Der Voltaire des 20. Jahrhunderts

15. April


Philosophie, das war etwas für Elfenbeintürmler, für weltfremde Meisterköpfe – bis Jean-Paul Sartre kam. Er stopfte Schokolade in sich hinein, ließ sich mit Scotch und Rotwein voll laufen, schluckte Drogen, lebte in wilder Ehe und war gleichzeitig ein großer Dichter, ein großer Denker, der zumindest eine Generation, die nach dem Weltkrieg zwei, nachhaltig prägte.

Am 21. Juni 1905 wurde er geboren und als er am 15. April 1980 starb, hinterließ er eine trauernde Simone de Beauvoir, eine Handvoll ebenfalls trauriger Ex-Freundinnen und ein Gedankengebäude, das in die Geschichte der Philosophie als „atheistischer Existentialismus“ eingehen sollte. Für ihn, den „Voltaire des 20 Jahrhunderts“, wird der Mensch erst durch seine eigenen Handlungen definiert, zuvor ist er unbelebte Materie. Dabei ist er allein, und darf sich nicht orientieren an Traditionen, Religionen oder Ideologien. Der Mensch, so Sartre, ist dazu verurteilt frei zu sein.

Ein Leben ohne Konventionen, tun und lassen, was man will, auf dem Weg nach San Francisco mit Blumen im Haar, das war ganz nach dem Geschmack einer Nachkriegsjugend, der die Werte der Vorfahren nach sieben Jahren Völkerschlachten und in waffenstarrendem Kalten Krieg suspekt geworden waren, die in Staat, Familie und Kirche den „Muff von 1000 Jahren“ lüften wollte, die „keinem über 30“ mehr traute, die den Provinz-Diktator Ho-Tschi-Minh auf Demonstrationen feierte, sich mit Wasserwerfern der Polizei anlegte, Zeitungswagen anzündete und Maos rotes Buch in der Tasche trug – die meisten, weil es einfach Spaß machte, die traditionellen Autoritäten zu provozieren.

Der Meister selbst sorgte immer wieder für gelegentlich recht seltsame Ausrufezeichen, Handlungen, die ihn schon seinerzeit angreifbar machten. Er trat in die KP Frankreichs ein, lobte die Sowjetunion, bejubelte ihre „führende Rolle“, war schockiert von der Niederschlagung des Aufstands 1956 in Ungarn, verließ daraufhin die KP, lehnte 1965 die Annahme des Nobelpreises ab, um seine „Leser nicht unter Druck zu setzen“, besuchte den Terroristen Andreas Baader in Stammheim und attestierte ihm, Gutes gewollt zu haben, kurz, Sartre lebte seine eigenen Gedanken aus, was manchmal recht skurrile Folgen hatte. Aber er war der erste Philosoph, der zum Weltstar wurde.

Dazu trug auch Simone de Beauvoir bei, seine einstige Kommilitonin, die er schon 1929 kennen lernte. Sie blieben ein Leben lang ein Paar, ohne zu heiraten, denn für Sartre war die Ehe eine „lebenslange Haft ohne Bewährung“. Trotz ihrer „Familien“ mit häufig wechselnder Frauen-Besetzung war es eine bemerkenswerte und bemerkenswert stabile Freundschaft, die die beiden verband.

Grundlage war totale Offenheit und das Versprechen, einander niemals zu belügen. Sie blieben übrigens ihr Leben lang beim „Sie“, wohl auch, um ihre gegenseitige Hochachtung zu dokumentieren. Sie befruchteten sich gegenseitig, tauschten Ideen aus, von denen beide profitierten. Simone de Beauvoir setzte sich an die Spitze der modernen Frauenbewegung, ihr Essay „Das andere Geschlecht“ wurde zu einem Klassiker der Emanzipation, Sartre wurde zur Galionsfigur der 68er Revolten – und manchmal auch zum erstaunlich naiven Spielball politischer Interessen.

1934 begann Sartre während eines Stipendiats am Institut Francais in Berlin, sich mit der Philosophie eines Nietzsche, eines Heidegger oder eines Husserl zu beschäftigen. Daraus entsteht sein erstes philosophisches Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“. Doch Sartre ist nicht nur Philosoph, er ist auch ein großer Literat. Schon in seinem ersten Roman „Der Ekel“ leidet der Held unter einer Existenz „bis zum Verschimmeln“ und fordert eine Freiheit ohne Gott. Ebenso überzeugend ist Sartre als Dramatiker. „Die Fliegen“, während der deutschen Besetzung von Paris uraufgeführt, ist eine Parodie der antiken Tragödie, spielt mit Begriffen wie Freiheit, Nichts, Ordnung oder Gott, ist gleichzeitig eine geschickt verhüllte Attacke gegen die deutschen Eroberer. Nach dem Krieg schreibt Sartre „Die schmutzigen Hände“, ein Stück, in dem es erneut um die Freiheit ins Nichts hinein geht, um die Existenz ohne Gott.

Sartres Credo birgt ungeheuer viel gesellschaftspolitischen Sprengstoff. Die Welt ohne Sinn und Zweck, eine unvorsehbare Aneinanderreihung von Zufällen, der Mensch als nur sich selbst verpflichtete Kreatur. Er geht über reinen Atheismus weit hinaus. Der Mensch, so sagt er, „muss sich selbst wieder finden und sich überzeugen, dass ihn nichts vor ihm selbst retten kann.“

Die Zeit ist ein wenig hinweggegangen über Jean-Paul Sartre und seine Gedanken. Die Welt ist zur Zeit offenbar einfach nicht in der Stimmung, sich mit philosophischen oder anderen Grundwerten zu beschäftigen. Aber das kann (und muss) sich wieder ändern ...



Die Wurzeln

Der Existentialismus als Gedankengebäude hat viele Väter. Vor allem die Deutschen Hegel, Kant und Nietzsche und an allererster Stelle der Däne Sören Kierkegaard sind zu nennen, wobei bei Kierkegaard im Gegensatz zu Sartre die Komponente Atheismus fehlt. Als wichtigste Vertreter der Existenzphilosophie im 20. Jahrhundert gelten neben Sartre und seinem Landsmann Albert Camus die Deutschen Karl Jaspers und Martin Heidegger sowie der Österreicher Edmund Husserl, dessen wichtigster Satz „zurück zu den Sachen“ lautet.

Dabei gibt es zwischen allen Philosophen zum Teil gravierende Unterschiede. So setzt beispielsweise Heidegger im Unterschied zu Sartre das Nichts mit dem Sein gleich. Letztlich vereint sind die Existenzphilosophen darin, dass der Mensch nur aus sich heraus zu verstehen ist, dass das Sein des Menschen ohne festen Grund und ohne Beziehungen ist. Die Freiheit ist ein unbestimmtes, nicht durch Wesen und Gemeinschaft geordnetes „Seinkönnen.“ Ethik und Gesellschaft lehnen die Existenzphilosophen zugunsten einer absolut gesetzten individuellen Freiheit ab. So gesehen ist Existenzphilosophie im eigentlichen Sinn des Wortes „asozial“.

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