Als der Jazz nach Deutschland kam

15. Januar

Es ist nicht allzu viel, was wir über die Platte wissen, die den Jazz nach Deutschland brachte. Nur, dass vor 90 Jahren, genau am 15. Januar 1920, die in Berlin ansässige Plattenfirma Homokord unter der Nummer „Hom B-557“ eine Aufnahme der „Original Excentric Band“ veröffentlichte, auf der Posaune, Trompete, Alt- und Tenor-Saxophon, ein Piano, ein Banjo, eine Tuba und Schlagzeug zu hören waren. Und wir wissen, dass der Chef der Band ein gewisser F. Groundzell war, dessen kompletter Vorname aber genauso in Vergessenheit geraten ist wie die Namen der Bandmitglieder.

Es war das erste und letzte Mal, dass die „Original Excentric Band“ von sich hören ließ - was nicht weiter überrascht, denn das, was sie ablieferte, war nach heutigen Maßstäben grottenschlecht. Der Klassiker „Tiger Rag“ war jedenfalls kaum zu erkennen, es klang eher wie eine eigenwillige Interpretation des Radetzky-Marsches, was Mr. Groundzell und seine Mannen da ablieferten.

Von dem Dixieland-Stück, um dessen Urheberschaft sich der Kornettist der „Original Dixieland Jass Band“, Nick la Rocca, und der berühmte Jazz-Pionier Jelly Roll Morton stritten, war jedenfalls nicht viel übrig geblieben. Zur Entschuldigung sei gesagt, dass es kaum Möglichkeiten gab, sich an irgendetwas zu orientieren, denn die „Original Dixieland Jass Band“ hatte erst knapp zwei Jahre zuvor, im Februar 1917, als erste Jazzband überhaupt eine Platte herausgebracht.

Diese „Original Dixieland Jass Band“, die 1917 ihren Namen in „Original Dixieland Jazz Band“ änderte, weil Witzbolde gern auf den Plakaten das „J“ vor dem „ass“ überklebten, schrieb übrigens noch einmal Geschichte. Sie trat als erste Jazzband in einem Film auf. Das war ebenfalls 1917, hatte allerdings den kaum zu übersehenden Nachteil, dass es sich bei dem Streifen namens „The Good for nothing“ um einen Stummfilm handelte.

Die neue Musikrichtung mit Namen Jazz fand in Deutschland auch aus anderen Gründen keinen geeigneten Nährboden, denn die Menschen hatten andere Sorgen. Der Erste Weltkrieg war gerade verloren worden und in der jungen Weimarer Republik wurde durch schlechte Versorgungslage und blutige Straßenkämpfe erschüttert. Überall herrschte Arbeits- und Mutlosigkeit, die bald von einer Vergnügungssucht abgelöst wurde, die allerdings weitgehend ohne die neumodische Musikrichtung namens „Jazz“ auskommen musste – zumal erst 1922 erlaubt wurde, dass die ersten „echten“ Jazzplatten aus den USA eingeführt wurden.

Deshalb verschwanden „Tiger Rag“ und die „Original Excentric Band“ auch aus dem Fokus der Musikschaffenden, die sich lieber an ihrem Vorkriegsrepertoire orientierten. Mitte der 20 Jahre wurden dann von einigen der damals mehr als 30 000 Tanzorchester der „Golden Twenties“ in Hotels und Ballsälen Swing, Blues oder Ragtime und andere aus den USA stammende neue Musikrichtungen gespielt. Aber in sehr gemäßigter Form.

Seit dem Oktober 1923 war Jazz, oder jedenfalls, was man damals dafür hielt, im Radio zu hören. Dem Sender aus dem Berliner „Voxhaus“ folgte im Mai 1924 „Radio München“ mit einer Sendung „Jazzmusik aus dem Regina-Palasthotel“ und später andere.

Für den musikalischen Nachwuchs wurde erst 1928 im namhaften „Hoch’schen Konservatorium“ in Frankfurt eine Jazz-Klasse eingerichtet – was den politischen Widerstand gegen „Amerikanisierung der deutschen Kultur“ verstärkte. So gab es auf Betreiben des späteren NS-Reichsministers Wilhelm Frick 1930 in Thüringen, wo erstmals in Deutschland Nationalsozialisten in der Regierung saßen, einen Erlass „wider die Negerkultur und für das deutsche Volkstum“ und die Regierung Papen erließ 1932 ein Auftrittsverbot für schwarze US-Musiker in Deutschland.

Ab 1933 gingen dann sowieso für den Jazz weitgehend die Lichter aus. So wurde, um der Zensur zu entgehen, aus dem „Tiger Rag“ die deutsche Version „Schwarzer Panther“ (allerdings als Foxtrott) und aus dem „St. Louis Blues“ das „Lied vom blauen Ludwig“.

Die Verfolgung des Jazz durch die Nazis war allerdings vor allem gegen Afro-Amerikaner und Juden gerichtet, gegen einen flotten Swing, gespielt von einem weißen „arischen“ Orchester hatten selbst sie nichts einzuwenden. So gründete Chefpropagandist Joseph Goebbels sogar eine Band mit dem Namen „Charlie and His Orchestra“, die für mehr Hörer in den englischsprachigen Propaganda-Rundfunksendungen sorgen sollte.

Nach dem Krieg war der Siegeszug des Jazz nicht mehr aufzuhalten. Und dann durfte der „Tiger Rag“ auch wieder „Tiger Rag“ heißen.

1 Kommentar:

Max_Max_Smart hat gesagt…

Sorry that this post is in English.

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F Groundzell is really my great-grandfather Frank Groundsell. His stage name was Mr Masseltof of Chicago as mentioned in Jan Groot's "O! Masseltof! Marschlied."
Born in Southampton UK in 1890.
E-mail me if you would like some more information.

Mart