Der Fall Vera Brühne

6. Februar

Ihr Vorname ist ja eigentlich Programm und doch wissen wir bis heute nicht, was die Wahrheit ist: Vera (die Wahre) Brühne jedenfalls, die vor 100 Jahren, am 6. Februar 1910, geboren wurde, sank 52 Jahre später, genau am 4. Juni 1962, auf der Anklagebank verzweifelt in sich zusammen, als sie das Urteil hörte: Lebenslange Haft. „Aber ich bin doch, bitte, unschuldig“, flüsterte sie und davon rückte sie ihr ganzes Leben lang, das 91 Jahre dauerte und erst am 17. April 2001 endete, nicht ab. Vera, jedenfalls, wird uns die Wahrheit nicht mehr sagen. Oder hat sie das immer getan?

Was war geschehen? Ein reicher, für seinen Jähzorn bekannter Arzt mit Namen Dr. Otto Praun wurde zusammen mit seiner Haushälterin Elfriede Kloo (von Vera Brühne immer nur „Klofrau“ genannt) am Dienstag nach Ostern 1960 in Pöcking, einen oberbayerischen Schickimicki-Dorf in der Nähe von Starnberg, tot aufgefunden. Klarer Fall, so das erste Urteil der Polizei. Erst hat er sie, dann sich erschossen. Da allerdings Dr. Praun in seinem Testament seiner Chauffeuse Vera Brühne eine Finca in Spanien vermachte, wurde der Sohn des Opfers hellhörig.

Bei der erst jetzt vorgenommenen Obduktion stellte sich heraus, Praun hatte zwei Kugeln im Kopf, Mord und Selbstmord konnten also ausgeschlossen werden. Ein Motiv lag auch auf der Hand. Praun hatte gedroht, seine Geliebte zu enterben. Vera Brühne bestritt beides vehement. Vor allem sei sie nie Prauns Geliebte gewesen. Aber sie verstrickte sich in Widersprüche. Vera Brühne und ein Bekannter, ein armes Würstchen namens Johann Ferbach, wurden angeklagt.

Und nun wurden die Fakten fleißig hin und her geschoben – auf beiden Seiten. Für den Gründonnerstag hatte Vera Brühne kein Alibi, also wurde der Todeszeitpunkt der beiden Opfer auf den Gründonnerstag verlegt (obwohl die Leichenstarre eigentlich mehr für Freitag gesprochen hätte, für den Frau Brühne nachweisen konnte, dass sie nicht in Pöcking war).

Vermutlich trugen vor allem die „Grande-Dame-Posen“, mit denen Vera Brühne zum Entzücken der Boulevard-Medien Öffentlichkeit und Gericht immer wieder gegen sich aufbrachte, zu ihrer Verurteilung bei, denn die Indizien, die sie angeblich überführten, standen auf mehr als tönernen Füßen.

Vor Gericht war beispielsweise nie die Rede davon, womit Dr. Praun sein riesiges Vermögen gemacht hatte, ein Vermögen, das man selbst als exzellent verdienender Arzt am Starnberger See niemals hätte zusammenbringen können. Später erfuhr die interessierte Öffentlichkeit, dass der ehrenwerte Dr. Praun durchaus nicht so ehrenwert war, denn er war zumindest nebenberuflich Waffenhändler.

Nun durfte wieder, erneut ohne handfeste Beweise, munter spekuliert werden. Waffengeschäfte? Bundesnachrichtendienst? Finstere Gestalten der internationalen Waffenschieber-Mafia? Auftragskiller der Konkurrenz? Und welche Rolle spielte Franz Josef Strauß, der Vera Brühne nach 18 Jahren begnadigte? Dem war ja alles zuzutrauen – oder? Warum, zum Beispiel, wurde kein Wiederaufnahmeverfahren zugelassen angesichts so vieler Zweifel und neuer Informationen? Steckten da mal wieder Politik und Justiz unter einer Decke?Vera Brühne half das alles nicht und sie machte Fehler. Sie versuchte Zeugen zu bestechen und verstrickte sich auch vor Gericht, wie schon bei den polizeilichen Aussagen, in Widersprüche, was nur der wahre Täter getan hätte – oder?

Im Gerichtssaal bot sie großes Kino. Sie trat auf wie Marlene Dietrich in „Zeugin der Anklage“, groß, schlank (sie ernährte sich fast ausschließlich von Knäckebrot), gepflegt, charmant und intelligent. Der ist doch alles zuzutrauen – oder?

Vera Brühne verdiente ihr Geld als Begleiterin älterer Herrn, ging mit ihnen essen und shoppen, verbrachte aber nie die Nacht mit ihren Kunden. Und das soll man einer solchen Frau glauben?Wie auch immer. Als Vera Brühne verurteilt wurde, wurde ihr Leben ein Trümmerhaufen.

Mit ihrer Tochter Sylvia (aus der Ehe mit dem Schauspieler Hans Cossy), die wohl endlich die Chance gewittert hatte, aus dem übergroßen Schatten ihrer Mutter zu treten und die mit angeblichen Mordgeständnissen (und privaten Fotos) nur so um sich warf, war sie heillos zerstritten (die Tochter starb kurz darauf an Zungenkrebs) und ihren treuen Vasall Johann Ferbach holte der Tod 1970 im Gefängnis.

Hinter Gittern vertrieb sich Vera Brühne die Zeit mit Malerei, sonderte sich von allen anderen ab, weigerte sich sogar, den Hofgang mitzumachen („Sie können nicht von mir verlangen, dass ich hinter Verbrechern herlaufe“). Zehn Jahre nach ihrer Entlassung, sie war inzwischen 80 Jahre alt, adoptierte sie einen damals 50 Jahre alten Nachbarn, der ihr die letzten Lebensjahre erleichterte und sie pflegte, als sie todkrank wurde. Wenigstens am Ende ihres Leben hatte Vera Brühne ein wenig Glück – oder?

Morgen: Der kleine König (Hussein II.)


Perrier pssscht.
700 Millionen Flaschen Mineralwasser verkauft die zur Nestlé Water Group gehörende Marke „Perrier“ im Jahr. Das Wasser stammt aus den Cevenne im Rhônetal und die Quelle ist schon aus römischer Zeit bekannt. Napoleon III. erteilte 1863 dem leitenden Arzt des an der Quelle liegenden Hotel- und Kurbetriebs, D. Louis Perrier, die Betriebskonzession, rund 125 Jahre änderte sich nichts, bis am am 6.2.1985 ein neues Produkt auf den Markt kam: Perrier mit Lemon. In Flaschen wurde das Wasser erst um die Jahrhundertwende gefüllt durch den Engländer St. John Harmsworth. Bis heute sehen die Flaschen aus wie eine Keule und machen „pssscht“, wenn man sie öffnet, womit Perrier jahrzehntelang auf Plakaten warb. (Nach Wikipedia)

Decksdeutsch:
Chinesenzopf
Unter Chinesenzopf versteht der Seemann einen sogenannten Belegklampen, ein Holz- oder Metallstück, an dem Segeltau befestigt wird. (Nach Zienert/ Heinsius Decksdeutsch heute)

Schiffsschicksale:
Der erste Hapag-Dampfer "Hammonia"
Am Anfang des Schiffsleben der "Hammonia" stand ein Kriegseinsatz: Als französischer Truppentransporter im Krimkrieg. Erst danach, am 1. Juli 1856, wurde die "Hammonia" erstmals als Auswandererschiff von Hamburg nach New York eingesetzt. Es war von Anfang an ein Erfolg, so dass die "Hammonia" im Wechsel mit Schwesterschiff "Borussia" im 14-Tage-Takt Hamburg mit New York verbanden. 1864 wurde das rund 85 Meter lange Schiff mit einer Kapazität von 590 Passagieren nach Liverpool verkauft und beendete ihr Schiffsleben, inzwischen unter dem Namen „Missouri“, als sie am 1. Oktober 1873 auf den Bahamas strandete. (nach Arnold Kludas: Geschichte der deutschen Passagierschifffahrt)

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