Ein Mann namens Grey, Earl Grey

13. März

Er hieß Charles und war der 2. Earl Grey und er gab einer besonders aromatischen Teesorte seinen Namen. Erfunden hat er sie aber nicht, möglicherweise hat er den Tee sogar nie getrunken. Er hatte jedoch als britischer Premierminister das Preismonopol der East India Company im Teehandel mit China aufgehoben, wofür man sich mit der Namensgebung erkenntlich zeigte. Eine nicht verbürgte Legende erzählt allerdings, dass sich im Bauch eines Schiffes bei Sturm zufällig eine Ladung Bergamotteöl auf ein paar Teeballen ergossen hätte und der Earl in London entschied, erst solle man den angeblich ungenießbaren Tee probieren, bevor er vernichtet werde. Die Tester waren begeistert und seitdem soll es diesen einmaligen aromatisierten Tee geben.

Und da der Earl am 13. März 1764 geboren wurde, ist dies ein guter Anlass, sich ein paar Gedanken über die Herkunft einiger Wörter zu machen, die mit Menschen zu tun haben und die in unseren allgemeinen Sprachgebrauch aufgenommen wurden.

Da war zum Beispiel ein Gutsverwalter des Earl of Earn in der Grafschaft Mayo im Nordosten Irlands mit Namen Charles Cunningham Boykott, der seine Leute schikanierte, wo er konnte. Die aber wehrten sich. Sie weigerten sich, den Pachtzins zu zahlen, wollten nichts kaufen und nichts verkaufen, sie wollten einfach mit dem Kerl nichts mehr zu tun haben. Kurz, sie „boykottierten“ ihn, wie eine Dubliner Zeitung am 13. November 1880 schrieb.

Ein weiteres Beispiel sind „Macadamia“-Nüsse. Sie haben ihren Namen von zwei englischen Botanikern, die vor ziemlich genau 150 Jahren die nahrhaften und äußerst schmackhaften Kugeln in Australien entdeckten. Und diese Herren hatten einen alten Freund, der zwar schon damals seit fast 20 Jahren tot war, dem sie aber ein Denkmal setzen wollten. Der hieß John McAdam und war Ingenieur. Und der hatte eigentlich überhaupt nichts mit Nüssen am Hut, sondern war seinerzeit eher für einen von ihm entwickelten revolutionären Straßenbelag berühmt.

Oder da gibt es mindestens drei Franzosen, die heute noch in aller Munde sind: Der eine hieß Jean Nicot (1530 bis 1600), war Gesandter in Lissabon und dieser Nicot schickte an Katharina von Medici die ersten Tabaksamen, die jenes starke Nervengift enthielten, das bis heute seinen Namen trägt - Nikotin. Der zweite, ein gewisser Étienne de Silhouette (1709 bis 1767) hatte die fixe Idee, statt sich in seinem Schloss wie üblich teure Gemälde selbstgemachte Scherenschnitte an die Wand zu hängen. Das war zwar nicht sehr repräsentativ, spart aber Geld, was bei seinem Beruf vorbildlich war. Der Mann war nämlich Finanzminister. Und dem Arzt Joseph-Ignace Guillotin (1738 bis 1814) taten die armen Verbrecher furchtbar leid, die manchmal höchst mühsam und langwierig mit Galgen oder Beil vom Leben zum Tode befördert wurden. So ließ er sich die halbautomatische Köpfmaschine einfallen, mit der angeblich alles schnell und schmerzlos gehen soll, wobei es bisher jedenfalls niemanden gibt, der das bezeugen kann.

Rein deutsche Angelegenheiten hingegen sind die Wörter „verballhornen“ oder „Biedermeier“ und „Dobermann“. Das erste geht zurück auf den Lübecker Buchdrucker Johann Balhorn, der in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts lebte und der das traurige Schicksal hatte, dass sich zwei offensichtlich ziemlich schusselige Juristen über sein „Lübecker Stadtrecht“ hermachten und die Texte teilweise völlig entstellten. „Biedermeier“, also die Zeitspanne vom Wiener Kongress (1815) bis zum Beginn der bürgerlichen Revolution (1848), müsste eigentlich „Biedermaier“ geschrieben werden, denn die Epoche bekam ihren Namen von Gottlieb Biedermaier, einem von dem Schriftsteller Ludwig Eichrodt und dem Arzt Adolf Kussmaul erfundenen schwäbischen Dorfschullehrer. Seine Geschichten erschienen in den Münchner „Fliegenden Blättern“ und in ihnen werden Engstirnigkeit und Spießertum verspottet.

Und das mit dem „Dobermann“ kam so: „Schnuppe“ war eine echte Promenadenmischung und der Lieblingshund eines gewissen Ferdinand Louis Dobermann aus Apolda bei Erfurt. Dobermann war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Steuereintreiber, Besitzer einer Abdeckerei und Hundefänger. Und da dieser Dobermann ein experimentierfreudiger Mensch war, schloss er besonders kräftige und aggressive Hündinen und Rüden zusammen und wartete darauf, was rund 60 Tage später dabei herauskam. Und so geschah es, dass sich die mausgraue „Schnuppe“ eines Tages in einen braunschwarzen, kräftigen, stattlichen Kerl, einen Rottweiler-ähnlichen Fleischerhund, verliebte, das Zuchtergebnis war echt scharf und bekam den Namen seines Herrchens.

Und natürlich sind da noch reihenweise Erfinder, Wissenschaftler, Wirtschaftskapitäne und Entdecker, die ihren Namen für alle auch nur irgendwie denkbaren Dinge hergaben. Da sind die Herren Daimler und Diesel, ein gewisser Julius Maggi, eine Frau namens Melitta Bentz, deren Vorname heute noch ein Synonym für Kaffeefilter ist, Lacoste und Rolls und Royce, Borgward und Bugatti, Kellogg, Dunlop und Guinness oder Colt, Samuel Colt.

Die „Sandwich-Inseln“, zu denen auch Hawaii gehört, bekamen ihren Namen vom großen englischen Seefahrer James Cook, der damit John Montagu, 4. Earl of Sandwich (1718 bis 1792) ehren wollte, der allerdings noch berühmter wurde durch seinen Faible für belegte Brote.

Überhaupt haben es einige Menschen den Speisekarten zu verdanken, dass man heute noch an sie denkt. Die Stroganows beispielsweise hätten es eher verdient, dass man sich ihrer als Herren von Sibirien erinnert und nicht wegen geschnetzelten Kalbfleischs in Sahnesauce. Von Geheimrat Friedrich von Holstein, der politisch höchst einflussreichen grauen Eminenz des Kaiserreichs, erzählt man, dass er ständig in Eile war und in seinem Stammlokal in Berlin Vor- und Hauptspeise gleichzeitig vorgesetzt haben wollte. Der Koch tat ihm den Gefallen. Er briet gemehlte Kalbschnitzel in Butter und krönte sie mit Spiegelei und gehackten Kapern. Dazu gab es geröstete Weißbrotscheiben mit Lachs, Kaviar, Sardellen und Ölsardinen. Fertig war das „Schnitzel Holstein“. Das alles ließe sich fast beliebig fortsetzen mit Lady-Curzon-Suppe, Bismarck-Hering, Pfirsich Melba oder Fürst-Pückler-Eis ...


Der erste Striptease
Olala! So lange ist es schon her, das der erste Striptease öffentlich vorgeführt wurde: Es war am 13. März 1894 im Theater „Divan Fayounau“ – natürlich in Paris und nicht, wie uns der Film "Viva Maria" weis machen wollte, irgendwie in der Etappe in Mexiko. Aber das kann man bei den beiden Hauptdarstellerinnen Brigit Bardot und Jeanne Moreau nicht wirklich übel nehmen.

1 Kommentar:

Petra Foede hat gesagt…

Ich lese seit kurzem mit großem Interesse ihre Posts, und weil Sie in diesem Beitrag die Namensgeber von diversen Gerichten ansprechen, kann ich es mir nicht verkneifen, Sie auf das Buch "Wie Bismarck auf den Hering kam" aufmerksam zu machen, das ich vor kurzem geschrieben habe. Darin geht es nicht nur um die bekannten Anekdoten, sondern eben auch darum, wie es denn wirklich war. Ansonsten habe ich ein Blog zu kulinarischer Geschichte, und wie es der Zufall will, habe ich gerade über Boeuf Stroganoff geschrieben.