Der Lichtenberg des runden Leders

28. April


Er war der Meister der ultimativen Fußball-Weisheiten, der Lichtenberg des runden Leders, ohne ihn wüßten wir nicht, dass der nächste Gegner der schwerste, dass nach dem Spiel vor dem Spiel ist und dass es 90 Minuten dauert. Gern überraschte der „Chef“ seine Schützlinge mit so lapidaren Wahrheiten wie „Tor ist Tor“ und „flach schießen, hoch gewinnen.“.
Am 28. April 1977 starb der Feldherr des deutschen Fussballs, Josef „Sepp“ Herberger, im Alter von 80 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts. Der, wie Meinungsumfragen ergaben, nach Bundeskanzler Konrad Adenauer bekannteste Deutsche der Nachkriegszeit, prägte wie kein anderer den deutschen Fussball.

Am 10. Oktober 1936 übernahm Herberger den Posten des „Reichstrainers“, nachdem sein Vorgänger Otto Nerz vom enttäuschten Adolf Hitler in die Wüste geschickt worden war. Bei den Olympischen Spielen in Berlin, Hitlers Prunk- und Protzauftritt vor der staunenden Welt, hatte nämlich die deutsche Nationalmannschaft peinlicherweise den Sieg einer italienischen Studentenauswahl überlassen müssen.

Es waren schwere Zeiten, auch für den Fussball. Hitler mischte sich in alles ein. So befahl er, aus der deutschen und der österreichischen Nationalmannschaft eine „großdeutsche“ zu formen. Herberger gehorchte. Bald stellten sich auch Erfolge ein, aber der Krieg machte alles zunichte. Obwohl die Deutschen 1950 genug damit zu tun hatten, ihr Land wieder aufzubauen, wurde wieder Fußball gespielt und irgend jemand kam auf die Idee, den damals 53 Jahre alten Mannheimer, der zwar unter Hitler gedient hatte, der aber alles andere als ein Nazi war, zum ersten Bundestrainer zu berufen.

Wenige Monate später saß „Seppl“, wie er sich selbst nannte, zum erstenmal bei einem Länderspiel auf der Bank, dem ersten nach dem 2. Weltkrieg. 1:0-Sieg gegen die Schweiz, die als erstes Land den internationalen Boykott gegen Fußballspiele mit deutschen Mannschaften trotz deftiger Geldstrafen durchbrochen hatte. Deutschland war ein geächtetes Land - auch im Fußball.

Und dann 1954 die große Sensation, das „Wunder von Bern“, der Wiederaufstieg in die Belle Etage des Weltfussballs: Deutschland wird durch einen 3:2-Sieg über den haushohen Favoriten Ungarn zum ersten Mal Weltmeister.

Der Vater des Sieges, darüber ist man sich unter Experten einig: Trainer-Fuchs Sepp Herberger.

Er hatte sein „Männer“ perfekt eingestellt. Und er hatte mit Fritz Walter einen genialen verlängerten Arm auf dem Platz, einen begnadeten Kapitän und eine Mannschaft, die sich buchstäblich zerriss. Die Namen des soliden Torhüter Toni Turek, der bulligen Abwehrspieler Jupp Posipal, Werner Kohlmeyer und Werner Liebrich, der zwei leichtfüssigen „Läufer“, wie man es damals nannte, Karl Mai und Horst Eckel, des feinen Mittelfeld-Techniker Hans Schäfer und des durchschlagskräftigen Sturms mit Max Morlock, „Boss“ Helmut Rahn und Fritz Bruder Ottmar kannte bald jedes Kind.

Deutschland war zurück auf der Landkarte - mit äußerster Skepsis von der Welt beobachtet. Man wartete geradezu darauf, dass die deutsche Großmannssucht wieder auftauchen würde und man wurde nicht enttäuscht. DFB-Präsident Peco Bauwens, hingerissen vom Erfolg im Wankdorf-Stadion, konnte sich chauvinistische Töne nicht verkneifen. Das Ausland nahm es mit hochgezogenen Augenbrauen zur Kenntnis. Deutschland gegen den Rest der Welt.

Aber die Wogen glätten sich bald wieder, vor allem ein Verdienst des immer bescheidenen Trainers Sepp Herberger und seiner sympathischen Mannschaft.
Viele Experten glaubten, dass der sensationelle deutsche Titelgewinn von 1954 eine Eintagsfliege war. Aber sie irrten. Unter Herbergers Regie wurde das Nationalteam unter Wert geschlagener 4. in Schweden. Am Schluss seiner Laufbahn setzte Herberger zu sehr auf Sicherheitsfussball und - scheiterte.

1964 verabschiedeten ihn 70 000 Menschen im Niedersachsenstadion von Hannover mit einem donnernden „Hipp, Hipp, Hurra!“Fast 30 Jahre lang war „Muggele“ Herberger, wie er auch genannt wurde, der Dompteur der deutschen Vorzeige-Kicker, eine Leistung, die wohl nie mehr erreicht werden wird. - auch, wenn man Jogi Löw ja einiges an Beharrungsvermögen zutrauen muss.

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