Die erfolgreichste TV-Serie des Jahrhunderts

23. April


Auf der Suche nach der international erfolgreichsten Fernsehserie des 20. Jahrhunderts erlebt man schon eine kleine Überraschung. Es ist nicht etwa „Star Treck“ oder „Dallas“ oder gar „Kojak“ oder „Lassie“, es ist „Baywatch“, die meist eher belächelte Rettungsschwimmer-Seifenoper aus Kalifornien oder Hawaii, je nachdem in welcher der insgesamt elf Staffeln man sich gerade befindet.

In 144 Länder wurde die Bikini-Badehosen-Parade schon verkauft, es kann vorkommen, dass rund eine Milliarde Menschen gleichzeitig beobachten, wie David Hasselhoff und Kollegen sich ihr Schwimmkissen schnappen, sportlich elegant den heißen Sand durchqueren, sich in das tiefblaue Meer stürzen, um zu retten, was noch zu retten ist, in Intrigen verstrickt werden, sich lieben und hassen, nachgucken, ob irgendwo ein Hai schwimmt, Erdbeben überleben, Serienkiller in letzter Sekunden von weiteren Untaten abhalten, sich entweder küssen oder Mund-zu-Mund-Beatmen, je nachdem und schließlich feststellen, dass alles wieder gut ist. Also: Genau so wie im richtigen Leben.

Los ging es mit der die Beach-Soap am 23. April 1989 und es war, gelinde gesagt, ein totaler Flop. Nach der ersten Staffel winkte die Major-Fernsehstation NBC müde ab und kippte die Serie. Aber, wie es sich für einen kernigen, wenn auch schon mit knapp 40 etwas älteren Rettungsschwimmer und ehemaligen Knight-Rider gehört, gab Hauptdarsteller David Hasselhoff nicht auf. Er übernahm die Produktion selbst, was gut passte, denn er besaß damals bereits eine eigene Firma, die er sehr selbstbewusst „All American Television“ genannt hatte.

Auf 243 Folgen brachten es die wohlproportionierten Strandläufer bis dann im Jahre 2001 Schluss war und das ganze mit dem Spielfilm „Baywatch – Hochzeit auf Hawaii“ gedeckelt wurde. In Deutschland, wo Hasselhoff schon immer beliebt war, übernahm die ARD bereits Ende August 1990 die Serie, wobei sicher eine Rolle spielte, dass Hasselhoff in den Monaten zuvor mit „Looking for freedom“ zufällig die passende Begleitmusik zur Wiedervereinigung geträllert und damit einen Riesenhit gelandet hatte.

Das war sicher auch ein Grund, warum der damals übermächtige deutsche Medienmogul Leo Kirch 1991 mit einer erheblichen Finanzspritze in die Serie einstieg und sie durch gezielte internationale Vermarktung über Wasser hielt. In den USA hielt sich übrigens der Erfolg der Serie auch nach Übernahme durch Hasselhoff in Grenzen. Sie wurde immer mal wieder von dem einen oder anderen Sender ausgestrahlt, prägte aber nicht die Fernsehlandschaft wie in anderen Ländern.

Natürlich lebt die Serie von den Pin-up-Szenen, in denen minutenlang wie in Musik-Videoclips knapp bekleidete, im Idealfall mit gefährlichem Tiefgang ausgestattete Playmates wie Pamela Anderson in Zeitlupe über den Bildschirm schweben, begleitet von muskelbepackten, braungebrannten Tarzan-Epigonen, die fast immer auf dem Weg sind, irgendjemand doch noch aus dem Wasser zu ziehen. Dabei handelt es sich auffällig oft um stark übergewichtige, sehr kleine, manchmal auch behinderte Menschen, was von Hasselhoff eigentlich gut gemeint war, weil er sich für Behinderte glaubhaft engagiert, aber gerade im Gegensatz zu den kratzstrotzenden Protagonisten eher peinlich wirkt.

Das lockte natürlich Witzbolde an. In Amerika leidlich erfolgreich war „Son of the Beach“ (Sohn des Strandes zugleich ein Wortspiel für Son of a bitch – Sohn einer Hündin), in dem ein kahlköpfiger völlig außer Form befindlicher Hauptdarsteller sich exakt so benimmt wie Hasselhoffs Mitch Buchannon und in dem die „Rettungsschwimmer“ Parodien von Arnold Schwarzenegger, Ex-Football-Star O.J. Simpson und eines bekannten Pornodarstellers sind.

Das Vorbild für „Baywatch“, allerdings mit vermutlich etwas durchschnittlicher gebauten Mitarbeitern, ist die Rettungsschwimmer Staffel der Feuerwehr von Los Angeles County, in der einer der Ideengeber der Serie, Gregory J. Bonann, selbst Erfahrungen als Lebensretter sammelte, ebenso wie der Schauspieler Michael Newman, der zunächst als Berater und namenloser Nebendarsteller auftauchte, weil er nie angesprochen wurde. Insgesamt aber erschien der vermeintliche Statist fast so oft wie Hasselhoff (der es auf 208 Episoden brachte) auf dem Bildschirm, so dass sich die Produzenten entschlossen, ihm dann doch einen Namen zu verpassen. Sie nannten ihn „Newman“ oder auch „Newmie“.

Übrigens: An dem vom „Baywatch“-Vorbild „Los-Angeles-County-Lifeguard-Service“ überwachte Strand von San Pedro bis Malibu arbeiten in der Saison 650 freie und 132 festangestellte Rettungsschwimmer. Es ist der größte nicht-ehrenamtliche Rettungsschwimmerdienst der Welt.

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