Der Geist der Klosterfrau

5. Mai


Der Geist der Melisse hilft den Menschen schon seit vielen Jahrhunderten, aber erst eine unternehmungslustige Nonne verhalf ihm dazu, ein berühmtes Produkt zu werden, das fast jeder Deutsche kennt – Klosterfrau Melissengeist. Und das kam so: Maria Clementine Martin wurde am 5. Mai 1775 in Brüssel geboren, als Tochter eines aus Tirol stammenden Offiziers in den „Österreichischen Niederlanden“ (heute in etwa das Gebiet von Belgien und Luxemburg), die durch einen politisch seltsamen Kompromiss aus dem spanischen Erbfolgekrieg an die Wiener Habsburger gefallen waren. Maria Clementine Martin wollte immer schon dem Herrn dienen und ging so schon im Alter von 17 Jahren in ein Kloster, in das der Heiligen Anna in Coesfeld im westlichen Münsterland.

Es waren schwierige Zeiten. In Frankreich tobte die Revolution, die von einem machthungrigen Napoleon Bonaparte abgelöst wurde, der 1802 die Auflösung sämtlicher Klöster beschloss, was 1803 dann auch St. Anna traf.

Aber in den zehn Jahren zuvor hatte die junge Frau in dem Garten des Klosters ein umfangreiches Wissen über Heilkräuter erworben, was ihr Leben einschneidend prägen sollte.

Dabei spielte die Melisse eine große Rolle, eine Pflanze, die fast einen Meter hoch werden kann und deren Blätter in den Fingern zerrieben, einen charakteristischen Zitronengeruch ausströmt, der auf Bienen so verlockend wirkt, dass die Griechen sie „Melissa“ tauften, was so viel heißt wie „Honigbiene“.

Auch die alten Römer kannten ihre Heilkraft und brachten sie mit in den germanischen Norden, wo Karl der Große dann anordnete, dass ein jeder, der dazu in der Lage war, einen Kräutergarten anzulegen hatte, in dem natürlich auch Melisse nicht fehlen durfte – half sie doch als Linderungsmittel bei Nervenschmerzen, Rheuma, Geschwüren und offenen Wunden. Im Mittelalter nannte man die Melisse auch „Mutterkraut“, weil sie von zahlreichen Frauenbeschwerden wie Übelkeit bei Schwangerschaft befreien kann. Die Urmutter aller Kräutermütterlein, die Heilige Hildegard von Bingen, deren Erkenntnisse auch heute noch gepflegt werden, nannte sie „Bienenauge“, die das „Herz freudig macht.“

Maria Clementine Martin wusste das alles und sie hatte nicht nur heilende, sondern auch sehr geschickte Hände, von denen der alte Feldmarschall Blücher gehört hatte, der sie 1815 zur Pflege seiner verwundeten Soldaten auf dem Schlachtfeld von Waterloo einsetzte. Aber Schwester Maria Clementine half nicht nur den Preußen, sondern auch Napoleons Franzosen. Sie setzte sich so selbstlos und aufopferungsvoll ein, dass ihr vom Hof in Potsdam eine Rente genehmigt wurde, die sie von den gröbsten finanziellen Sorgen befreite – und den Grundstock lieferte für ein zwar riskantes, schließlich aber höchst erfolgreiches Unternehmen.

Maria Clementine Martin hatte eine lange Wanderschaft durch Westfalen und Brabant hinter sich, auf der sie immer wieder Kranke und Todgeweihte pflegte und ihre selbstgemischten Heilwasser verkauft, als sie sich 1825 in Köln niederließ, der Welthauptstadt der duftenden und pflegenden Wässerchen, auch Eau de Cologne, Kölnisch Wasser, genannt.

Dies umfasste durchaus nicht nur zahlreiche Mischungen aus Alkohol und Blütenöl, die Wohlgeruch ausströmten, sondern auch Arzneimittelchen. Und da sie immer einen hohen Alkoholanteil von bis zu 80 Prozent enthielten, wurden sie auch gern und reichlich getrunken.

Also, in einem Novembertag 1825 machte sich die 50 Jahre alte Maria Clementine auf und gab in der Kölnischen Zeitung eine Anzeige auf, in der sie „ein sich selbst empfehlendes echtes Kölnisch Wasser anbietet“, das so schnell und reißend Abnehmer fand, dass die tapfere Ordenschwester aus dem Orden der Annunziatinnen ein paar Monate später einen Betrieb gründete, in dem sie das „Ächte Spanische Carmeliter-Melissenwasser“ anbot.

Und sie schaffte es, in einer Zeit, in der gnadenlos und ohne Folgen erfolgreiche Produkte nachgemacht wurden, ihren Melissengeist unverwechselbar zu machen. Ihr Trick: Sie besorgte sich die Genehmigung, den preußischen Adler auf dem Etikett zu führen, was selbst die abgebrühtesten Kopisten nicht nachzumachen wagten.

Als Maria Clementine Martin am 9. August 1843 starb, da kannte und betrauerte sie die ganze Stadt. Und ihr Unternehmen gibt es heute noch und dies mit wachsendem Erfolg, denn „nie war er so wertvoll wie heute.“

Keine Kommentare: