Der Millionen-Coup

6. April


Am 6. April 1954 löste das US-Unternehmen C.A. Swanson & Sons eine Revolution in den Küchen dieser Welt aus, ohne eigentlich so richtig damit gerechnet zu haben: Es präsentierte das erste tiefgekühlte Fertiggericht im Fernsehen. Ihr Firmenkoch Gerry Thomas zelebrierte Putenbrust mit süßen Kartoffeln und Erbsen in einem Aluminiumtablett, wie man es damals in Flugzeugen benutzte. Man musste es einfach im Ofen erhitzen und schon war es fertig. Es war die Geburtsstunde des Fertiggerichts, „TV-Dinner“ wurde zum Renner.

Swanson war von dem Erfolg völlig überrascht. Statt der erwarteten 5000 Einheiten wurden schon im ersten Jahr insgesamt mehr als zehn Millionen verkauft, so dass die relativ bescheidene Firma die Gunst der Stunde nutzte und sich schon 1955 vom Lebensmittelkonzern „Campbell Soup Company“ übernehmen ließ.

Campbell hatte zuvor auf ganz ähnlichem Gebiet die USA erobert, mit Dosensuppen, und wurde später, genau 1962, auf einem ganz anderen Gebiet weltberühmt, als Andy Warhol seine 32 Bilder von Campbell-Suppendosen erstmals öffentlich zeigte und damit dem Begriff „Kunstgeschmack“ eine neue Variante hinzufügte.

Überhaupt waren vorgefertigte Gerichte nicht etwa eine Erfindung von Swanson, die gab es schon viel früher. In England hatten Reisende bereits Mitte des 18. Jahrhunderts einen getrockneten Fleischextrakt in Form von Würfeln bei sich, die, in heißem Wasser aufgelöst, zu „portable soup“ (tragbarer Suppe) mutierten. Wer der Erfinder des nahrhaften Reisebegleiters war, ist nicht bekannt. Ein Landwirtschaftsexperte namens Sir Hugh Plat erwähnt den Extrakt jedenfalls schon Ende des 16. Jahrhunderts. Im National Maritime Museum in London ist ein solcher Würfel aufbewahrt, den der große Seefahrer James Cook (1728 – 1779) von einer seiner drei Fahrten in den Pazifischen Ozean wieder mit nach Hause brachte.

Den Engländern folgten 1821 die beiden Franzosen Parmentier und Proust mit sogenannten Bouillontafeln und dann 1852 der deutsche Chemiker Justus von Liebig, der für eine Bekannte einen Fleischextrakt entwickelte, der zehn Jahre später in Lizenz in Südamerika in großen Maßstab produziert wurde, weil es dort einen ungeheuren Überschuss an Rindfleisch gab. Man züchtete nämlich die Tiere vor allem wegen ihrer Häute, Hörner und Knochen und es fielen somit Unmengen Frischfleisch an, das irgendwie verarbeitet werden musste, da es noch keine geeigneten Kühlmöglichkeiten gab.

Besondere Bedeutung hatten die Fleischwürfel bei der Verpflegung von Soldaten. Für Engländer und Deutsche gehörten sie im 1. Weltkrieg zur „Eisernen Ration“.

Eine weitere Variante von Fertiggerichten ist die 1867 von dem Berliner Konservenfabrikanten Johann Heinrich Grüneberg entwickelte Erbswurst, aus der unter Zugabe von Wasser eine gemessen an den persönlichen Ansprüchen mehr oder weniger genießbare Erbsensuppe entsteht. Grüneberg verkaufte seine Erfindung 1889 an die Brüder Knorr in Heilbronn, die sie bis heute herstellen für Expeditionen, Bergsteiger, aber durchaus auch für den hungrigen Wanderer.

Nachdem die Mikrowelle ihren Siegeszug antraten, wurde die Zahl der Menschen, die sich von Fertiggerichten ernähren, immer größer. Nach einer Studie der Techniker-Krankenkasse konsumiert jeder zehnte Deutsche häufiger als dreimal pro Woche ein Fertiggericht. Dies geschieht, obwohl den meisten Menschen bekannt ist, dass die Ernährung durch Fertiggerichte nicht der Gesundheit förderlich ist.

Ursachen für diesen seit Jahren anhaltenden Trend sind vor allem Zeitdruck, zunehmende Bequemlichkeit und die Tatsache, dass Familienmitglieder immer öfter zu unterschiedlichen Zeiten essen. Zudem steigt die Zahl der Single-Haushalte immer mehr an. Fertiggerichte sind sehr viel schneller zubereitet und setzen keinerlei oder kaum Kochkenntnisse voraus. Umfangreiche Werbekampagnen tun ein übriges, indem dem Konsumenten vorgespiegelt wird, jeder könne mit Hilfe von Tiefkühlware, Suppenpulvern oder „Gourmet-Saucen“ Schmackhaftes wie ein Sternekoch zaubern.

Unterdessen haben auch in der Gastronomie sogenannte Convenience-Produkte, also Halbfertiggerichte, eine überragende Bedeutung, da dadurch Personalkosten verringert und Vorratshaltung extrem erleichtert werden.

Fertiggerichten kann man heute kaum noch entkommen.



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