Das Wunder der Liebe

1. Februar

Eigentlich hat Hamburg ja nicht den Ruf, eine Brutstätte von Revolutionen zu sein. Es gab allerdings Ausnahmen. Zwei sogar innerhalb weniger Monate. Die eine war die Aktion der beiden Herren Albers und Behlmer im November 1967 im Auditorium Maximum der Uni, als sie durch Ausrollen eines Plakats mit der Aufschrift „Unter den Talaren - Muff von 1000 Jahren“ einen Meilenstein der Studentenrevolte setzten und die andere war am 1. Februar 1968 eine Uraufführung.

Und das war im eigentlichen Sinne keine Revolution, sondern ein gesellschaftspolitischer Tsunami. Es war Oswalt Kolles erster Aufklärungsfilm „Das Wunder der Liebe“, der in Hamburg zum allerersten Mal öffentlich gezeigt wurde und der Auslöser und Teil der berühmt-berüchtigten „Sexwelle“ vor rund 40 Jahren war.

Während die Studentenrevolte ja inzwischen deutlich an Schwung verloren hat, bewies Kolles Befreiungsschlag in seinen sieben Kinofilmen zweifelsfrei nachhaltigere Wirkung, trotz ihres dürftigen Inhalts und der heute eher komisch und unbeholfen wirkenden Dialoge.

Natürlich war Kolles Behauptung, seine Filme seien „Wissenschaft“ leicht übertrieben, aber sie hatten durchaus lehrreiche Passagen in einer Zeit, in der sexuelle Aufklärung die Ausnahme war. Diese Tatsache hatte zuvor schon die mutige Familienministerin Käthe Strobel veranlasst, den Schulen einen Sexualkundeatlas zur Verfügung zu stellen. Der Aufklärungsfilm „Helga“, den die SPD-Politikerin in der damaligen großen Koalition unter Kurt Georg Kiesinger gegen erhebliche Widerstände durchsetzte, zielte in dieselbe Richtung und immerhin sahen ihn mehr als fünf Millionen Deutsche.

Es war eine Großtat in einem Land, das immer noch beherrscht wurde von überkommenen Rollenspielen, in denen die Frau sich gefälligst um Küche, Kinder und Kirche zu kümmern hatte und ansonsten dem von der Alltagsarbeit ermatteten Hausherrn zu dienen hatte. Von den 16jährigen hatte damals nur jeder fünfzigste eine feste Freundin und Sex vor der Ehe war ein Tabu-Thema.

Oswalt Kolle war nicht der erste, der versuchte, diese Barrieren zu durchbrechen. In den USA hatte bereits ein Insektenforscher mit Namen Dr. Alfred Charles Kinsey mit der Studie „Sexualverhalten beim menschlichen Männchen“ für Aufruhr bei allen Sittenwächtern gesorgt, Hildegard Knefs kurze Nacktszene in dem Film „Die Sünderin“ führte zur Gründung der Aktion „Saubere Leinwand“ und die Medien schrieben nur ausnahmsweise und dann äußerst vorsichtig über Themen wie Zeugung, Kinderkriegen, Sexualität in und außerhalb der Ehe, Impotenz, Ehebruch oder Prostitution.

In seiner „Kleinen Kulturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland“ stellt Hermann Glaser fest, dass 1965 nur 27 der 52 Titelbilder der Zeitschrift „Quick“ „die weibliche Epidermis im Stadium fortgeschrittener Entblätterung“ zeigten.

Es ist schon fast komisch, dass es ausgerechnet die sogenannte „Aufklärung“ mit ihren Protagonisten Kant und Voltaire war, die für fast 200 Jahre im westlichen Gedankengut jene übertriebene Prüderie begründete. Der Körper war nicht wichtig, was allein zählte war der Kopf. Vor allem sexuelle Triebe wurden ignoriert. Aber da man sie ja nicht einfach abschaffen konnte, wurden sie verdrängt. Das war irgendwann nicht mehr haltbar und Filme wie „Das Wunder der Liebe“ halfen mit, dass sich unsere Gesellschaft daraus befreien konnte.

Inzwischen schwingt das Pendel in die andere Richtung. Immer wieder liest man von Gruppensex unter 14jährigen, gemeinsamem Pornogucken mit den Eltern, problemlos zugänglicher Kinderpornografie im Internet, hemmungsloser Prostitution, Heroisierung von Vergewaltigungen durch irgendwelche Musikgruppen und ähnlichen Anzeichen von sexueller Verwahrlosung. Dagegen muss natürlich etwas unternommen werden. Leider allerdings scheinen die dafür zuständigen „Säulen der Gesellschaft“ (Familie, Schule, Politik, Justiz, Kirche) klar überfordert ...

Morgen: Der Mordfall Wiese

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