Der erste Fernsehkoch

21. Januar

Die eigentliche Überraschung ist nicht, dass, sondern, wie lange es sie schon gibt. Die Fernsehköche. Praktisch nämlich schon so lange wie das Medium Fernsehen selbst. Und so verwundert es kaum, dass man über einen gewissen Marcel Boulestrine, der am 21. Januar 1937 in der britischen BBC als erster in aller Öffentlichkeit ein Omelett zubereitete, kaum noch etwas weiß – ihn hat ja auch kaum jemand gesehen. Vielleicht ist das auch einer der Gründe, dass dieser erste Fernsehkoch in der englischen Küche keine Spuren hinterlassen hat, sie ist nach wie vor eine der schlechtesten der Welt.

Kochen im Fernsehen (übrigens vor allem in Deutschland, in England und den USA ein Quotenrenner, den Franzosen beispielsweise wäre Biolek völlig wurscht) erlebt nun schon mehrere Jahre ein Dauerhoch. Kaum ein Sender kommt ohne Glotzen-Brutzler aus, ob Alfons Schubeck oder Johann Lafer, ob Jamie Oliver oder Tim Mälzer oder ob es gar Leute von nebenan sind, die um das „perfekte Dinner“ wetteifern, obwohl sie gar keine Köche sind, sondern als Sekretärinnen, Buchhalter oder Ingenieure nur ausnahmsweise am Herd stehen.

Auch der erste Fernsehkoch der Bundesrepublik, der legendäre Clemens Wilmenrod, war mehr Schauspieler und charmanter Dampfplauderer als Koch, allenfalls ein Hobbykoch, dem man die Anweisungen soufflieren musste. Dennoch durfte der Mann, der als Erfinder der (mit einer Mandel) gefüllten Erdbeere und des Toast Hawaii gilt, von 1953 bis 1964 zu Tisch bitten.

Wilmenrod, der seine Zuschauer zum Auftakt seiner wöchentlichen Sendung „Bitte, in zehn Minuten zu Tisch“ zunächst als „liebe goldige Menschen, liebe Brüder und Schwestern in Lucullus“ und später als „Verehrte Feinschmeckergemeinde“ begrüßte, hieß eigentlich Carl Clemens Hahn, wählte als Künstlernamen seinen Geburtsort Willmenrod (mit zwei „l“) im Westerwald. Man sagt, dass sein Einfluss auf die deutschen Speisezettel so groß war, dass am Tag, nachdem er einen Fisch briet, der Kabeljau überall ausverkauft war. Berühmt war Wilmenrod für die fantasievollen Namen, die er seinen Gerichten gab. Eine Frikadelle firmierte bei ihm unter „Arabisches Reiterfleisch“ und ein „Venezianischer Weihnachtsschmaus“ war nichts anderes als ein paniertes Schnitzel.

Wilmenrod war auch einer der ersten, der im Mittelpunkt eines Streits über zusätzliche Werbeeinnahmen stand. Als sein Kopf gegen Honorar auf einer Fischdose abgebildet worden war, wurde er von seinem Sender, dem WDR, streng gerügt. Am 12. April 1967 erschoss sich Wilmenrod im Alter von 60 Jahren in einem Münchner Krankenhaus, wo er wegen Magenkrebs behandelt wurde.

Nach und teilweise gleichzeitig mit Wilmenrod kochten der Journalist Horst Scharfenberg (der außerdem jahrzehntelang „Mainz wie es singt und lacht“ produzierte) und für den Bayerischen Rundfunk der Kochprofi Hans Karl Adam. Der war immerhin Chefkoch beim Norddeutschen Lloyd auf dessen Schiffen man bekanntermaßen exzellent speisen konnte und kann, was jeder weiß, der einmal an Bord der „Europa“ war, dem Flaggschiff der 1970 in „Hapag-Lloyd“ aufgegangenen Bremer Reederei.

Nach einer kurzen Flaute in den 80er Jahren war es dann Alfred Biolek, der eine Mischung aus Kochsendung und Talkshow kreierte und in „alfredissimo!“ seit 1994 mit vielen „Mhmms“ und „Aahs“, sowie Hunderten von prominenten Mitstreitern den Zuschauern das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ. Nach 459 Sendungen war dann 2007 Schluss.

Übrigens hatte auch die DDR ihren Wilmenrod. Er hieß Kurt Drummer. Der gebürtige Erzgebirgler, der im Jahre 2000 im Alter von 72 Jahren verstarb, zauberte von 1958 an rund 25 Jahre so gut es ging mit allem oder besser dem wenigen, was HO und Konsum hergaben. So servierte er viel Dosenfleisch und Exotisches aus den sozialistischen Bruderländern wie Soljanka, Letscho oder „Wurstsalat Pusztamädchen“. Es ist übrigens ganz witzig, eines der alten Drummer-Gerichte wie Brotsuppe mit Äpfeln und Pflaumen, Erzgebirgische Buttermilchgetzen oder Blumenkohl mit Pumpernickel nachzukochen. Man findet die Rezepte unter http://www.kirchenweb.at/kochrezepte/ddr.htm.

Die DDR hatte sogar einen eigenen Fernsehfischkoch. Von 1960 bis 1972 brachte Rudolf Kroboth einmal wöchentlich „Sassnitzer Fischerstulle“ oder „Toast Spreewaldgruß“ zu Tisch. Dann musste die Sendung eingestellt werden, da es kaum noch Seefisch in der DDR gab – dem Politbüro war das Geld für die internationalen Fischereirechte ausgegangen ...

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