Mamie und der Strass

20. Januar

Die piekfeine und steinreiche Washingtoner Gesellschaft mit ihren Rockefellers, Astors, Vanderbilts und Roosevelts und all den anderen, deren Vorfahren ausnahmslos mit der Mayflower gelandet waren, war zutiefst schockiert: Wagte es doch ihrer aller First Lady am wichtigsten Abend ihres Göttergatten mit billigem Glasschmuck aufzulaufen.

Und das kam so: Es war der 20. Januar 1953 und die USA hatten einen neuen Präsidenten. Dwight D. (genannt Ike) Eisenhower, den bärbeißigen Weltkrieg-II-General. An diesem Abend wurde im Weißen Haus gefeiert, wie immer, wenn kurz zuvor ein neuer Chef in sein Amt eingeführt wurde.

Und Mamie ließ all die teuren Klunker, die sie natürlich auch hatte, im Safe und trug ein dreireihiges Collier aus falschen Perlen und dazu passend, und damit ebenso unecht, Ohrringe und Armband, um, wie später verbreitet wurde, jene Frauen zu ehren, die ein paar Jahre zuvor beim Kampf gegen Hitler und die Japaner den Kopf hingehalten hatten und die sich auch keinen teuren Schmuck leisten konnten.

Der Jetset der US-Hauptstadt hatte das aber wohl nicht gleich begriffen, denn er stöhnte auf und fragte sich, was man schon von einer Landpomeranze aus Boone in Iowa, der Tochter eines allerdings äußerst wohlhabenden Fleischverpackungs-Fabrikanten, anderes erwarten konnte.

Aber auch die Reichen und die Mächtigen unterliegen elementaren menschlichen Gesetzen und man gewöhnte sich an „Strass“. Und so war jener 20. Januar 1953 der Tag, an dem Modeschmuck gesellschaftsfähig wurde – jedenfalls, was die moderneren Zeiten betrifft.

Denn schon am Hof von Ludwig XV. hatte der aus Wolfisheim im Elsass stammende Erfinder und Juwelier Georg Friedrich Strass Karriere gemacht, als er für den wegen des aufwändigen Lebensstils ohnehin in permanenter Geldnot lebenden Hochadel seine „pierre de strass“ (Steine von Strass) anfertigte. Daraus wurde dann im deutschen Sprachraum das Synonym für jene Diamanten-Imitationen, die vor allem aus gebranntem bleihaltigem Emaille oder Glasfluss bestehen. Strass Geheimnis bestand darin, dass er Wismuth und Tallium beimengte sowie eine spiegelnde Folie anbrachte, was dazu führte, dass die Imitate, die später auch „Simili“ genannt wurden, eine ähnliche Lichtbrechung hatten und fast so glitzerten wie ihre echten Verwandten. Strass war so erfolgreich, dass ihm der 15. Ludwig sogar den Titel „Juwelier des Königs“ verlieh.

Doch noch einmal zurück zu Mamie Geneva Doud Eisenhower, die letzte im 19. Jahrhundert geborene First Lady der USA (am 14. November 1896). Sie war dafür berühmt, dass sie gern schicke Kleider trug, einige entworfen vom US-Modezar Arnold Scaasi, der später auch Laura Bush, Hillary Clinton, Barbara Bush und vor allem Jackie Kennedy einkleidete, zu der Mamie Eisenhower ein sehr spezielles Verhältnis hatte.

Mamie, die wie viele amerikanische Frauen viel Einfluss auf ihren Gatten hatte, war alles andere als erfreut darüber, dass die Kennedys den Eisenhowers nachfolgen sollten, vor allem war sie entsetzt darüber, dass Jackie Stammhalter John Jr. mit Kaiserschnitt zur Welt gebracht hatte und das ließ sie sie spüren. So zeigte sie der „Neuen“ zwar das Weiße Haus, dachte aber nicht daran, zu berücksichtigen, dass Jackie nur wenige Wochen zuvor Mutter geworden war und eigentlich etwas Schonung brauchte.

Sie bot ihr also nicht den bereitstehenden Rollstuhl an, sondern ließ sie stundenlang durch das Gebäude laufen. Jackie Kennedy war natürlich nicht entgangen, dass ihr ein eisiger Wind entgegen wehte und unterließ es deshalb, auf ihre immer größer werdende Erschöpfung hinzuweisen. Die Folge war, dass Jackie Kennedy, kaum wieder zu Hause, zusammenbrach.

Der Vorfall blieb natürlich nicht geheim und Mamie wurde später gefragt, warum sie Jackie den Rollstuhl nicht angeboten hatte. Ihre knappe Antwort: „Sie hat nicht gefragt“.

Populär wurde Mamie Eisenhower aber nicht dadurch, sondern durch ihr „One Million Dollar Fudge“, ein süßes, weiches und klebriges Gemisch aus Schokolade, Marshmallows, Nüssen, Milch, Butter und Zucker, das Ike so gern mochte, dass sie es ihm häufig vorsetzen musste und das dann natürlich auch Bestandteil des einen oder anderen Galadinners im Weißen Haus wurde. Und das war gut so, denn es war nicht nur von der First Lady handgemacht, sondern das süße Zeug war auch ausgesprochen billig, was Mamie besonders erfreute, denn sie war ein bekannter Pfennigfuchser.

Mamie Eisenhower starb am 1. November 1979 kurz vor ihrem 83. Geburtstag, zehn Jahre nach dem Gatten. Übrigens unterzeichnete am Tag der Amtseinführung auch eine gewisse Joan Oleander einen Vertrag in Hollywood und bekam zu Ehren der neuen Frau im Weißen Haus einen Künstlernamen: Sie hieß nunmehr Mamie van Doren. Aber das ist eine andere Geschichte ...

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