Der ewige Schelm

17. Mai


Ob er je gelebt hat, weiß niemand, aber wann und wo er gestorben ist, dafür gibt es einen Beleg: den Grabstein in der Möllner Nicolaikirche, auf dem eine Eule und ein Spiegel zu sehen ist und die Inschrift: „Disen Stein sol nieman erhaben. Hie stat Ulenspiegel begraben. Anno domini MCCCL jar.” Und so gilt der 17. Mai 1350 als Todestag des alten Schalks. Ein Seil, an dem sein Sarg hinabgelassen wurde, soll dabei gerissen sein, so dass er die Ewigkeit senkrecht verbringt.

Typisch Eulenspiegel ist man versucht zu sagen, denn Zeit seines (realen oder nur erfundenen) Lebens war dieser Eulenspiegel ein Witzbold, der seinen Zeitgenossen mit allerlei Possen auf die Nerven ging. Wenn er alles bewusst falsch verstand, um einen seiner berüchtigten Scherze los zu werden, beispielsweise nicht in den „Henep“ („Hanf“) schiss, sondern in den „Senep“ (Senf), wenn er Brotbrocken aneinander band und begeistert zuschaute, wie das verzweifelte Federvieh darum kämpfte, wenn er den Wagen schmierte, wie ihm aufgetragen wurde, aber vor allem auf den Sitzen, wenn er heimlich eines von zwei gebratenen Hähnchen verspeiste und der einäugigen Köchin sagte, sie müsse nur das andere Auge aufmachen, dann wären es wieder zwei und wenn er schon als Kind hinter seinem Vater auf dem Pferd ritt und allen Leuten den Allerwertesten zeigte.

Mag sein, dass er so zu seinem Namen kam, denn Eulenspiegel heißt im mittelniederdeutschen Uhlenspegel, wobei „uhlen“ „wischen“ heißt und „spegel“ „Hintern“ und somit „ul’n spegel“ eine ähnliche Bedeurung hat wie jener berühmte Satz, den der Herr Geheimrat Goethe seinen Götz von Berlichingen sagen lässt ...

Es waren halt derbe Zeiten, damals in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, die Scherze, über die man lachte, waren alles andere als feinsinnig, es wurden eher die niedrigen Instinkte bedient wie Schadenfreude, Bosheit und Rachsucht.

Und das war der Ur-Eulenspiegel in der Tat: Er war boshaft und rachsüchtig und hatte nur ein einziges Ziel, nämlich die Lacher auf seiner Seite zu haben. Er war eben nicht der eher harmlose bäuerliche sympathische Possenreißer, der seiner Zeit mit hübschen und intelligenten Einfällen einen Spiegel vorhielt. Auch jede Art von hintergründiger Sozialkritik an Bürgertum und Adel, die ihm später Teile der Literaturwissenschaft zubilligten, sucht man im alten Eulenspiegel vergebens. Seine Scherze sind meist sehr direkt und häufig Fäkalien-orientiert. Um 1510 erschien das erste Buch mit dem Titel „Ein kurtzweilig Lesen von Dyl Ulenspiegel, geboren uß dem Land zu Brunßwick, wie er sein leben volbracht hat ...“.

Als Autor gilt der Braunschweiger Zollschreiber und Amtsvogt Hermann Bote, sicher ist das allerdings nicht, ganz im Gegensatz zur Tatsache, dass die Geschichten um den Schelmen aus Kneitingen bei Schöppenstedt sehr schnell zu einem mittelalterlichen Beststeller entwickelten. Schon bald gab es zahlreiche neue Fassungen und schon im 16. Jahrhundert wurde „Till Eulenspiegel“ in fast alle Kultursprachen Europas übersetzt.

Häufig wurden die Motive aus dem Leben des Till Eulenspiegel in den vergangenen mehr als 600 Jahren Gegenstand von Dichtung und Musik. 1867 beispielsweise erschien Charles de Costers Roman „Geschichte von Ulenspiegel und Lamme Goedzak in Flandern und anderswo“ oder 1895 schuf Richard Strauss die sinfonische Dichtung „Till Eulenspiegels lustige Streiche“.

Auch finden sich anderen Kulturkreise ähnlich angelegte Figuren des volkstümlichen Spaßmachers wie in der Ukraine den jüdischen „Hersch Ostropoler“ oder „Hodscha Nasreddin“ in der Türkei.Wer sich in Norddeutschland auf die Spurensuche nach Till Eulenspiegel begeben will, hat eine Menge Möglichkeiten.

In Schöppenstedt in der Nähe seines angeblichen Geburtsortes Kneitlingen gibt es ein Till Eulenspiegel-Museum, das rund 8 000 Menschen jährlich besuchen, in Magdeburg wurde eine Straße nach ihm benannt (Till-Eulenspiegel-Ring) und die „Eulenspiegelstadt“ Mölln hält einen städtischen Bediensteten vor, der im Bedarfsfall von Reisegruppen gebucht werden kann. Auch in Mölln gibt es übrigens ein Eulenspiegelmuseum und seit 1950 wird der berühmte Schalk mit einem „Eulenspiegel“-Brunnen geehrt.

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