Die Bettleroper

29. Januar

Niemand hatte es ernsthaft erwartet, aber es wurde ein rauschender Erfolg, der größte des deutschen Theaters in den Zwanziger Jahren. Denn vor der Uraufführung von Berthold Brechts „Dreigroschenoper“ am 31. August 1928 ging fast alles schief, was schief gehen konnte. Schauspieler sagten kurzfristig ab, praktisch bis zur letzten Minute bastelten der Dichter und sein Komponist Kurt Weill an dem Stück herum und keine Probe lief ohne heftigen Streit ab. Aber schließlich machte die „Dreigroschenoper“ Brecht zu einem wohlhabenden Mann - aber das ist eine andere Geschichte.

Hier geht es um den Schöpfer des Originalstückes, das am 29. Januar 1728 im Londoner Lincoln’s Inn Fields Theatre seine Erstaufführung feierte. John Gay, der Autor der „Beggar’s Opera“ („Bettleroper“), war seinerzeit 43 Jahre alt und war bereits ein berühmter Mann.

Der ehemalige Sekretär des Grafen von Clarendon hatte 12 Jahre zuvor „Trivia, oder die Kunst durch die Straßen Londons zu gehen“ geschrieben, ein ungeheuer witziges, farbiges Stück, das schon viele Elemente der „Beggar’s Opera“ enthielt und ein faszinierendes Bild der britischen Hauptstadt zu Beginn des 18. Jahrhunderts zeichnete. Auf die Idee, ein Stück zu schreiben, das in der Welt der Gauner und Halsabschneider, der leichten Mädchen und schweren Jungs spielt, war Gay vom Autor von „Gullivers Reisen“, Jonathan Swift, gebracht worden, der ihm ein „Newgate Pastorale“ vorgeschlagen hatte. Newgate war ein berühmtes Gefängnis.

Gay nahm den Einfall gern auf, wählte die seinerzeit sehr beliebte Kunstform der Balladenoper und bat seinen Freund, den deutschen Komponisten Johann Pepusch, die Musik dazu zu schreiben. Pepusch wählte Motive aus altenglischen Liedern. Das Londoner Publikum war hingerissen von der „Beggar’s Opera“ und sorgte dafür, dass sie an 63 Abenden en suite gespielt wurde - ein bis dahin noch nie erreichter Rekord. 1732 wurde mit Gay’s Erfolgs-Stück Londons neuestes Königliches Opernhaus eingeweiht. Es bekam den Namen „Covent Garden“.

Die Darstellerin der Polly wurde ein gefragter Star, ihr Bild konnte man unter anderem auf Tausenden von Theaterfächern bewundern - eine sehr frühe Form von Merchandising, wie es eigentlich erst vor ein paar Jahrzehnten üblich wurde. Die Männer rissen sich förmlich um sie. Das Rennen machte schließlich ein Herzog, der sie in allen Ehren heiratete.

Der Erfolg der „Beggar’s Opera“ war so gewaltig, dass sich Gay sofort an eine Fortsetzung machte, die er „Polly“ nennen wollte. Diesmal aber machte ihm der Lordkämmerer einen Strich durch die Rechnung - offenbar beeindruckt von herber Kritik von Seiten der Kirche, die es äußerst bedenklich fand, dass ein Straßenräuber der Held eines Theaterstückes sein sollte, in dem er auch noch ungestraft davonkam.

Aber Gay fand einen anderen Weg, „Polly“ zum Erfolg zu führen. Er veröffentlichte das Stück als Buch, das schnell reißenden Absatz fand. Leider hatte der Dichter nicht sehr lange Freude an seinem Erfolg. Schon 1732, vier Jahre nach der Uraufführung der „Beggar’s Opera“, starb John Gay an schweren Koliken.

Johann Christoph Pepusch, als Sohn eines Ministers 1667 in Berlin geboren, hatte sich als Theaterkapellmeister in London einen guten Namen gemacht und das, was er sich zur „Beggar’s Opera“ hatte einfallen lassen, nahm die erst viel später entstandenen Kunstformen von Operette und Musical vorweg.

Fast jeder in London war glücklich mit der „Beggar’s Opera“ - nur einer gewiss nicht: Georg Friedrich Händel, der seit 1719 als Leiter der königlichen Haymarket-Oper mit allen Kräften versuchte, die italienische Oper in London einzuführen. Er fühlte sich - völlig zu recht - durch Gay auf den Arm genommen und versuchte die „Beggar’s Opera“ nach Kräften zu bekämpfen. Es gelang ihm nicht. Im Gegenteil. Im Jahr der Uraufführung von Gay’s Stück brach das Händelsche Unternehmen zusammen und Georg-Friedrich Händel wandte sich einer neuen Kunstform zu, den Oratorien, die ihn dann weltberühmt machten.
Aber auch das ist eine andere Geschichte ...

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