Der Skandal-Maler

30. April


Das Nackte war für ihn das „erste und das letzte Wort der Kunst.“ Für diese Erkenntnis und für das, was er in dieser Erkenntnis schuf, musste der franzöische Maler Edouard Manet sein Leben lang kämpfen, musste Widerstände und Hass besiegen. Am 15. Mai 1863 erreichte die Diskussion um Manet seinen Höhepunkt, als sein später weltberühmtes Gemälde „Frühstück im Freien“ von Kaiser Napoleon III. aufs schärfste kritisiert worden war.

Napoleon hatte eine Ausstellung besucht, in der die von den offiziellen Salons ausgeschlossenen Maler ihrer Bilder zeigten, den sogenannten „Salon der Zurückgewiesenen“, den „Salon des Refusés“. Der Kaiser hatte lange vor dem Gemälde gestanden und es, wie es schien, wohlwollend betrachtet. Dann drehte er sich um und sagte kein einziges Wort. Schon begann das offizielle Paris, ebenfalls Gefallen an Manets unbekleideten Damen zu finden, als dann doch noch das kaiserliche „Todesurteil“ fiel. Das Bild verletze das Schamgefühl, verlautete es knapp und unmissverständlich aus Kreisen seiner Majestät.

Mit seiner Kritik an Manet und dessen Kunstauffassung blieb der Kaiser nicht allein. Sein ehemaliger Lehrer Thomas Couture verurteilte praktisch alles, was Manet je malte in Bausch und Bogen . So eines Tages, als Manet ihn gebeten hatte, sich das Bild „Der Absynthtrinker“ anzusehen und dann diesen Kommentar erntete: „Mein lieber Freund, hier gibt es nur einen Absynthtrinker, und das ist der Maler, der einen solchen Blödsinn zusammenbringen konnte.“

Mit seinem Kollegen Gustave Courbet lieferte sich Manet folgendes Wortduell, als sie Manets „Olympia“ betrachteten. Courbet: „Das ist falsch, ist nicht gestaltet: Eine Spielkarte, eine Pique-Dame nach dem Bad.“ Manet: „Und Ihr Ideal, Monsieur Courbet, ist die Billardkugel.“

Manet hatte es satt, sich mit der prüden und bigotten Pariser Gesellschaft weiter abzugeben und gründete seinen eigenen Salon mit dem Ergebnis, dass über keinen anderen Künstler seiner Zeit so viel geredet wurde, wie über ihn. Allerdings wurden im breiten Publikum eher Witze über ihn gerissen, als ernsthaft diskutiert.

Manet war keinen Augenblick im Zweifel darüber, dass sein „Frühstück im Freien“ eine Provokation war. Eine nackte Frau und zwei vollständig bekleidete Männer und dass auch noch erkennbar Zeitgenossen und keineswegs Teil einer antiken Mythologie, Manet war klar, dass man sich darüber das Maul zerreißen würde.

Manets Bild löste eine Revolution in der Kunst aus und blieb bis heute trotz aller Skandale ein herausragendes Werk. Es ist, wenn man so will, nicht nur Beginn des Impressionismus, sondern der Beginn der Moderne in der Malerei überhaupt. Eigentlich wird ja sein Fast-Namensvetter Claude Monet als der Vater des Impressionismus bezeichnet, hatte dieser 1872 seinem Gemälde den Namen „Impression-Soleil levant“ gegeben und im Gegensatz zu Manet an der als Geburtsstunde des Impressionismus geltenden „Ausstellung Nadar“ teilgenommen, aber das „Frühstück im Freien“ ist immerhin fast zehn Jahre älter.

Übrigens wäre Manet um ein Haar gar kein Maler geworden. Seine Eltern wollten, dass er die Rechte studierte, er wollte lieber zur See fahren, bestand aber die Aufnahmeprüfung in der Seefahrtsschule nicht. „Er kann weder singen noch philosophieren,“ schrieb später sein Freund Émile Zola, „er weiß, wie man malt, und das ist alles.“

Das sahen aber, weiß Gott, nicht alle so, vor allem nicht die etablierten Kritiker, die ihn weiter verfolgten. Zuspruch bekam der inzwischen an den Beinen schwer erkrankte Meister vor allem von Kollegen. So schrieb ihm Auguste Renoir: „Sie sind ein begnadeter Streiter, frei von Hass auf irgend jemand, wie ein alter Galier. Ich liebe Sie wegen ihres Frohsinns, der Sie auch in einem Meer von Ungerechtigkeiten nicht im Stich läßt.“

Am Ende seines Lebens gab es dann doch noch die verdiente Ehrung: Sein Freund Antoine Proust, seinerzeit Kultusminister, setzte durch, dass er Ritter der Ehrenlegion wurde. Am 30. April 1883 starb der große Edouard Manet. Er wurde nur 51 Jahre alt. Seine Kunst machte ihn unsterblich, so dass für alle Zeiten der Satz gilt, den ihm seine Freunde, ins Grab nachriefen: Manet et manebit - er bleibt und wird bleiben ...

1 Kommentar:

stoessel hat gesagt…

Sehr interessante Geschichte. Das wusste ich noch nicht über Napoleon III., dass er so über das Bild von Monet urteilte. Als Dandy war er der holden Weiblichkeit doch sehr zugetan. Eigentlich hätte ich eine positive Äusserung erwartet, aber vielleicht war eben dies seine Intention, dieses zu verschleiern. Nicht von ungefähr trug er den Beinamen "die Sphinx".