Die Schmach von Innsbruck

28. Januar

Was für ein schönes Paar! Die hübsche, blonde, manchmal etwas zickige Eisprinzessin Marika Kulius aus Frankfurt und ihr dunkelhaariger, stämmiger eher gutmütiger Märchenprinz Hans-Jürgen Bäumler aus dem oderbayerischen Dachau. Aber es gab zum Verdruss der einschlägig interessierten Öffentlichkeit kein Happyend. Zumindest kein privates.

Aber der Reihe nach: Am 28. Januar wollten sie Eislaufgeschichte schreiben. Die Olympischen Winterspiele in Innsbruck hatten gerade erst begonnen. Kilius/Bäumler waren die Favoriten für die Goldmedaille im Paarlaufen und trotz der harten Konkurrenz aus der Sowjetunion gab es kaum einen Zweifel, dass sie das wertvollste Edelmetall mit nach Hause nehmen würden. Das war so sicher, dass bereits fertig gedruckte, frankierte und abgestempelte Postkarten an den Kiosken vor dem Eisstadion bereitlagen mit der Aufschrift „Paarlaufweltmeister u. Olympiasieger 1964 Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler.“

Aber die beiden Deutschen hatten Pech. Sie fischten die Losnummer 2, mussten also als zweites Paar aufs Eis, während die Russen erst gut eine Stunde später dran waren. Außerdem lagen Ludmilla Belousowa und Oleg Prototopow nach der Pflicht vorn.

Kilius/Bäumler liefen auf Nummer sicher. Und das konnte nicht reichen, zumal die Russen anschließend eine der besten Leistungen ihrer gesamten Karriere abliefern sollten. Der in dieser Sportdisziplin seit jeher herrschende Kampf zwischen sportlicher und künstlerischer Leistung wurde an jenem Abend völlig zu Recht zugunsten des vollendeten Tanzes entschieden.

Der Zorn des Publikum, vor allem der auf kurzem Weg angereisten deutschen Fans, entlud sich dennoch auf die kanadische Preisrichterin Suzanne Francis-Morrow, die nicht nur für Kilius/Bäumler provozierend niedrige Noten zog, sondern darüber hinaus ihr eigenes, kanadisches Paar Debbi Wilkes/ Guy Revell ganz zweifelsfrei überbewertete. Die Boulevardpresse schäumte vor Wut und verpasste ihr den Namen „die unkeusche Suzanne“. Aber aller Protest nützte alles nichts. Kilius/Bäumler bekamen nur Silber, was für sie und die enttäuschte deutsche Sportnation nicht mehr war als Blech.

Zur Kür der Weltmeisterschaft genau vier Wochen später in Dortmund wollte Hans-Jürgen Bäumler gar nicht mehr antreten, nachdem sich die Geschichte zu wiederholen schien. Wieder lag das deutsche Paar nach der Pflicht hinter den Russen. Aber Marika setzte, wie eigentlich immer, ihren Willen durch, zumal Kilius/Bäumler diesmal nach Beloussow/Prototopow laufen durften. Und diesmal waren sie auch wirklich besser. Sie zeigten, nachdem sie die Musik ein wenig schneller hatten laufen lassen, eine feurige Kür und holten sich zum zweitenmal in ihrer Karriere den Titel des Paarlauf-Weltmeisters.

Die Silbermedaille von Innsbruck mussten die beiden Deutschen übrigens zurückgeben, da sie bereits vor Beginn der Olympischen Spiele einen Profivertrag mit einer Eisrevue abgeschlossen hatten, was mit den damals geltenden strengen Amateurvorschriften nicht zu vereinbaren war. Aber das traf sie nicht mehr besonders, diese Medaille war, siehe oben, ohnehin „nur Blech“.

Dafür räumten die beiden jetzt richtig ab. Bis zu 20 000 Mark an einem Abend und das für jeden flossen in ihre Kassen, sie sangen Schlagertitel wie „Wenn die Cowboys träumen“ und „Honeymoon in St. Tropez“, die es in die Hitparaden schafften und sie drehten Filme. zunächst zusammen den Streifen „Die große Kür“, dann Hans-Jürgen allein unter anderem in der Fernseh-Zirkusfilmserie „Salto Mortale“.

Aber aus der erhofften Romanze zwischen Eisprinzessin und Eisprinz wurde nichts. Marika heiratete einen reichen Feuerzeugproduzenten namens Zahn, wurde geschieden, heiratete noch einmal und tobte als Geschäftsfrau durch die Welt. Hans-Jürgen wurde Moderator, Entertainer und Schauspieler, nahm Schallplatten auf und trat, meist in Boulevard-Komödien bei Tourneetheatern, und später als leicht in die Jahre gekommener Liebhaber auf.

Das Eislaufpaar Kilius/Bäumler aber blieb unvergessen, was auch immer seine Faszination ausgemacht hat. Und da der Mensch dazu neigt, sich vorrangig nur an das zu erinnern, was schön ist im Leben, verblasste die „Schmach von Innsbruck“ so langsam. Und das ist auch gut so, denn es ist ja auch schon fast ein halbes Jahrhundert her ...

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