Der Bär aus Kursk

17. April


Parteitage der allmächtigen Kommunistischen Partei waren zu Zeiten der Sowjetunion gähnend langweilige bis ins letzte Detail vorausgeplante Routineveranstaltungen. Ganz anders war das allerdings am 25. Februar 1956, als ein gewisser Nikita Sergejewitsch Chruschtschow auf dem XX. Parteitag der KPdSU in einer Geheimrede mit seinem Vorgänger Josef W. Dschugaschwili abrechnete, dem Mann, der sich Stalin nannte.

Stalin galt seinerzeit als Halbgott und obwohl es kaum eine Familie gab, die nicht durch seine Säuberungen, Massenverhaftungen, Deportationen, Verbannungen und Ermordungen betroffen war, wagte das auch nach seinem Tod niemand offen auszusprechen - bis auf den kleinen, dicken am 17. April 1894 geborenen Bär aus Kalinowka bei Kursk südlich von Moskau an der Grenze zur Ukraine.

Chruschtschow galt als vorsichtiger Taktiker und eher als tapsig, aber er war ein schlauer Bursche. Hatte er doch in der unmittelbaren Umgebung Stalins überlebt, was ein Kunststück war. In seinen Memoiren schildert er mit angeborenem Mutterwitz die Zeit mit Stalin, das Kuschen, das Taktieren, die Angst, die Intrigen. So schreibt er, dass Stalin ständig Angst gehabt hatte, vergiftet zu werden. „Oh, hier ist das Gänseklein, Nikita, haben Sie es schon probiert“, sagte er beispielsweise und Chruschtschow musste als Vorkoster tätig werden. Nur Geheimdienstchef Berija verschonte er, weil der sich fast ausschließlich von Gras ernährte, „wie man das in Mittelasien tut. Manchmal stopfte er sich das Grünzeug mit den Fingern in den Mund“, fährt Chruschtschow fort.

Die Erniedrigung der Menschen in seiner Umgebung habe Stalin immer als amüsant empfunden. Einmal musste Chruschtschow sogar vor aller Augen den ukrainischen Volkstanz Gropok tanzen. Er bekam es einigermaßen hin. Hinterher sagte der spätere Staatspräsident Anastas Mikojan zu ihm: „Wenn Stalin sagt: tanze, dann tanzt ein kluger Mann.“

Aber Chruschtschow war nicht nur klug, er war auch ungewöhnlich schlagfertig. Dies zeigt ein kleiner Zwischenfall am Ende seiner Geheimrede von 1956. Er bekam einen Zettel zugesteckt, auf dem stand: „Was tatest Du, als Stalin diese Verbrechen beging?“ Chruschtschow las den Zettel vor und sagte ruhig: „Ich bitte den Fragesteller aufzustehen.“ Niemand stand auf. „Das“, sagte Chruschtschow, „ist genau, was ich getan habe.“

Mit diesem ungewöhnlichen Auftritt begann Chruschtschows rasanter Aufstieg zum Kreml-Chef und zu einem der mächtigsten Männer der Welt. Als er Partei- und später Parteichef war, drohte der Welt mehr als einmal die Umwandlung des Kalten in einen heißen Krieg: Da war die Niederschlagung des Aufstands in Polen, der Abschuss eines US-Spionageflugzeugs über der Sowjetunion, was den gelernten Maschinenschlosser zu einem legendären Aufritt vor den Vereinten Nationen veranlasste. Er zog den Schuh aus und trommelte wütend auf sein Rednerpult, was übrigens den damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer auf die Idee brachte, in kleiner Journalistenrunde dasselbe zu machen und dabei zu sagen: „Dat kann isch auch.“

Chruschtschow begleitete wohlwollend den Bau der Berliner Mauer und begann einen, obwohl er eigentlich ein Zeitalter der „friedlichen Koexistenz“ mit den USA angekündigt hatte, dramatischen Machtkampf mit dem amerikanischen Präsidenten in der Kuba-Krise aus der John F. Kennedy als moralischer Sieger hervorging.

Wenn das, was Chruschtschow in seinen Memoiren schreibt, der Wahrheit entspricht, war Kennedy allerdings zu seiner energischen Haltung durch das amerikanische Militär gezwungen worden. Kennedys Bruder Robert, Justizminister und Unterhändler in der Kuba-Krise, hatte dem sowjetischen Botschafter Dobrynin verraten, die Regierung Kennedy stände unter starkem Druck der Militärs, gegen Kuba mit Gewalt vorzugehen. „Obwohl der Präsident selbst sehr dagegen ist, um Kuba einen Krieg zu beginnen, könnte gegen seinen Willen eine unabänderliche Kette von Ereignissen eintreten,“ zitiert Chruschtschow Robert Kennedy. „Deshalb appelliert der Präsident direkt an den Vorsitzenden Chruschtschow und bitte um seine Hilfe bei der Beilegung dieses Konflikts. Falls die Situation noch länger andauert, ist der Präsident nicht sicher, dass das Militär ihn nicht stürzen und die Macht ergreifen wird. Die amerikanische Armee könnte außer Kontrolle geraten.“ „Kreml verhindert Militärputsch in den USA“ – Chruschtschow war immer für eine Überraschung gut.

Aber nach diesen Ereignissen begann sein Stern zu sinken, wozu auch die verfehlte Wirtschaftspolitik und der zunehmende Streit mit den Chinesen beitrug. Er wurde 1964 abgesetzt und starb 1971. Aber er gilt als ein erster Wegbereiter von Glasnost und Perestroika.

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