Der Vater der Türken

12. März

Als es noch das Osmanische Reich und den Sultan gab, da nannte sich dieser „Herr der beiden Weltteile“. Von diesem hochfahrenden Titel blieb nichts mehr, nur, dass die Türkei auch heute noch zwischen den Welten pendelt, zwischen dem modernen Europa und dem traditionellen Islam. Und genau dieser Punkt ist es, der einen Beitritt der Türkei zur Europäischen Union so überaus schwierig macht.

Denn noch ist durchaus nicht entschieden, ob der Prozess, der mit der Gründung der modernen Türkei am 29. Oktober 1923 und am 3. März 1924 mit der Abschaffung des Kalifats und damit dem endgültigen Ende des Osmanischen Reiches, begann, weitergehen wird, oder ob sich nicht doch die Kräfte einer zum damaligen Zeitpunkt mehr als 600 Jahre andauernden islamischen Herrschaft am Ende durchsetzen werden.

Denn letztlich war es „nur“ der eiserne Wille eines einzigen Mannes, einem der größten Staatsmänner des 20. Jahrhunderts, auch, wenn er in seinem Heimatland bis heute heftig umstritten ist. Er erzwang die Umwandlung der Türkei von einem tief im Islam verwurzelten rückständigen Agrarstaat in eine konsequent Westeuropa zugewandte Republik. Als er mit einiger Wahrscheinlichkeit am 12. März 1881 (einige Quellen nennen andere Daten), im heute griechischen, damals aber noch zum Osmanischen Reich gehörenden Thessaloniki geboren wurde, hieß er schlicht Mustafa, da es Nachnamen noch nicht gab. Erst später kamen die Ehrennamen Kemal (der Vollkommene), Pascha (Fürst), Gazi (der Siegreiche) und schließlich Atatürk (Vater der Türken) hinzu.

Dieser Gazi Mustafa Kemal Pascha Atatürk leistete in der kurzen Zeit seiner Herrschaft von 1923 bis zu seinem Tod am 10. November 1938 geradezu Unmenschliches: Er krempelte das gesamte Rechtswesen um, indem er sich die Schweiz als Vorbild nahm, übernahm von Deutschland das Handels- und von Italien das Strafrecht, beendete die Tradition des Harems und schuf die monogame Ehe. Er sorgte dafür, dass jeder Türke einen Familiennamen erhielt und er verschaffte den Frauen Gleichberechtigung.

Kemal Atatürk trennte strikt Religion und Staat, verlegte die Hauptstadt von Konstantinopel (das er 1930 in Istanbul umbenennen ließ) nach Ankara, führte die allgemeine Schulpflicht ein, tauschte als Wochenfeiertag den traditionellen islamischen Freitag gegen den christlichen Sonntag, übernahm den gregorianischen Kalender und das metrische System, untersagte das Tragen traditioneller Kleidung wie Fes, Pluderhosen und Tschador (Kopftuch) und er erließ ein Verschleierungsverbot.

Außerdem verlegte er die Schwerpunkte der Wirtschaftspolitik von der traditionellen Landwirtschaft auf Industrialisierung und verfügte, dass in der Führungsschicht des Landes nicht mehr persisch und arabisch, sondern türkisch gesprochen werden sollte – kurz: Noch nie in der Geschichte der Menschheit wurden in so kurzer Zeit so viele zum Teil uralte Traditionen über Bord geworfen und durch neue ersetzt.

Kemal Mustafa Pascha setzte dies alles ohne nennenswerten Widerstand durch, denn die Menschen seines Heimatlandes hatten ihm vieles, ja eigentlich alles zu verdanken, denn nur er war es, der dafür gesorgt hatte, dass die Türkei überhaupt als Nation überlebte.

Nach Ende des an der Seite Deutschlands verlorenen Ersten Weltkriegs hätte nämlich nicht viel gefehlt und das Land wäre unter den Siegern aufgeteilt worden, wäre als Beutestück den Engländern, Griechen, Italienern, Franzosen und Armeniern in die Hände gefallen. Das Land verlor seine Finanzhoheit und Sultan Mehmed VI. unterschrieb am 10. August 1920 im Pariser Vorort Sèvres einen an Härte kaum zu überbietenden Friedensvertrag, der ihn nicht nur als Marionette der Großmachtinteressen outete, sondern sein Land nicht weniger als neun Zehntel des Staatsgebietes kostete.

Der Kampf, den Kemal Mustafa daraufhin gegen diese tödliche Bedrohung seines Heimatlandes begann, war eigentlich völlig aussichtslos, ein militärisches Himmelfahrtskommando. Denn die vor allem von den Engländern mehr als wohlwollend unterstützten griechischen Truppen, die die Türkei vereinnahmen sollten, waren in jeder Beziehung weit überlegen. Aber auch die Türkei (so nannte sich das kümmerliche Restland seit 1921) hatte Freunde. Trotz erheblicher Probleme im eigenen Land versorgte die gerade erst entstandene Sowjetunion die Streitkräfte von Kemal Mustafa mit dringend benötigten Waffen.

Eine dreiwöchige Schlacht am Skarya-Fluss im Inneren Anatoliens, weniger als 50 Kilometer westlich von Ankara, brachte dann im August 1921 die Wende, obwohl die Türken ungeheure Opfer bringen mussten. Kemal Mustafa, dem nach dem Sieg der Ehrentitel „Gazi“ (der Siegreiche) verliehen wurde, gelang es später, die Griechen im Süden von Eskisehir buchstäblich „ins Meer zu jagen.“

Diese Schlachten, die unmenschlichen an Brutalität kaum zu überbietenden Massaker an der Zivilbevölkerung auf beiden Seiten und die nach dem Friedensvertrag von 1923 einsetzende „ethnische Säuberung“, bei der rund 1,3 Millionen Griechen aus ihrer in der neuen Türkei liegenden Heimat vertrieben wurden, gehören zu den blutigsten Kapiteln im Geschichtsbuch der Menschheit und sind einer der wichtigsten Gründe für den heute noch weit verbreiteten Hass zwischen Griechen und Türken.

Die Wurzeln des revolutionären Umbruchs durch Atatürk (diesen Ehrennamen erhielt Kemal Mustafa 1934) liegen in der Bewegung der sogenannten „Jungtürken“, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (1860) entstand und die sich durchaus vergleichen lässt mit ähnlichen Erhebungen wenige Jahrzehnte zuvor gegen die erstarrte Staatsform der absoluten Monarchie in Westeuropa.

Die Galionsfigur dieser Jungtürken war der Dichter Mehmed Namik Kemal Bey, dessen Aufrufe gegen die Herrschaft des Sultan unter anderem dazu führten, dass es von diesem verboten wurde, das Wort „Vatan“ (Vaterland) in offiziellen Verlautbarungen zu verwenden. Dieser Mehmed Namik Kemal Bey war es übrigens, der 1867 im Londoner Exil die Zeitung „Hürriyet“ (Freiheit) gründete, die es heute noch gibt.

Mustafa Kemal Atatürk starb am 10. November 1938 nach zweitägigem Koma an Leberzirrhose - die Erinnerung an seine überragende Persönlichkeit ist bis heute ungebrochen. Es gibt kaum eine türkische Stadt, in der kein Denkmal Atatürks steht, sein Geburtshaus in Thessaloniki ist Teil der türkischen Botschaft und das Kernstück des größten aktuell laufenden Entwicklungsprojekts der Türkei trägt seinen Namen „Atatürk-Staudamm“. Es ist der drittgrößte Staudamm der Welt.Es handelt sich dabei um ein 1980 begonnenes und 1992 in Betrieb genommenes gigantisches Projekt im Südosten Anatolien, bei dem das Wasser des Euphrat durch insgesamt 22 Staudämme und 19 Kraftwerke zur Energiegewinnung und Bewässerung genutzt werden soll. In den entstehenden Stauseen soll Fischzucht betrieben und es sollen Lebensmittel verarbeitende Betriebe angesiedelt werden. Trotz erheblicher wirtschaftlicher Probleme und erheblicher Gefährdung der Umwelt (so drohte der Atatürk-Staudamm zu verschlammen), ist Ziel des Projekts, die vor allem von Kurden bewohnte und bisher vernachlässigte Region zu stärken.

Eines jedenfalls steht fest: Gazi Mustafa Kemal Pascha Atatürk hätte das Projekt sehr gefallen.

Das Emil-Beck-Drama

Manche Lebensläufe sind mehr als tragisch. Da ist ein Mensch bereits eine Legende, ist Teil eines unvergessenen Dreigestirns, das außer ihm noch der Ratzeburger Ruderguru Karl Adam und der Bahnradkönig Gustav Kilian bildeten und dann, am Ende seines Lebens, blieb für den wohl besten und erfolgreichsten Fechttrainer aller Zeiten nur Schimpf und Schande.

Als Emil Beck, der am 20. Juli 1935 in Tauberbischofsheim geboren wurde und am 12. März 2006 überraschend an Herzversagen starb, hinterließ er ein Gerichtsverfahren, das damit auch unaufgeklärt abgeschlossen wurde. Darin ging es um rund eine Million Euro, die der 1935 geborene ausgebildete Friseur veruntreut haben soll, ein schwerwiegender Vorwurf, jedenfalls so sehr, dass auch erklärte „Freunde“ wie Exkanzler Helmut Kohl noch nicht einmal zur Beerdigung kam.

Kein Zweifel, Beck war ein kleiner Napoleon, einer, der für die Verwirklichung seiner Ziele gern auch mal Grenzen überschritt, der sich vielleicht zu sicher fühlte, sich für unantastbar hielt mit den insgesamt 163 Medaillen bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften, die seine Fechter errangen. Nur durch ihn interessierte sich eine breitere Öffentlichkeit für die elitäre Sportart, was ihm, so mag er jedenfalls gedacht haben, eine gewisse Immunität verlieh.

Aber seine Jünger stellten sich gegen ihn. Nachdem ihn Matthias Behr und Alexander Pusch, beide Angestellte im Fechtzentrum Tauberbischofsheim, im Sommer 1999 öffentlich beschuldigten, begann die Ikone Beck zu bröckeln. Aber eines kann ihm niemand mehr nehmen: Seine beispiellosen Erfolge.

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