Die Reporterin

25. Januar

Alles begann mit einem Leserbrief. Elizabeth Jane Cochran war noch nicht einmal 18 Jahre alt, aber es regte sie furchtbar auf, wie die Tageszeitung „Pittsburgh Dispatch“ mit Frauenthemen umging. Deshalb setzte sie sich hin und schrieb einen flammenden Brief an den Chefredakteur der Zeitung, George Madden. Diesem gefiel das Engagement der jungen Frau so gut, dass er sie kurzerhand engagierte. Das war höchst ungewöhnlich, denn das alles ereignete sich Anfang der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts, als man noch nicht im Traum daran dachte, dass Frauen vielleicht eines Tages genausoviel leisten könnten wie Männer, geschweige denn besser sein könnten.

Aber die junge Elizabeth, die am 5. Mai 1864 in Cochran’s Mill in Pennsylvania, 40 Meilen nordöstlich von Pittsburgh, geboren wurde, war es. Frauen schrieben damals in Zeitungen nicht unter ihrem richtigen Namen und so wurde für Sie ein Pseudonym gewählt. Als Reporterin nannte sie sich nunmehr Nellie Bly nach „Nelly Bly“, einem Lied des Komponisten Stephen C.Foster, der unter anderem auch „Oh Susanna“ geschrieben hatte.

Und Nellie Bly erregte sofort Aufsehen. Sie verfasste eine Artikelserie über die Lebensbedingungen weiblicher Fabrikarbeiterinnen und benutzte dabei eine Technik, mit der sie später berühmt werden sollte. Sie arbeitete „undercover“, schleuste sich, vermutlich unter ihrem richtigen Namen, in eine der Fabriken ein und wurde so zur Erfinderin des investigativen Journalismus.

Aber die Zeit war offenbar noch nicht reif für soziales Engagement von Frauen für Frauen, deshalb wurde Nellie versetzt. Sie durfte jetzt eine „angemessenere“ Tätigkeit ausüben und über Mode, Kosmetik, Gesellschaft und Haus und Garten für die Frauenseiten der Zeitung schreiben. Das war natürlich überhaupt nicht nach ihrem Geschmack und so kündigte sie. Nellie Bly war damals 21 und sie entschloss sich als Auslandskorrespondentin nach Mexiko zu gehen.

Sechs Monate berichtete sie aus dem Land, das damals von dem „gran caudillo“ (großer Führer) Porfirio Diaz mit harter Hand regiert wurde und der überhaupt nicht darüber erfreut war, dass diese junge Amerikanerin mit massiven Artikeln dagegen protestierte, dass oppositionelle Journalisten ins Gefängnis geworfen wurden und so wurde ihr dasselbe angedroht. Nellie Bly verließ das Land, schrieb später ein Buch darüber und versuchte, nun wieder beim „Pittsburgh Dispatch“, ihren Kampf gegen Diaz und sein rücksichtsloses Regime fortzusetzen, was aber nicht gelang, denn die Zeitung versetzte sie ins Feuilleton, wo sie über Kunst und Theater schreiben sollte.

Nellie Bly kündigte erneut und ging nach New York, wo es ihr nach vier Monaten und ohne einen einzigen Cent in der Tasche endlich gelang, die Redakteure der von Joseph Pulitzer geführten „New York World“ zu überzeugen, eine Artikelserie über „Blackwell’s Island“, eine Aufbewahrungsanstalt für geisteskranke Frauen zu schreiben. Sie sorgte dafür, dass sie eingewiesen wurde, indem sie in einer New Yorker Pension eine verwirrte, paranoide Frau spielte, was ihr so gut gelang, dass ihr Ärzte kurz darauf bescheinigten, unheilbar geisteskrank zu sein.

Ihre Artikel erregten so viel Aufsehen, dass Pulitzers Konkurrenzblatt „New York Sun“ sich fragte, wer wohl dieses hübsche, verrückte Mädchen („pretty crazy girl“) war, das unablässig schrie „ich kann mich nicht erinnern.“ „Zehn Tage im Irrenhaus“ wurde eine sensationelle Reportage über die unhaltbaren Zustände, ein Untersuchungsausschuss wurde eingesetzt und Nellie Bly war mit einem Schlag berühmt. Es blieb nicht ihr einziger Erfolg. Sie machte sich auf den Weg auf den Spuren von Jules Verne, „In 80 Tagen um die Welt“ zu reisen. Sie verließ New York am 14. November 1889 und war (nach einem Exklusiv-Interview mit Jules Verne in Paris) am 25. Januar 1890 wieder da. Nach genau 72 Tagen, sechs Stunden, elf Minuten und 14 Sekunden landete sie in San Francisco, damals ein Weltrekord, der allerdings schon wenige Monate später unterboten wurde.

1894 heiratete Nellie Bly einen 42 Jahre älteren Millionär, wurde Unternehmerin, machte aber nach dem Tod ihres Mannes Pleite und schrieb dann wieder, unter anderem über Frauenkonferenzen und über die europäische Ostfront im Ersten Weltkrieg. 1916 wurde sie uneheliche Mutter und kümmerte sich anschließend um Adoptivkinder. Nellie Bly starb am 27. Januar 1922. Zur Zeit steht sie im Mittelpunkt eines neuen Musicals „Stunt Girl“, das vor nich allzu langer Zeit in Issaquah, einem kleinen Städtchen in der Nähe von Seattle, mit überschaubarem Erfolg uraufgeführt wurde. Nellie Bly ist also nicht vergessen. Jedenfalls nicht ganz …

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