Das tödliche Duell

11. April


Zugegeben, auch heute träumt nicht gerade jeder Vater davon, seine Tochter einem Sozialdemokraten zu geben, aber so schlimm wie am 31. August 1864 endet es nur selten. An jenem Tag starb nämlich Ferdinand Lasalle, der „Vater der Sozialdemokratie“, wie er überall genannt wird, noch nicht einmal 40 Jahre alt, an den Folgen eines Pistolenduells. Der am 11. April 1825 geborene Politiker wurde noch nicht einmal 40 Jahre alt.

Der Verlobte von Lasalles ehemaliger Geliebten traf ihn im Auftrag seines Schwiegervaters an einer Stelle, die gerade für Männer äußerst schmerzhaft ist und die in der ganzen Affäre von Haus aus eine bedeutsame Rolle spielte.

Ob Janko von Racowitza, so hieß dieser Rivale, bewusst zwischen die Beine des Sozialistenführers gezielt hatte, war nicht eindeutig klärbar, denn Racowitza war eigentlich ein miserabler Schütze. Der Schuss jedenfalls traf.

Wie es zu dem Duell im Genfer Vorort Carouge kam, ist eine Gesellschaftsklamotte aller ersten Ranges. Lasalle, seit der Revolution von 1848 in politischen Kreisen und darüber hinaus berühmter Mann, war unter anderem bekannt mit Karl Marx und sogar mit Otto von Bismarck. Und dieser hatte, wie fast jeder weiß, eine besonders starke Abneigung gegen Sozialdemokraten jeglicher Provenienz.

Diesen tiefen Abscheu gegen (seinerzeit noch) schwärmerische politische Radikale teilte der preußische Ministerpräsident mit einem gewissen Herrn von Dönniges, einem hohen Diplomaten im Dienste des Königs von Bayern. Und ausgerechnet in einen solchen umstürzlerischen Schürzenjäger hatte sich sein Töchterchen Helene unsterblich verliebt. Herr von Dönniges war außer sich.

Als dann die hübsche und als äußerst lebenslustig bekannte junge Frau ihren Eltern mitteilte, sie wolle Lasalle heiraten, da platzte dem alten Herrn endgültig der Kragen. „Dann erschieße ich dich wie einen tollen Hund“, schrie er und verhängte Hausarrest. Aber Helene floh, hin zu ihrem, wie sie meinte, ungeduldig wartenden Geliebten. Sie wollte, dass er sie ins Ausland entführte, um dann mit ihr endlich glücklich vereint zu sein.

Aber Helene erlebte eine Überraschung. Lasalle dachte gar nicht daran, er wollte den alten Dönniges nun erst recht zwingen, ihm die Hand seiner Tochter zu geben. Helene flehte ihn an, ihn nicht wieder zu den Eltern zurückzuschicken, aber Lasalle bestand darauf. Natürlich kam es zum Eklat. Der Diplomat weigerte sich strikt, Lasalle als Schwiegersohn zu akzeptieren und er sperrte Helene an einem geheimen Ort am Genfer See ein.

Die junge Frau war auch nicht gerade entzückt über das Verhalten Lasalles und nach einiger Zeit ärgerte sie sich so sehr darüber, dass sie ihm in einem Brief den Laufpass gab und zu ihrem früheren Verlobten Janko von Racowitza zurückkehrte.

Nun wuchs sich die Angelegenheit zur Staatsaffäre aus. Lasalle, der nicht glauben konnte, dass Helene den Brief freiwillig und ohne Druck geschrieben hatte, alarmierte das bayerische Außenministerium, das einen Beauftragen als Vermittler zu Dönniges schickte.

Nach einigen Gesprächen stellte sich heraus, dass Lasalle tatsächlich als Helenes Traummann ausgedient hatte. Lasalle erwies sich als schlechter Verlierer. Voller Wut schrieb er an Herrn von Dönniges, bezeichnete Helene als „verworfene Dirne“ und forderte „Satisfaction“. Einen Durchschlag schickte er an Janko von Racowitza.

Dönniges fand das ganz praktisch und sandte daraufhin Janko ins Rennen, um die Ehre seiner Tochter zu verteidigen. Am 28. August 1864 war es soweit. Die Duellanten standen sich in einem Wäldchen gegenüber und schossen fast gleichzeitig aufeinander. Schon die erste Kugel traf ihr Ziel. Helene trauerte zunächst, heiratete dann aber doch den Meisterschützen Janko, der allerdings kurz darauf an Tuberkulose erkrankte und starb. Helene von Dönniges wurde sozusagen innerhalb weniger Wochen zweifache Witwe. Sie schrieb ein Buch über ihr Leben mit Lasalle, heiratete einen Schauspieler, wurde geschieden, und ehelichte schließlich noch einen russischen Emigranten, bevor sie im Jahre 1911 Selbstmord beging.

Damit waren alle Beteiligten tot. Nur die von Ferdinand Lasalle mit ins Leben gerufene Sozialdemokratie gibt es heute noch. Aber auch ihr soll es ja inzwischen nicht mehr allzu gut gehen ...

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