Der Fall Wiese

2. Februar

In der Geschichte einer jeden Stadt gibt es Kapitel, die man am liebsten ungelesen umblättern möchte, weil sich einem der Magen umdreht. Das gilt natürlich auch für Hamburg. Besonders widerlich ist der Fall der Harburger Hebamme Elisabeth Wiese, die wahrscheinlich um 1850 geboren wurde und am Morgen des 2. Februar 1905 starb – im Hof des Untersuchungsgefängnisses am Holstenglacis. Unter dem Fallbeil.

Noch auf dem Weg zur Hinrichtung grummelte sie „ich habe keine Kinder umgebracht“, aber das hat sie wohl schon. Und außerdem versuchte sie mehrmals ihren Mann, den biederen Kesselflicker Heinrich Wiese, zu vergiften, zwang ihre hübsche Tochter Paula zur Prostitution und betätigte sich obendrein auch noch als „Engelmacherin“.

Die Einzelheiten sind schaurig: Die Wiese hatte, was bei ihrer sicher beschränkten Intelligenz schon überrascht, eine Quelle entdeckt, mit der sie schnell und unkompliziert Geld kassieren konnte. Sie blätterte in der Zeitung und meldete sich bei Müttern, die ihre Kinder in Pflege geben wollten. Als Vermittlungsgebühr kassierte sie zwischen 100 und 300 Mark. Außerdem war sogenanntes Kostgeld fällig, ungefähr 20 Mark im Monat, die die Mutter den Pflegeeltern zahlen musste. Dieses Geld behielt Elisabeth Wiese für sich. Wenn deswegen die Kinder zurückgeschickt wurden und sich niemand fand, sie zu übernehmen, brachte sie die Wiese einfach um und verbrannte sie im eigenen Herd. So ganz nebenbei ertränkte sie auch noch das Neugeborene ihrer Tochter Paula, so dass sie mindestens fünf Kinder tötete.

Erwischt wurde Elisabeth Wiese relativ schnell, da eine Harburgerin namens Wülfing misstrauisch wurde. Sie hatte von der Kindervermittlerin die kleine Bertha Blanck erhalten, brachte sie aber zurück, als die Wiese, wie immer, das Pflegegeld einbehielt. Sie habe schon neue Eltern in London gefunden, so prahlte die Verbrecherin, aber das Kind könne gern in Harburg gemeldet bleiben, da man in England diese Papiere nicht brauche. Das ließ Frau Wülfing stutzen und sie ging zur Polizei.

Im April 1903 wollte die Hausangestellte Frl. Klotsche ihren Sohn wiederhaben, da es ihr inzwischen finanziell viel besser ging. Sie hörte nur Ausflüchte. Auch Fräulein Klotsche ging zur Polizei.

Elisabeth Wiese wohnte in der heutigen Hein-Hoyer-Straße auf St. Pauli und hatte mit einer Nachbarin die Wohnung getauscht, weil diese im Erdgeschoss in ständiger Angst vor Einbrechern lebte.

Dieser Nachbarin mit Namen Düwel fiel auf, dass in der Wiese-Wohnung irgendetwas mit dem Herd nicht stimmte, denn er heizte gewaltig, weil ein paar Schamottsteine entfernt worden waren. Und auch Frau Düwel ging zur Polizei. Jetzt fingen die Beamten an, nach dem Verbleib der von Elisabeth Wiese vermittelten Kindern zu forschen. Sie verwickelte sich immer mehr in Widersprüche. Das Urteil vom 15. Oktober 1904 war nur noch Formsache.

Über die Berechtigung der Todesstrafe machte man sich damals nicht allzu viel Gedanken, obwohl schon 140 Jahre zuvor der italienische Rechtswissenschaftler Cesare Beccaria Marchese de Bonesano sein Buch „Die delitti e delle pene“ („Von den Verbrechen und den Strafen“) veröffentlicht hatte, in dem er sich vehement gegen das biblische „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ wandte. Dann müsste ja, so Beccaria, Einbruch mit Einbruch, Betrug mit Betrug und Ehebruch mit Ehebruch vergolten werden.

Inzwischen wurde in den meisten zivilisierten Ländern die Todesstrafe abgeschafft, was sicher richtig ist, wie scheußlich manche Verbrechen wie die von Elisabeth Wiese auch sein mögen. Wie sagte noch der Publizist Alfred Kerr? „Du sollst nicht töten, sagt der Denker - nicht bloß zum Mörder auch zum Henker“.

Morgen: Die erste Käsefabrik

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