Die preußische Jeanne d'Arc

11. März


Ganz so berühmt wie ihre französische Kollegin ist sie nicht, aber immerhin trägt Eleonore Prochaska den Ehrentitel „preußische Jeanne d’Arc“. Und das kam so: In diesen Tagen vor 225 Jahren, genau am 11. März 1785, wurde sie in Böhmisch-Rixdorf (heute der Berliner Stadtteil Neukölln) geboren und sie wuchs in unruhigen Zeiten auf. Napoleon Bonaparte überzog ganz Europa mit Krieg und gewann eine Schlacht nach der anderen. Ihr Vater war Militärmusiker in einem preußischen Garderegiment, sie lebten in ärmlichen Verhältnissen. Ob die Mutter starb oder sie und ihre Geschwister vernachlässigte ist nicht ganz sicher, Eleonore kam jedenfalls ins Waisenhaus und verfolgte mit heißem Herzen, wie die Menschen im von den Franzosen unterdrückten Europa aufbegehrten, wie sie Hoffung schöpften nach dem napoleonischen Desaster in Russland und sie wollte unbedingt mitkämpfen, so wie einige ihrer Geschlechtgenossinnen, vor allem in Spanien und Tirol.

Das ging natürlich nicht so ohne weiteres. Sie war zwar groß, aber zierlich und vor allem sie war kein Mann und durfte damit nicht zu Beginn der sogenannten Befreiungskriege einem der überall entstehenden Freicorps beitreten. Dennoch schaffte sie es, sich den sogenannten „Schwarzen Jägern“ um den Generalmajor Ludwig Adolf Wilhelm Freiherr von Lützow anzuschließen.

Das war eine reguläre Truppe der preußischen Armee, durchaus keine wilde zusammengewürftelte Soldateska. Von der „normalen“ Armee unterschied sich die Truppe lediglich dadurch, dass sie keinen Sold erhielt und für ihre Ausrüstung selbst sorgte. Und es war überhaupt nicht überraschend, dass die Lützower Truppe schwarze Uniformen trug, denn nur in schwarz ließ sich Alltagskleidung einheitlich einfärben. Ihre Hosen hatte rote Biesen und die Jacken goldfarbene Messingknöpfe, eine Farbkombination, die nicht rein zufällig später zu den deutschen Nationalfarben wurden.

Aus Eleonore Prochaska wurde August Renz, Infanterist des 1. Jägerbataillons und damit Kameradin von berühmten Männern: Turnvater Jahn, Joseph von Eichendorff, der spätere Begründer der Kindergärten, Friedrich Fröbel, und Theodor Körner, der „Lützows wilde Jagd“ dichtete, zu dem dann Carl Maria von Weber die Musik schreiben sollte.

Niemand fiel auf, dass Eleonore Prochaska eine Frau war. Sie beherrschte die rüde Soldatensprache so gut wie die anderen, nur die genormten Schuhe waren ihr viel zu klein und man unterhielt sich an den Lagerfeuern darüber, dass sie sehr gut kochen konnte (das hatte sie im Waisenhaus gelernt). Die 28jährige junge Frau fand es einfach toll, das Soldatenleben. „Wir exerciren, tirailliren und schiessen recht fleißig, woran ich sehr viel Vergnügen finde“, schrieb sie an ihren Brüder.

Aber dann war Schluss mit lustig.

Am 16. September 1813 traf das Lützower Korps in der Schlacht an der Göhrde bei Lüneburg auf französische Truppen und wie sich Eleonore Prochaska dort verhielt, brachte ihr zwar den Tod, aber auch etliche Denkmale und den Ehrentitel „preußische Jeanne d’Arc“ ein.

Nach Darstellung des Oberjägers Friedrich Förster sei er selbst verwundet worden und setzte sich auf eine Trommel, damit die Kugel entfernt werden konnte. Als er verbunden war, schnappte sich der Jäger Renz, alias Eleonore Prochaska, diese Trommel, wirbelte auf ihr herum und forderte die rund 70 um sie herumstehenden Soldaten ihr zu folgen. Die tapfere Schar gerieten bald unter französisches Feuer, was Eleonore Prochaska veranlasste, den Sturmmarsch anzuschlagen und sich mit wütendem Hurrageschrei auf den Feind zu stürzen. Alle folgten ihr. Dann traf die Truppe ein neuer Artilleriehagel, die tapfere Eleonore wurde getroffen und rief Förster zu: „Herr Leutnant, ich bin ein Mädchen!“

Nachdem die Jäger die gegnerischen Kanonen erbeutet hatten, kehrte Förster zu dem sterbenden Mädchen zurück. „Um Renz fand ich einen unserer Ärzte beschäftigt, eine Kartätschenkugel hatte ihm den Schenkel zerschmettert, man hatte ihm den beklemmenden Waffenrock geöffnet: der schneeweiße Busen verriet in pochenden Schlägen des jungfräuliche Heldenherz. Kein Laut der Klage kam über ihre Lippen, um die noch sterbend ein beseligtes Lächeln schwebte."

Eleonore Prochaska wurde in ein Haus im nahen Dannenberg gebracht, wo sie am 5. Oktober 1813 starb. Und Friedrich Rückert dichtete: „Ich müsste mich schämen, ein Mann zu heißen, wenn ich nicht wollte führen das Eisen und wollte Weibern es gönnen, dass sie es führen können.“ Rückerts Einstellung hielt sich noch bis ins Jahr 2001. Erst da wurde in Deutschland Frauen der Dienst an der Waffe offiziell ermöglicht.



Der Tod des „lieben Augustin“
„Ach du lieber Augustin“, sang ganz Wien vor 200 Jahren, am 11. März 1685 war er selbst hin, da starb der berühmte Dudelsackpfeiffer, Bänkelsänger und „Standup-Comedian“ Marx Augustin im Alter von nur 42 Jahren vermutlich an einer Überdosis Alkohol.

1 Kommentar:

E. Prochaska hat gesagt…

Vom 25. Juni bis 20. September 2010 zieht Eleonore Prochaska im Rahmen eines medialen Kunstprojekts zu der 650-Jahrfeier Neukölln/Rixdorf in die Scheune eines Kolonistenhauses in der Kirchgasse 60 in Böhmisch-Rixdorf ein.
In einer Außeninstallation der Künstlerin Beate Klompmaker werden u. a. überlieferte intime Briefe, geschrieben von Eleonore Prochaska an ihren Bruder, und ein eigens für Eleonore Prochaska von Ludwig van Beethoven komponierter Trauermarsch in Arragement des Musikers Chang-Yun Yoo zu hören sein.

Eleonore Prochaska, Kirchgasse 60, 12043 Berlin-Neukölln,
U-Bahn Karl-Marx-Straße, U+S-Bahn Neukölln
- Bitte bei Prochaska klingeln -


Stationen des Identitätswandels der anmutigen Eleonore Prochaska (Darstellerin Rita Braisch) sind in Form fotografischer Portraits auf Werbeträgern im Berliner Stadtraum, insbesondere in Neukölln, sowie in Köln und der Partnerstadt Ústí nad Orlicí in Tschechien zu sehen.

www.EleonoreProchaska.de
www.klompmaker.de