Vater der Naturheilkunde

30. Januar

Auch wenn der ursprüngliche Name für das heutige Verständnis von Marketing eher gewöhnungsbedürftig ist, sie war schon damals ein großer internationaler Erfolg, die „Bilz-Brause“. Und tatsächlich gibt es dieses erste Erfrischungsgetränk, das je in Europa hergestellt wurde, heute noch – allerdings steht es als „Sinalco“ in den Regalen der Supermärkte.

Erfunden hat sie, man ahnt es schon, ein Mann namens Bilz, Friedrich Eduard Bilz, der am 30. Januar 1922 in Radebeul bei Dresden starb und ganz in der Nähe des Mausoleums seines schon knapp zehn Jahre zuvor verstorbenen engen Freundes Karl May beigesetzt wurde. Auf seinem Grabstein steht: „Die Natur war mein Leitstern“, wobei er eigentlich verfügt hatte, dass der Satz mit „möchte sie auch der Leitstern der Nachwelt sein“ fortgesetzt werden sollte. Aber die Erben begnügten sich mit den ersten fünf Worten.

F. E. Bilz war schon ein bekannter Mann, lange bevor er die alkoholfreie Limonade mixte, er war nichts weniger als der Vater der volkstümlichen Naturheilkunde. Zunächst verkaufte er in seinem Kolonialwarengeschäft im sächsischen Meerane an der thüringischen Grenze, einem Städtchen mit damals 22000 Einwohnern (heute sind es 16 700), schon Bio-Produkte aus ökologischem Anbau, als man diese Wörter noch nicht einmal kannte. Der Laden lief prima, so dass sich Bilz seinem Lebenstraum widmen konnte.

Er hatte festgestellt, dass seine Zeitgenossen sich vor allem nach einer Pockenepidemie im Jahre 1872 allein gelassen fühlten, weil die vorgeschriebenen Impfungen keinen ausreichenden Schutz boten. Also begann er alles zu sammeln, was er über Naturheilkunde, Hausmittel, gesunde Lebensweise oder über uralte Kräutergeheimnisse finden konnte. Er machte es sich zur Aufgabe, die oft verquaste Sprache der Ärzte in ein Deutsch zu übersetzen, das jeder verstehen konnte.

1888 veröffentlichte der seinerzeit 46jährige ein Buch, das sich „Bilz, das neue Heilverfahren, ein Nachschlagewerk für Jedermann in gesunden und in kranken Tagen“ nannte und das ein riesiger Erfolg wurde.

Insgesamt vier Bände erschienen, alle so dick wie die Bibel. Bis 1938 wurden mehr als 3,5 Millionen Exemplare verkauft. In zwölf Sprachen wurde das schnell zum Standardwerk gereifte Buch übersetzt, wohl auch, weil es umfassende Ratschläge erteilte, was einige Kapitelüberschriften zeigen: Man konnte über „Kräuterkuren“ oder „Leibesübungen, Atemkunst, Sport für Gesunde und Kranke“, „Bau und Funktion des menschlichen Körpers“ lesen oder über „Erste Hilfe bei plötzlichen Erkrankungen und Unglücksfällen“ und „Die Natur- und Wasserheilkunde und ihre Anwendung in Krankheitsfällen“.

F. E. Bilz war plötzlich ein reicher Mann, so dass er neue Investitionen planen konnte. 1895 gründete er das Bilz-Sanatorium in Oberlößnitz, heute ein Ortsteil von Radebeul, dem er 1903 das von ihm entwickelte „Bilz-Licht-Luftbad“ angliederte, wo er 1912 das erste Wellenbad Deutschlands eröffnete, das er „Undosa-Wellenbad“ nannte, das heute noch existiert und stündlich nach Glockenläuten angeworfen wird.

In einem frühen Prospekt für das „Bilz-Bad“ heißt es: „Es ist noch viel zu wenig bekannt, dass tägliche Luftbäder wesentlich zur Erhaltung und Wiedererlangung der Gesundheit beitragen. Die Gesundheit wird durch Licht-Luftbäder im Körper förmlich aufgespeichert. Durch diese Bäder übt man die allerbeste Hautpflege und stärkt sein Nervensystem.“

In zeitgenössischen Erzählungen kann man lesen, wie es im Bilz-Sanatorium zuging und zumindest teilweise immer noch zugeht: Der Morgen begann mit barfüssigem Herumstapfen auf dem Tau der Hauswiese, 50 Mal im Kreis. Nach einem gesunden Frühstück mit Weizenschrotbrot und frischem Obst folgen kalten Waschungen oder Kniegüsse, Schwitzkuren, Massagen oder Senfpackungen. Dann wieder Obst und Salat zum Mittagessen, dann viel Ruhe. Wer wollte, konnte in sogenannten Lufthütten im Freien übernachten oder, wie der Meister selbst, nackt bei geöffnetem Fenster selbst bei 20 Grad minus schlafen.

Wie auch immer. Das Schicksal des Jogging-Gurus Jim Fixx, der im Alter von 52 Jahren nach einem seiner täglichen Läufe an einem Herzinfarkt starb, blieb Ferdinand Eduard Bilz erspart. Er wurde immerhin fast 80 Jahre alt. Was irgendwie auch für seine Methoden spricht ...

Morgen: Pu der Bär

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