Die Hesselbachs

17. Januar

„De Babba Hesselbach is dood“ titelte die Frankfurter Allgemeine Zeitung zugleich traurig und liebevoll und fast jeder in Deutschland wusste, dass dies der Nachruf auf Wolf Schmidt war, der am 17. Januar 1977 im Alter von 63 Jahren in einem Heim für Demenzkranke gestorben war.
Denn Wolf Schmidt war Herz und Seele, vor allem aber Kopf der nach den „Schölermanns“ zweiten Familienserie im Deutschen Fernsehen, der „Firma Hesselbach“, aus der dann in der zweiten Staffel die „Familie Hesselbach“ und schließlich (schon nicht mehr so erfolgreich) als dritte „Herr Hesselbach und ...“ wurde.

In diesen Tagen vor 50 Jahren, genau am 22. Januar 1960, zeigte der Hessische Rundfunk die erste von insgesamt 51 Folgen, die zu wahren „Straßenfegern“ wurden und die bis zu 94 Prozent aller Fernsehzuschauer im damals allerdings anfangs noch konkurrenzlosen ersten Programm ansahen. Die Geschichten um Karl „Babba“ Hesselbach, den dynamischen, klugen, manchmal auch hitzköpfigen und autoritären Patriarchen einer kleinen Verlagsdruckerei, seiner vielköpfigen Familie und all den anderen Figuren dieses südhessischen Mikrokosmos waren vor allem so beliebt, weil es gelang, den Nachkriegsdeutschen der Ära Adenauer einen Spiegel vorzuhalten. Wolf Schmidt formulierte dies einmal so: „Die Ehemänner vor dem Fernsehapparat müssen sagen können: Die hab ich neben mir sitzen. Und die Frauen müssen sagen: O Gott, der sitzt neben mir.“

Dass dies nicht immer ein sehr schmeichelhaftes Bild der 60er Jahre war, störte kaum jemanden, im Gegenteil, die Menschen amüsierten sich über die kleinbürgerlichen Intrigen und über Glück und Unglück einer Familie in einer Zeit des gesellschaftlichen Wandels, in einer Zeit, in der „Familie“ noch eine Säule des Lebens war, die bereits langsam erste Risse bekam.

Und es war einfach witzig, „Mamma Hesselbach“ dabei zu beobachten, wie wieder einmal ihren Mann natürlich völlig fälschlicherweise verdächtigt, mit der resoluten Putzfrau Frau Siebenhals ein Verhältnis angefangen zu haben und wenn sie in Ermangelung irgendwelcher Argumente immer zum allerletzten Mittel flüchtete, indem sie mit dem Satz „Ei, Kall, mei Drobbe“ (Karl, meine Tropfen) einen Schwächeanfall simulierte.

Wolf Schmidt fand nach dem Ende der „Hesselbachs“, die ursprünglich eine ebenso erfolgreiche Hörspielreihe war und die im Mittelpunkt von vier Spielfilmen und zwei Schallplattenproduktionen standen, nicht mehr so recht Fuß in den Medien. Hinzu kam, dass 1968 sein zehnjähriger Sohn starb, was Schmidt nie verwinden konnte.

„Mamma Hesselbach“ Liesel Christ, die im August 1996 im Alter von 77 Jahren starb, hinterließ sehr deutliche Spuren in ihrer Heimatstadt Frankfurt am Main. Da sie nach dem Auslaufen der Serie keine neuen Fernsehangebote mehr bekam, gründete sie 1971 das „Frankfurter Volkstheater“, in dem die ausgebildete Schauspielerin selbst sehr erfolgreich das Konzept umsetzte, großes Theater für kleine Leute anzubieten. So spielte sie eine ergreifende „Mutter Courage“ und brachte Goethes „Urfaust“, der ja durchaus als regionales Produkt gelten kann, in hessischer Mundart auf die Bühne, ein ehrgeiziges, aber geniales Konzept.

Die dritte Protagonistin, „Frau Siebenhals“, Lia Wöhr, wurde die erste weibliche Produzentin des Deutschen Fernsehens. Jahrelang war sie für die „Äbbelwoi“-Sendung „Zum blauen Bock“ verantwortlich, wo sie auch „die Frau Wirtin“ spielte und leitete die Vorentscheidungen zum „European Song Contest“, der damals noch „Grand Prix Eurovision de la Chançon Européen“ hieß.

Lia Wöhr, die sich auch als Regisseurin unter anderem in Italien einen Namen machte, starb am 15. November 1994 im Alter von 83 Jahren.

Die Hesselbachs, so resümierte der Hessische Rundfunk, haben „die junge Bundesrepublik beim Erwachsenwerden begleitet, damit Millionen Deutsche unterhalten und gleichzeitig zum Nachdenken angeregt.“ Im Juni 1967 war die Ära Hesselbach vorbei. Dass dies nur wenige Wochen nach dem Tod des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer war, ist sicherlich nur auf den ersten Blick ein Zufall ...

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