Satchmo in Ost-Berlin

20. März


Die Amerikaner werfen ihre ersten Bomben auf die nordvietnamesische Hauptstadt Hanoi, der russische Kosmonaut Alexei Leonow unternimmt als erster Menschen einen Weltraumspaziergang und in London bastelt die junge Mary Quant an einer modischen Sensation, dem Minirock. Alles das passierte im Frühjahr 1965.

Wer aber damals in der DDR lebte und wer jung war, der interessierte sich nur für eines: Für Louis „Satchmo“ Armstrong. Am 20. März 1965 trat der „King of Jazz“ mit seinen „All Stars“ vor 3000 begeisterten Zuschauern im Berliner Friedrichstadtpalast auf und stand damit als erster Weltstar auf einer Bühne östlich der knapp vier Jahre zuvor errichteten Mauer. Das war nicht nur eine musikalische Sensation.

Politisch passte es vor allem der in Bonn regierenden späten Adenauer-Regierung nicht in den Kram, da sie auf dem Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik bestand und jede irgendwie geartete Anerkennung des zweiten deutschen Staates verbissen bekämpfte. Aber gegen die Amerikaner wollte man auch nicht stänkern und schon gar nicht gegen einen Weltstar wie Louis Armstrong.

Und dem war völlig bewusst, was er tat. Der Leiter des New Yorker Louis Armstrong Museums, Michael Cogswell, sagte dazu im „Bayerischen Rundfunk“: „Louis war schon klar, wo er war und welche Bedeutung sein Besuch hatte. Nur glaubte er, dass er mit seiner Musik und seiner Persönlichkeit mehr dafür tun konnte als mit Marschieren und Demonstrieren. Mit dieser Einstellung ging er auch hinter den Eisernen Vorhang. Mit seiner Ausstrahlungskraft und der Schönheit seiner Musik wollte er der Welt Gutes bringen."

Als der König des Jazz am Brandenburger Tor die Mauer sah, äußerte er nachdenklich: „Welch grausame Härte und Pein für Millionen Menschen. Ich werde mein Bestes, mein Allerbestes geben, um sie glücklich zu machen, ja, das werde ich.“

Wie auch immer, nicht nur die jungen Leute, sondern auch die Regierung in Ost-Berlin nahm „Satchmo“ mit offenen Armen auf (s.o.), obwohl man eigentlich dieser Jugendkultur aus dem Westen prinzipiell mit viel Skepsis begegnete, denn nichts war gefürchteter als die Aushöhlung des Sozialismus, indem die „Schönheit des von Ausbeutung befreiten Menschen hinter Haarwülsten verborgen“ wurde.

Und der Argwohn der Stasi schien sich zu bewahrheiten. Im Herbst 1965 rotteten sich in Leipzig und einigen anderen Städten der DDR ein paar junge Leute zusammen und schleuderte ihre Wut den damals auch schon alten Männern im Politbüro um den allmächtigen Walter Ulbricht entgegen. Mit knüppelhartem Einsatz machte die Polizei dem Spuk sehr schnell ein Ende.

Kurz zuvor war auf Vorschlag des für Fragen der Staatssicherheit zuständigen Sekretärs im Zentralkomitee der SED, einem aufstrebender Mann namens Erich Honecker, ein „Beat-Verbot“ erlassen worden, um die DDR-Jugend vor dem Schmutz und dem Schund aus dem Westen zu schützen. Die Jugend des ersten Arbeiter- und Bauernstaates, so stellte man in Ost-Berlin mit einiger Befriedigung fest, hätte schließlich ein anderes Lebensgefühl als die drogensüchtigen, alkoholabhängigen, langhaarigen, durch und durch dekadenten und schon deshalb bedauernswerten jungen Menschen in Westdeutschland. Es galt, den schlimmsten und hartnäckigsten Virus zu bekämpfen, der je junge Menschen befiel, den Jazz und daraus abgeleitet, den Rock ‘n’ Roll.

Das gelang, zumindest dem Schein nach ganz gut. Jeder, der in der DDR auf einer Bühne stehen wollte, brauchte eine Genehmigung von oben. Und die wurde Rockmusikern von jenem Zeitpunkt an einfach nicht mehr erteilt. Wer auch nur unter Verdacht stand, westliche Musik zu machen, wurde verhaftet und musste mit empfindlichen Strafen rechnen. Schüler, die dabei erwischt wurden, dass sie den Berliner Sender RIAS hörten, flogen von der Schule. Aber man war in gewisser Weise lernfähig im ZK.

Nachdem man ein paar Jahre vergeblich versucht hatte, Rock ‘n’ Roll mit Gewalt zu verhindern, setzte man Anfang der 70er Jahre subtilere Mittel ein. 1972 wurde ein „Staatliches Komitee für Unterhaltungskunst“ gegründet, das mehr oder weniger die Funktion einer westlichen Plattenfirma übernahm. Wer sich anpasste, bekam ein für DDR-Verhältnisse ausgesprochen luxuriöses Leben geboten. Wer dies nicht tat, wurde weiter verfolgt. Die Folge: Viele DDR-Musiker ließen sich korrumpieren.Doch das nur nebenbei.

Kehren wir zu Louis „Satchmo“ Armstrong und ins Jahr 1965 zurück. Karlheinz „Dixi“ Drechsel, der Jazz-Papst der DDR, erinnert sich noch heute an die Hymnen, mit denen auch die offizielle Presse den schwarzen Musikgiganten feierte: „An Armstrong deutelte keiner herum, nicht einmal das ZK. Erstmals schrieb das „Neue Deutschland“ positiv über Jazz. Armstrong hat nicht geahnt, welchen Anteil er an diesem kulturpolitischen Tauwetter hatte.“ „Satchmo kam, blies und siegte“ titelte in der Tat das Zentralorgan der SED voller Begeisterung und begleitete alle insgesamt 15 Konzerte in der DDR mit äußerstem Wohlwollen.

Schließlich, so konnte man sich beruhigen, hatte der Mann, der den Scat-Song, jenes unverwechselbare dubidubidu, erfand, weil er einmal bei Schallplattenaufnahmen den Text vergessen hatte, proletarische Wurzeln. Und was für welche!

Sein Vater war Fabrikarbeiter, seine Mutter ein als Putzfrau getarntes Freudenmädchen und den Beginn seiner Karriere hat der kleine Louis zu verdanken, dass er an Sylvester in seiner Heimatstadt New Orleans mit der Pistole seines Vaters herumballerte. Er wurde in eine Erziehungsanstalt gesteckt, wo er kurz darauf im Chor mitsingen durfte. Er verdiente sich ein paar Dollar und kaufte sich davon ein altes ziemlich verbeultes Kornett. Eines Tages spielte der berühmte Orchesterleiter Kid Ory auf einem Straßenfest, als der kleine Louis mit dem Kornett unter dem Arm vorbeikam. „Na, Kleiner“, fragte jemand den kleinen Mann in kurzen Hosen, „wem bringst du das Kornett?“ „Niemandem“, antwortete Louis stolz, „das ist meines.“ Niemand glaubte ihm. Bis er ins Horn stieß.

So begann also die Karriere von Louis „Satchmo“ (übrigens eine Abkürzung von ‚Satchel mouth’ – Schulranzenmund) Armstrong. Er wurde viel mehr als ein begnadeter Musiker, er war zugleich ein brillanter Entertainer und Showman, der ein ganz Großer des Jazz blieb, trotz „Hello Dolly“ und „What a wonderful world“. „Satchmo“, der Mann mit dem unvermeidlichen weißen Taschentuch, starb am 6. Juli 1971 in New York, offiziell nur zwei Tage nach seinem 71. Geburtstag.

Aber das stimmt so nicht. Denn den 4. Juli als Geburtsdatum hatte sich der Star nur ausgesucht, weil es der Nationalfeiertag der USA ist und 1900, weil auch das Jahrhundert immer dann Jubiläum hat, wenn er runden Geburtstag hatte. Und außerdem musste er volljährig sein, als er 1918 die erste seiner insgesamt vier Frauen heiratete, die 21jährige Prostituierte Daisy Parker.

In seinem Taufregister steht jedenfalls in lateinischer Sprache: „Armstrong (Neger, illegitim, unehelich). Am 25. August taufte ich Louis, geboren am 4. August 1901. Eltern: William Armstrong und Mary Albert.“

Louis Armstrongs Lebensphilosophie war ganz einfach: „Ich erwarte nichts als Beifall und ich bin verliebt in mein Horn und mein Horn ist verliebt in mich.“ Wie schön die Welt doch wäre, wenn es die Politik nicht gäbe ...



Die schwarze Spinne
Sorry, Olli, aber du warst zwar gut, aber nicht der Allerbeste. Der hieß Lew Iwanowitsch Jaschin und er war der einzige Torhüter, der jemals Europas „Fußballer des Jahres“ wurde. Wie gut dieser Jaschin war, kann man schon an den respektvollen Ehrennamen sehen, die er sich erhechtet hat: „Löwe von Moskau“, „Schwarzer Panther“, „Schwarze Spinne“ und „Schwarze Krake“ waren nur einige und sie bezogen sich darauf, dass dieser Ausnahme-Keeper Zeit seines Lebens in nur einem Verein spielte – Dynamo Moskau – und dass er stets schwarz trug.Niemand, so sagt die Legende, hat jemals mehr Elfmeter gehalten als er. Mehr als 150 sollen es gewesen sein, von denen allerdings nur 37 verbürgt sind.

Aber er war ein Teufelskerl zwischen den Pfosten, eine Art Spiderman des Fußballs, der ganz allein Spiele entscheiden konnte und dessen Kunst es weitgehend zu verdanken war, dass Russland, oder damals natürlich noch die Sowjetunion, eine Rolle im Weltfußball spielte, die dann bisher jedenfalls eine Episode blieb. 1956 war er Olympiasieger, 1960 Europameister, 1966 schafften es die Sowjets sogar ins Halbfinale der WM. 78mal stand er im Kasten der Nationalelf und kassierte dabei nur 70 Gegentore.

Außerdem wurde er im Tor seiner Eishockeymannschaft sowjetischer Vizemeister, träumte von einer Karriere als Schachgroßmeister, war Fechter, Wasser- und Basketballer sowie ein ausgezeichneter Tennisspieler. 1971 nahm er seinen Abschied, am 20. März 1990 starb er in Moskau an Krebs. Er wurde nur 60 Jahre alt.


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