, die ihrem eigentlichen Lebensraum zumindest einigermaßen nachgebildet war. Carl Hagenbeck hatte seine Idee 1896 zum Patent angemeldet und es sollte die Welt der Zooarchitektur revolutionieren.

Schon zuvor hatte der einfallsreiche Hamburger Furore gemacht. Nachdem er als 22jähriger 1866 den väterlichen Betrieb übernommen hatte, fügte er dem Handel mit toten Meeresbewohnern dem mit lebenden Landtieren hinzu. Regelmäßig schickte er seine Tierfänger zunächst nach Afrika und dann auch nach Asien, Südamerika, an die Pole und nach Australien, um die Menagerien von Kaisern und Königen und anderen Potentaten zu beliefern.

So sendete er beispielsweise eine Herde Dammhirsche und eine Ladung Finken an William Rockefeller, den Bruder von Ölmagnat John D. Rockefeller. Das Geschäft brummte jedenfalls derartig, dass Hagenbeck umziehen musste. Er zeigte nun in einem 7000 Quadratmeter großen Garten allerlei Getier, nannte das ganze „Hagenbeck’s Thierpark“ und verdiente gut dabei. Langsam baute er den größten Tierhandel der Welt auf. In 21 Jahren, von 1866 bis 1887, verkaufte er insgesamt fast 4000 Raubtiere, 26 Nashörner und Hunderte von Elefanten, Antilopen und Giraffen.

Eines Tages brachte ihn sein Freund, der Leipziger Tiermaler Heinrich Leutemann, auf eine neue Idee: Die Tiere sollten begleitet werden von „typischen“ Eingeborenen. Die „Völkerschau“ war geboren. Als erste traf eine Lappen-Familie mit ihren Rentieren ein, dann folgten Nubier, Indianer, Kalmücken, „wilde Patagonier“ und was es sonst noch an „Exoten“ auf diesem Planeten gibt. Die führten dann vor, wie es zuging in ihrer Heimat, oder jedenfalls wie sich die begeisterten Zuschauer wünschten, wie es zugehen sollte – Kämpfe, Überfälle und Feste. Es war ein Riesenerfolg, auch wenn es dabei Opfer gab. 1880 beispielsweise kamen zwei Inuit-Familien aus Labrador, gekleidet in landesübliche Fellparkas, sie jagten Seehunde und fuhren Kajak. Leider aber waren ihre Körper machtlos gegen die ortsüblichen Viren. Alle Eskimos starben.

Aber in der Kaiserzeit sah man das alles nicht so eng, Hagenbeck ging mit seiner Völkerschauen (insgesamt waren es 54) auf Tournee und gründete 1887 natürlich auch noch einen Zirkus – das liegt ja auf der Hand - und dieser machte den Namen Hagenbeck auf dem ganzen Globus bekannt. Der „Zirkus Hagenbeck“ zeigte sich in Chicago und auf der Weltausstellung 1904 in St. Louis, in Argentinien, Japan, Indien, China, Ägypten und Spanien.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde der inzwischen weltberühmte Zoo fast völlig zerstört, aber schnell wieder aufgebaut. Selbst am Tag der Kapitulation, am 8. Mai 1945, kamen 364 zahlende Besucher, und das bei – wie aus den Geschäftsbüchern hervorgeht – saumäßigem Wetter.

Im Jubiläumsjahr 2007 gab Hagenbeck, der einzige in Privatbesitz befindliche Großzoo der Welt, noch einmal Gas: Ein neues Troparium wurde gebaut, das am Jubiläumstag eröffnet wurde, es wurden Riffhaie angeschafft, Adlerrochen und neue Krokodile vom Nil.

Und da wollten auch die Tiere offenbar nicht nachstehen. Elefantenkuh Lai Sinh brachte pünktlich eine Tochter zur Welt, die sich, ähnlich wie Eisbärknuddel Knut in Berlin, zum absoluten Publikumsliebling entwickelte, da außerdem noch die damals vierjährige Kandy und die dreijährige Thai im Hagenbeck-Elefanten-Gehege herumtollten.

Wenn das alles kein Grund ist, sich der Aufforderung des Hamburger Volkssängers und Komponisten Richard Germer anzuschließen, der einst sang: „Geh’n wir mal zu Hagenbeck“, dann weiß ich es auch nicht ...

Das Phänomen Orson Welles

6. Mai


30. Oktober 1938: Tausende versuchen aus den Städten zu fliehen, nur fort in die Berge. Die Ausfallstraßen sind verstopft, durch die verwaisten Straßen ziehen Plünderer, einige Menschen nehmen sich sogar das Leben. Und das alles nur, weil ein gewisser Orson Welles in einer fiktiven Rundfunkreportage von der Landung Außerirdischer in New York berichtet hatte. Es war der erste Coup des späteren Weltstars, der am 6. Mai 1915 in Kenosha im US-Bundesstaat Wisconsin geboren wurde.

Man mag es heute kaum glauben, dass Welles atemlose Reportage über die Landung Außerirdischer in New York und ihre Vorbereitungen zur Vernichtung der Menschheit von so vielen Menschen für bare Münze genommen wurde und dass dadurch an der gesamten Ostküste der USA eine Massenhysterie ungeheuren Ausmaßes ausgelöst wurde.

Den Hinweis, dass es sich lediglich um ein Hörspiel frei nach H.G. Wells Roman „Der Krieg der Welten“ handelte, bekamen nur noch die wenigsten mit. Alle anderen hatte die Apparate bereits in Panik verlassen und liefen ziellos durch die Straßen.

Orson Welles war mit einem Schlag ein berühmter Mann.

Er sollte noch zweimal Geschichte, in diesem Fall Filmgeschichte, schreiben. 1941 schuf er ein Meisterwerk, bei dem auch heute noch Cineasten mit der Zunge schnalzen: Mit „Citizen Kane“ erreichte der noch relativ junge Film einen seiner unbestrittenen historischen Höhepunkte. Kaum ein anderer Streifen erreichte je wieder die ästhetische Komposition der Bilder und die perfekte Nutzung der vorhandenen technischen Möglichkeiten.

Dass der Film auch finanziell ein Erfolg wurde, was bekanntlich ja nicht für jedes Kunstwerk gilt, verdankt Welles dem Umstand, dass mit ihm ein handfester Skandal verbunden war. Der allmächtige Zeitungsverleger William Randolph Hearst meinte sich in dem Pressetycoon Charles Foster Kane in Welles Film wiederzuerkennen. Vor allem die Passagen mit dem völlig talentlosen Filmsternchen Susan Alexander ärgerten den immerhin 78 Jahre alten Hearst, denn er hatte selbst gerade eine heiße Liebesgeschichte mit der ebenfalls nicht besonders erfolgreichen Schauspielerin Marion Davies.

Vielleicht fühlte sich Hearst auch ertappt, da Welles in dem Film sein Erfolgsrezept, nämlich Sensation um jeden Preis, gnadenlos enthüllt. Randolph Hearst besaß zuletzt insgesamt 38 Zeitungen und Zeitschriften inklusive eigenem Nachrichtendienst, dem „International New Service“, war also ein wirklich einflussreicher Mann. Und obwohl der Pressezar alles tat, um den Start des Film zu verhindern, ihn am liebsten in Flammen aufgehen lassen wollte, gelang es ihm erfreulicherweise nicht. „Citizen Kane“ überlebte.

Nach diesen überwältigenden Erfolgen als Rundfunkmann und Filmregisseur setzte Orson Welles 1949 noch ein Glanzlicht, das seinesgleichen sucht. Diesmal als Schauspieler. Nur zehn Minuten ist er insgesamt in Carol Reeds Meisterwerk „Der Dritte Mann“ als Penicillin-Schieber Harry Lime zu sehen und dennoch beherrscht er den ganzen Film - ebenso unvergesslich wie die Zittermusik des Anton Karas. Nichts hält die Dramatik, Tristesse und Brutalität der Schwarzmarktzeit kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs eindruckvoller fest als „Der dritte Mann“.

Für Welles war es der dritte Geniestreich. Es blieb sein letzter. Er drehte zwar noch zahlreiche Filme, der Schwung seiner jungen Jahre aber war dahin. Er drehte vorrangig Shakespeare-Filme, 1962 wagte er sich mit überschaubarem Erfolg an Franz Kafkas „Der Prozeß“. Er hatte große Ambitionen, die viel Geld verschlangen und kaum etwas einbrachten. Welles verdiente es sich in meist recht lustlos gespielten Nebenrollen. Nach Aussagen seines langjährigen Sekretärs Maurice Bessy waren ihm diese Rollen herzlich gleichgültig, aber sie ermöglichten ihm das Überleben.

„Jeder, der sich für den lächerlichen Beruf eines Filmemachers entscheidet, hat verdient, was ihm widerfährt“, hat Orson Welles einmal gesagt. Ihm widerfuhr Merkwürdiges: In den ersten 35 Jahren seines Lebens wurde er zum Mythos, zu einem legendären Medien-Giganten. Dann gab es einen seltsamen Bruch. Nichts lief mehr so richtig und in den zweiten 35 Jahren seines Lebens dümpelte der große Orson Welles irgendwie im Mittelmaß herum. Er starb am 10. Oktober 1985.

Der erste echte Cowboyhut

5. Mai


So ein Stetson ist schon ein praktisches Ding: Wenn die Sonne herunter knallt, dann bietet er Schatten, wenn es wie aus Kübeln schüttet, schützt er vor Nässe und wenn der treue Gaul nicht direkt aus einem Fluss oder einem Bach trinken kann, dann füllt man seinen Stetson mit dem kostbaren Nass, trinkt selbst und lässt dann sein Pferd daraus schlabbern. Abends, am Lagerfeuer, da kann man mit dem Hut so viel Wind machen, dass es eine ordentliche Glut ergibt. Und das wichtigste: Man kann Kühe in die richtige Richtung dirigieren, wenn man ihn hin- und herschwenkt. Kurz: Ein Stetson ist für jeden Cowboy unersetzlich.

Bevor es ihn gab, also vor dem Jahr 1865, da trugen die Männer im Wilden Westen alles Mögliche, irgendwelche Kappen oder Kapitänsmützen, Strohhüte oder von den Mexikanern abgeguckte Sombreros. Erst als John B. Stetson auf der Bildfläche erschien, der in diesen Tagen vor 180 Jahren, genau am 5. Mai 1830, geboren wurde, da kam auch er auf die Welt, der erste echte Cowboyhut.

Dieser John Batterson Stetson, siebtes Kind in einer 14köpfigen Großfamilie in Orange im Bundesstaat New Jersey, lebte ganz im Osten der USA, also weit weg von Prärie, riesigen Rinderherden und Indianern. Aber mit Hüten hatte er schon sehr früh etwas am Hut, denn sein Vater Stephan war Hutmacher.

John B. Stetson ging es gar nicht gut in der Jugend. Er litt unter Tuberkulose und sein Arzt hatte ihm ein nur kurzes Leben vorhergesagt. Da er aber unbedingt den Wilden Westen kennen lernen wollte, bevor er starb, beschloss der junge Mann in die Rocky Mountains zu ziehen, nach Colorado, wo 1858 an Pikes Peak Gold gefunden worden war. Er stimmte ein in den Schlachtruf der Glücksritter „Pike’s Peak or bust!“ (Pike’s Peak oder Pleite!) und beobachtete mit Interesse die Mützen aus Waschbärfell, die einige Goldsucher trugen.

Dann hatte er eine Idee: Warum nicht einen Filzhut herstellen, der aus dem Unterhaar von Biberfellen besteht? Der wäre schön leicht und wasserabweisend. Und er hält warm. Gesagt, getan und es entstand ein erster, ziemlich auffälliger, weil ziemlich großer Hut mit breiter Krempe. Den trug er dann auch, erst zum Spaß, aus dem dann schnell ernst wurde, als ihm ein Cowboy ein Fünf-Dollar-Goldstück anbot und ihn kaufte.

Stetson ging zurück in den Osten und erwarb in Philadelphia eine Fabrik, in der er die ersten Hüte herstellte, die am Hutband seinen Namen trugen, legendäre Kopfbedeckungen wie den „Boss of the Plains“ oder den „Ten Gallon Hat“, dessen Name wohl eher auf einem Missverständnis beruht, denn ursprünglich nannten die Mexikaner diesen ziemlich großen Hut „un sombrero tan galan“, was soviel heißt wie ein „sehr eleganter Hut“, woraus dann „Ten Gallon“ (zehn Gallonen) wurde.

Es dauerte nicht lange und die von Stetson gegründete Firma eroberte den Hutmarkt des Landes und später auch darüber hinaus. Schon bald gehörte es zum guten Ton, einen Stetson zu tragen, die US-Kavallerie wurde damit ausgerüstet, so dass auch der unglückliche George Armstrong Custer einen Stetson trug, als er und seine Männer 1876 am Little Big Horn von Indianern massakriert wurden,

Natürlich hatte auch Buffalo Bill einen Stetson auf dem Kopf oder Annie (get your gun) Oakley, wenn sie ihre Schieß-Kunststücke veranstaltete. John Wayne trug ihn und Tom Mix, zahlreiche US-Präsidenten ließen sich gern mit ihm fotografieren und einer schaffte es sogar ins Museum: Das war der von J.R. Ewing, der nach dem Ende von „Dallas“ im „Smithsonian National Museum of American History“ in Washington landete.

John B. Stetson wurde 75 Jahre alt und starb am 18. Februar 1906.

Die „Stetson“ Hut-Fabrik ist heute in St. Joseph im Bundesstaat Missouri angesiedelt und produziert Westernhüte in Hunderten von Formen und Farben. Die Preise für diese Hüte bewegen sich zwischen bescheidenen 35 Dollar und 5000 Dollar für einen, der üppig mit Diamanten besetzt ist.

Übrigens: Das berühmte „X“, das im Innenleder eines jeden Stetson zu finden ist, ist ein Qualitätsmerkmal. Es bezeichnet den Anteil von Biberhaar. Je mehr „X“ dort stehen, um so seidiger und unverwüstlicher ist er. Der Wahlspruch der Firma, die inzwischen unter anderem auch Kosmetika und Sonnenbrillen verkauft, ist typisch amerikanisch selbstbewusst und ein ganz klein wenig überheblich: „Stetson, das ist nicht ein Hut, das ist der Hut“.

Der Vater des Judo

4. Mai


Wenn man aus einer guten alten Sake-Brauer- und Samurai-Familie stammt, in denen ja bekanntermaßen lieber Harakiri gemacht wird als das Gesicht zu verlieren, wenn man aber gleichzeitig ein Hänfling ist und ständig von Klassenkameraden verprügelt wird, dann muss man sich etwas einfallen lassen. Ein gewisser Jigoro Kano, der am 28. Oktober 1860 in Mikage in der Nähe der alten japanischen Kaiserstadt Kioto geboren wurde, tat genau dies und dies mit Hilfe eines deutschen Universitätsprofessors mit Namen Erwin von Bälz. Dieser war seinerzeit als Lehrkraft an der Universität Tokio beschäftigt, wo der junge Kano Medizin studierte und war außerdem Leibarzt der japanischen Kaiserfamilie.

Dieser Erwin von Bälz war ein Sportfan. Vor allem interessierte er sich für eine Sportart mit Namen Jiu Jitsu, was wörtlich übersetzt „sanfte Kunst“ heißt, ein Kampfsport, der nicht rohe Gewalt anwendet, sondern einen Angreifer durch Nachgeben besiegt.

In der Legende um die Entstehung dieser Sportart heißt es, ein japanischer Mediziner habe bei einem heftigen Sturm beobachtet, wie schwere und starke Eichen zerbrachen, während angeblich schwache Weiden den Orkan unbeschadet überstanden.

Jiu Jitsu dient ausschließlich der Selbstverteidigung und gilt deshalb im Reich der aufgehenden Sonne als besonders ehrwürdig. Also: Erwin von Bälz brachte seinen schmächtigen Schüler Jigoro Kano auf die Idee, sich wirkungsvoll und zugleich ehrenhaft zu wehren, eine für einen Samurai-Sohn außerordentlich verlockende Aussicht, denn Jiu Jitsu wurde traditionell insbesondere von den alten japanischen Kriegern angewandt, wenn sie sich nach Verlust aller Waffen gegen ihre Gegner verteidigen mussten.

Jigoro Kano trainierte eifrig in mehreren Tokioter Jiu-Jitsu-Schulen, wurde selbst ein Meister und begann dann eigene Ideen einzubringen. Damit schlug die Geburtstunde des Judo. Einerseits feilte Kano an den Techniken, fügte vor allem sehr viel mehr Würfe hinzu, auf der anderen Seite aber gab er dem Sport auch eine geistige Komponente frei nach dem europäisch antiken Idealbild „mens sana in corpore sano“ (Gesunder Geist in gesundem Körper). Vor allem aber „entschärfte“ Kano das unter Umständen zu tödlichen Verletzungen führende Jiu-Jitsu und machte daraus eine elegante, leichtfüßige und relativ ungefährliche Sportart, in der Körper und Geist in Harmonie zusammenwirken.

1884, Jigoro Kana war gerade einmal 24 Jahre alt, gilt als das Geburtsjahr der neue Sportart Judo, bestehend aus „Ju“ mit der Bedeutung „sanft“ und „do“ was soviel heißt wie „Weg“ und womit angedeutet werden soll, dass der Weg zum Meister nie endet, dass man nie am Ende aller Weisheit, auch nicht der des Judo, ist.

Die große Stunde des Jigoro Kano kam, als eifersüchtige Konkurrenten die Effektivität der neuen Sportart anzweifelten und Judo als „Jiu Jitsu für Bücherwürmer“ bezeichneten. Es kam zu einem großen Kräftemessen. 1886 standen sich je 15 Meister der alten und der neuen Sportart gegenüber. Nicht ein einziger von Kanos Schülern verlor seinen Kampf, es gab lediglich zwei Unentschieden.

Jigoro Kano erlebte es noch, dass die ersten japanischen Meisterschaften im Judo organisiert wurden, er musste allerdings bis ins Jahr 1930 warten. 1938 reiste er nach Europa, um dort die neue Sportart vorzustellen, die erstmals während der geplanten Olympischen Spiele 1940 in Tokio gezeigt werden sollte. Kano starb am 4. Mai auf der Rückreise auf dem Schiff im Alter von 77 Jahren an einer Lungenentzündung. Und die Olympischen Spiele in Tokio mussten wegen des 1939 ausgebrochenen Weltkriegs abgesagt werden.

Und so warteten Tokio und das Judo bis ins Jahr 1964, bis beide olympisch wurden.

Jigoro Kano war ein überaus strenger Mann, dem Disziplin und Perfektion über alles ging. Seine Schüler mussten jeden Morgen um 5 Uhr aufstehen und zunächst das Haus reinigen und dann im Garten arbeiten. Kano glaubte an den Wert der Erziehung. „Nichts unter der Sonne ist wichtiger als Erziehung“, sagte er einmal, „wenn wir einen Menschen erziehen und ihn in die Gesellschaft seiner Generation entlassen, prägen wir damit 100 Generationen, die noch kommen.“ Aber er war manchmal auch ein etwas merkwürdiger Kauz. So ging er nie ohne Schirm spazieren, damit der Regen keine Macht über ihn haben sollte ...

Walter und Erich

3. Mai


Fast 20 Jahre nach dem Ende der DDR und der Vereinigung der beiden deutschen Staaten kommt es einem schon fast so vor, als würden die beiden Männer, die die Geschichte des ersten und einzigen Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden über all die Jahre bestimmten, zu ein und demselben mehr oder weniger menschlichen Wesen verschmelzen.

Und tatsächlich waren Walter Ulbricht und Erich Honecker irgendwie aus demselben Holz geschnitzt: Beide waren grenzenlos ehrgeizig, krankhaft misstrauisch und im Herzen farblose Spießbürger mit einem Hang zu kalten Grausamkeiten, wie man es oft bei dieser Spezies Homo sapiens antrifft. Schließlich wurde ihnen derselbe Fehler zum Verhängnis: Unendliche Selbstüberschätzung und die damit verbundene Freude am Kult um die eigene Person.

Am 3. Mai 1971 vollzog sich die Machtübergabe - für die Öffentlichkeit als Generationswechsel getarnt und mit der angegriffenen Gesundheit des 73jährigen Walter Ulbricht begründet. In Wirklichkeit aber war es das Ende eines gnadenlosen Machtkampfes zwischen den beiden einstigen Weggefährten, der in letzter Instanz von dem mächtigen Mann im Kreml, Leonid Breschnjew, entschieden wurde.

Dabei hatte Honecker seinem Ziehvater Ulbricht eigentlich alles zu verdanken. Seit Beginn der DDR hatten sie eine Seilschaft gebildet mit Ulbricht als Senior- und Honecker als Juniorpartner in Funktion des FDJ-Chefs. Und es hätte nicht viel gefehlt, da wäre es schon frühzeitig um beide geschehen gewesen. In der Folge des gescheiterten Aufstands vom Juni 1953 wackclte der Stuhl des 1. Parteisekretärs Walter Ulbricht bedenklich und es kam zu dramatischen Auftritten im Politbüro, die zu späteren Zeiten schier undenkbar gewesen wären.

So wird die einzige Frau im damaligen Politbüro, Elli Schmidt, mit den bemerkenswerten Worten zitiert: „Der ganze Geist, der in unserer Partei eingerissen ist, das Schnellfertige, das Unehrliche, das Wegspringen über die Menschen und ihre Sorgen, das Drohen und Prahlen - das erst hat uns so weit gebracht und daran, lieber Walter, hast du die meiste Schuld ... Wer Dir zum Munde redet und immer hübsch artig ist, der kann sich viel erlauben. Honecker, zum Beispiel, das liebe Kind“.

Aber Ulbricht rettete sich und mit ihm seinen Ziehsohn Honecker. Ob der alte Sachse jemals ahnte, wer hinter seinem Sturz 1971 stand, ist nicht endgültig geklärt, jedenfalls versuchte Ulbricht bis zuletzt, seine Macht zu erhalten. Der starke Mann der UdSSR, Leonid Breschnew, damals noch im Vollbesitz seiner Kräfte und noch nicht vom Wodka zerstört, war allerdings schon seit einiger Zeit unzufrieden mit seinem Vasallen in Ost-Berlin. Ulbricht hatte sich einige Dinge herausgenommen, die Breschnjew als Missachtung und Überheblichkeit empfunden hatte. Außerdem missbilligte er den Wunsch seines deutschen Genossen, sich möglichst vom großen roten Bruder abzunabeln und einen eigenen Weg zu gehen.

Immer wieder kam es zwischen den beiden zu Kontroversen, die im Laufe des Jahres 1970 eskalierten. Honecker hatte das alles durch geschickte Sticheleien und gezielte Indiskretionen geschürt. Aber alles schien für Erich schon verloren, als sich Ulbricht und Breschnjew nach einem Treffen der Partei- und Staatschefs des Warschauer Paktes im August 1970 wieder nähergekommen waren. Aber dann machte Walter Ulbricht doch wieder alles kaputt, indem er dem roten Zaren unmissverständlich und das vor versammelter Mannschaft mitteilte, die DDR wolle sich zwar in der Kooperation mit der Sowjetunion aber doch als echter deutscher Staat entwickeln. „Wir sind nicht Bjelorussland, wir sind kein Sowjetstaat“, rief Ulbricht unvorsichtigerweise aus. Honecker rieb sich die Hände.

Im Januar 1971 brachte er einige wichtige Mitglieder des Politbüros, unter ihnen die Herren Hager, Mittag, Sindermann und Stoph, dazu, in Moskau zu petzen. In einem langen Brief wird den russischen Genossen mitgeteilt, welche Verfehlungen Ulbricht sich leiste und dass man es für eine „internationalistische Pflicht“ halte, „das Politbüro des ZK der KPdSU über die bei uns entstandene Lage zu informieren und zu bitten, uns bei der Lösung zu helfen.“

Der Kreml handelte, Ulbricht trat zurück und Honecker war am Ziel seiner Träume. Wer an die Macht will, darf sich keine Gefühlsduseleien leisten. Binsenweisheiten sind manchmal auch stärker als Ideologien.