Das seltsame Leben des Orson Welles

6. Mai


Der 10. Oktober sollte im Leben des großen Schauspielers und Regisseurs Orson Welles eine ganz besondere Rolle spielen. Am 10. Oktober 1938 erlebte er seinen spektakulärsten Erfolg, genau 47 Jahre später, am 10. Oktober 1985, starb er in Los Angeles. Sein größter Coup war damals unvergessen und ist es heute noch: An jenem Herbsttag im Jahre 1938 wurden die Menschen an der Ostküste der Vereinigten Staaten Opfer einer noch nie dagewesenen Massenhysterie. Es war der erste Geniestreich des späteren Weltstars, der am 6. Mai 1915 geboren wurde.

Tausende versuchten aus den Städten zu fliehen, nur fort in die Berge. Die Ausfallstraßen waren verstopft, durch die verwaisten Straßen zogen Plünderer, einige Menschen nahmen sich sogar das Leben. Alles nur, weil besagter Orson Welles in einer fiktiven Rundfunkreportage von der Landung Außerirdischer in New York berichtete. Atemlos schilderte er die Vorbereitung der „Marsmenschen“ zur Vernichtung der Menschheit.

Den Hinweis, dass es sich lediglich um ein Hörspiel frei nach H.G. Wells Roman „Der Krieg der Welten“ handelte, bekamen nur noch die wenigsten mit. Alle anderen hatte die Apparate bereits in Panik verlassen und liefen ziellos durch die Straßen.

Orson Welles war mit einem Schlag ein berühmter Mann.Er sollte noch zweimal Geschichte, in diesem Fall Filmgeschichte, schreiben. 1941 schuf er ein Meisterwerk, bei dem auch heute noch Cineasten mit der Zunge schnalzen: Mit „Citizen Kane“ erreichte der noch relativ junge Film einen seiner unbestrittenen historischen Höhepunkte. Kaum ein anderer Film erreichte je wieder die ästhetische Komposition der Bilder und die perfekte Nutzung der vorhandenen technischen Möglichkeiten.

Das der Film auch finanziell ein Erfolg wurde, was bekanntlich ja nicht für jedes Kunstwerk gilt, verdankt Welles dem Umstand, dass mit ihm ein handfester Skandal verbunden war. Der allmächtige Zeitungsverleger William Randolph Hearst meinte sich in dem Pressetycoon Charles Foster Kane in Welles Film wiederzuerkennen. Vor allem die Passagen mit dem völlig talentlosen Filmsternchen Susan Alexander ärgerten den immerhin 78 Jahre alten Hearst, denn er hatte selbst gerade eine heiße Liebesgeschichte mit der nicht besonders erfolgreichen Schauspielerin Marion Davies.

Randolph Hearst besaß zuletzt insgesamt 38 Zeitungen und Zeitschriften inklusive eigenem Nachrichtendienst, dem „International New Service“, war also ein wirklich einflussreicher Mann. Vielleicht fühlte sich Hearst auch ertappt, da Welles in dem Film sein Erfolgsrezept, nämlich Sensation um jeden Preis, gnadenlos enthüllt. Obwohl der Pressezar alles tat, um den Start des Film zu verhindern, ihn am liebsten in Flammen aufgehen lassen wollte, gelang es ihm erfreulicherweise nicht, „Citizen Kane“ zu unterdrücken.

Nach diesen überwältigenden Erfolgen als Rundfunkmann und Filmregisseur setzte Orson Welles 1949 noch ein Glanzlicht, das seinesgleichen sucht. Diesmal als Schauspieler. Nur zehn Minuten ist er insgesamt in Carol Reeds Meisterwerk „Der Dritte Mann“ als Penicillin-Schieber Harry Lime zu sehen und dennoch beherrscht er den ganzen Film - ebenso unvergesslich wie die Zittermusik des Anton Karas. Nichts hält die Dramatik, Tristesse und Brutalität der Schwarzmarktzeit kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs eindruckvoller fest als „Der dritte Mann“.

Für Welles war es der dritte Geniestreich. Es blieb sein letzter. Er drehte zwar noch zahlreiche Filme, der Schwung seiner jungen Jahre aber war dahin. Er drehte vorrangig Shakespeare-Filme, 1962 wagte er sich an Franz Kafkas „Der Prozeß“. Er hatte große Ambitionen, die viel Geld verschlangen und kaum etwas einbrachten. Welles verdiente es sich in meist recht lustlos gespielten Nebenrollen. Nach Aussagen seines langjährigen Sekretärs Maurice Bessy waren ihm diese Rollen herzlich gleichgültig, aber sie ermöglichten ihm das Überleben.

„Jeder, der sich für den lächerlichen Beruf eines Filmemachers entscheidet, hat verdient, was ihm widerfährt“, hat Orson Welles einmal gesagt. Ihm widerfuhr Merkwürdiges: In den ersten 35 Jahren seines Lebens wurde er zum Mythos, zu einem legendären Giganten des Films. Dann gab es einen seltsamen Bruch. Nichts lief mehr so richtig und in den zweiten 35 Jahren seines Lebens dümpelte der große Orson Welles irgendwie im Mittelmaß herum.

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