Der Esperanto-Erfinder

14. April


Es war nicht nur eine Frage, welche der beiden neuen Kunstsprachen sich durchsetzen würde, das Volapük des deutschen katholischen Priesters und Gelehrten Johann Martin Schleyer oder das Esperanto des polnischen Juden und Augenarztes Ludwig Lejzer Zamenhof, sondern es ging vor allem darum, ob eine „Sprache aus der Retorte“ überhaupt eine Chance in einer zerstrittenen und zersplitterten Welt haben würde.

Als der seinerzeit 27jährige Zamenhof am 26. Juli 1887 unter dem Pseudonym „Doktoro Esperanto“ (wörtlich übersetzt „ein Hoffender“) zunächst auf russisch seine erste Broschüre über sein Sprachprojekt „Lingvo internacia“ herausbrachte, da sah es für ihn gar nicht gut aus, denn Volapük hatte fast zehn Jahre Vorsprung. Aber die Anhänger Schleyers (übrigens ein Bruder des Urgroßvaters des 1977 ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer) hatten bereits begonnen, sich in die Haare zu geraten und es gab erste Zerfallerscheinungen.

Zudem waren schon zahlreiche Versuche, darunter einer des großen Universal-Gelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz, fast zweihundert Jahre zuvor einigermaßen kläglich gescheitert. Aber die neue Sprache des Ludwig Zamenhof überlebte irgendwie – auch die Wirren des Ersten Weltkriegs, den Zweiten Weltkrieg, den Kalten Krieg und es gibt sie noch heute. Der Weltverband der Anhänger der Kunstsprache, die „Universala Esperanto-Asocio“, hat Jünger in insgesamt 117 Ländern, wobei die tatsächliche Zahl der Mitglieder mit knapp 19 000 doch eher bescheiden ist.

Die Zukunftsaussichten sind jedenfalls nicht schlecht, nachdem die Unterdrückung der Sprache in den ehemaligen Ländern des Ostblock, in einstmals totalitären Ländern wie Spanien und Portugal sowie in China überwunden wurde und sich durch das Internet ganz neue Perspektiven ergeben. Allerdings muss auch Esperanto immer weiter entwickelt werden, da es einige Dinge zu Zeiten des Sprachgründers noch gar nicht gab: Fernsehen (televido) oder Aids (aidoso) oder Computer (komputilo) zum Beispiel.

Die Widerstände gegen Esperanto waren und sind häufig von der Meinung geprägt, dadurch sollten Nationalsprachen abgeschafft werden, was aber ausdrücklich nicht der Fall ist. Zamenhofs eigentliches Ziel, nämlich auf dem Weg einer, heute würde man sagen, weltweiten „Multi-Kulti-Bewegung“ vor allem das jüdische Volk besser zu integrieren, wurde durch die Ereignisse des 20. Jahrhunderts geradezu auf den Kopf gestellt. Der „Homaranismo“, wie er seine „Lehre von der Menschheit“ nannte, ein flammender Aufruf für Völkerverständigung und religiöse Toleranz, bei der Esperanto als Brücke dienen sollte, setzte sich nie durch.

Im Gegenteil: Der Zeit des Nationalsozialismus und des Holocaust fiel fast die gesamte Familie Zamenhofs zum Opfer, darunter auch sein Sohn Adam, der 1940 exekutiert wurde. Adam Zamenhof war zuvor häufig als Ehrengast auf Esperanto-Kongressen aufgetreten.

Aber das erlebte der Erfinder des Esperanto nicht mehr. Der Mann, der schon als Kind Russisch, Polnisch, Jiddisch, Griechisch, Latein, Englisch, Deutsch, Französisch und Hebräisch sprach, starb bereits am 14. April 1917 in Warschau im Alter von 57 Jahren an einer Herzschwäche.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Danke für den netten, sachlichen Kommentar zu Esperanto.
Ich selber bin Esperanto-Muttersprachler, ja das gibt es, und komme gerade von einem internationalen Treffen aus St. Andreasberg im Harz zurück, bei dem sich mehr als 160 Personen - überwiegend Familien - aus ca. 20 Ländern getroffen haben.
Wenn man auch in den Medien nicht viel Esperanto hört, so nimmt die Zahl internationaler Treffen ständig zu. Gab es in Deutschland in den 50-er Jahren nur den deutschen Esperanto-Kongress, so haben wir inzwischen 8 internationale Veranstaltungen, jeweils mit um die 150-200 Teilnehmern, wobei durchaus größere Treffen organisierbar wären, aber es scheitet an dem Unvermögen, größere Tatungsorte (Familien-Bildungsstätten, Jugendgästehäuser etc.) zu finden, was allerdings die Teilnehmer wenig stört, da sie durchwegs Veranstaltungen mit einer überschaubaren Teilnehmerzahl bevorzugen.
Weitere Informationen zu Esperanto - auch über Internet-Kurse - gibt es unter www.esperanto.de
Freundlichst
Hoketo

hoketo bei t-online Punkt de

(hoketo bei t-online Punkt de)

Gunnar Gällmo hat gesagt…

Nur eine kleine Detail:

Zamenhof nannte sich "russischer Jude" (rusa hebreo), nicht "polnischer". Seine Muttersprache war Russisch, und Bjalistok war damals nicht Teil "Kongresspolens".