Die Spionin die keine war

13. Mai


Sie war die wohl berühmteste Spionin der Welt. Nur: Verraten hat sie nicht ein einziges Geheimnis, keinen Aufmarschplan, keine Wunderwaffe. Sie knackte keinen Code und liquidierte keinen Feind. Die Geheimtinte, die man ihr gab, hat sie nie zu ihrem eigentlichen Zweck benutzt. Und dennoch wurde sie zu einem Mythos und dennoch wurde Margaretha Geertruida Zelle, genannt Mata Hari, am 15. Oktober 1917 bei Morgengrauen im heutigen Pariser Stadtteil Vincennes von einer Abteilung Zuaven erschossen.

Passenderweise trugen diese zwölf Soldaten, eine aus Algerien stammende Infanterietruppe der französischen Armee, malerische orientalische Uniformen, wie in der Schlussszene eines verfilmten Kitschromans. Eine Augenbinde lehnte Mata Hari ab, den Strick, mit dem sie eigentlich an ihren Todespfahl gefesselt werden sollte, band sie sich um die Hüften.Nur eines der Gewehre war scharf geladen, niemand wusste, welches es war.

Der amerikanische Journalist Henry G. Wales schildert den Augenblick des Todes von Mata Hari so: „Sie starb nicht wie eine Schauspielerin. Sie warf nicht ihre Hände nach oben oder fiel nicht nach vorn oder hinten, sie fiel in sich zusammen. Langsam, fast träge sank sie auf ihre Knie, den Kopf erhoben, ohne, dass sich ihr Gesichtsausdruck veränderte. Dann fiel sie zurück und lag bewegungslos auf dem Rücken. Ein Offizier trat an sie heran, zog einen Revolver und schoss ihr in den Kopf. Mata Hari war jetzt sicher tot.“

Zynisch, wie das Schicksal manchmal ist, erfüllte sich in jenen Minuten der Lebenstraum der 41 Jahre alten Frau, denn sie wollte immer berühmt sein und verehrt, im Mittelpunkt stehen, von allen umschwärmt. In ihrem kurzen Leben war ihr das nur selten vergönnt. Sicher, sie war von ihrem ersten Auftritt als Nackttänzerin am 13. Mai 1905 an, als Nackttänzerin eine Sensation, aber eher von der Sorte, wie man sie auf Jahrmärkten antrifft. Zugegeben, sie wohnte in den teuersten Hotels, kaufte Kleider, Schuhe, Schmuck, sie konnte dies alles meist aber nur bezahlen, weil irgendein Verehrer die Brieftasche öffnete.

Und von diesen Verehrern gab es viele. Mata Hari, was auf javanesisch „Auge des Morgens“ heißt, führte ein unstetes Leben. Mit 21 heiratete sie einen holländischen Kolonialoffizier, ging mit ihm nach Java. Ihre beiden Kinder verlor sie. Sohn Norman starb an Gift, das ihm ein eifersüchtiger Hausangestellter einflößte, Tochter Jeanne-Louise wurde nach der Scheidung ihrem Mann zugesprochen. Ruhelos tingelte Mata Hari von Paris nach Madrid, Berlin, Wien und Mailand. Immer wieder suchte sie Anerkennung als ernsthafte Künstlerin, wurde aber meist belächelt, ausgenutzt und gedemütigt.

Schließlich wurde der deutsche Geheimdienst auf die junge, hübsche Frau aufmerksam. Und da sie wieder einmal Geld brauchte, ließ sie sich anwerben. Mata Hari war nun die Agentin H 21 des Deutschen Reiches.Geliebt hat sie wohl nur einmal in ihrem Leben: Einen fast 20 Jahre jüngeren russischen Offizier. Und als dieser durch eine Granate und Giftgas schwer verwundet wurde, versuchte sie zu ihm zu kommen. Den Passierschein bezahlte sie damit, dass sie sich auch dem französischen Geheimdienst verschrieb.

Mata Hari war jetzt Doppelagentin, leider aber eine ohne jede Ausbildung und ohne Erfahrung, so dass Holländer und Engländer ihre Rolle schnell durchschauten. Auch die Deutschen erkannten schnell, dass die Holländerin auch für die Franzosen arbeitete. Man versorgte sie mit gezielten Falschinformationen, worauf Paris allerdings nicht hereinfiel, da man auch dort inzwischen mühelos herausgefunden hatte, dass sie deutsche Agentin war.Dann beging sie einen schlimmen Fehler: Sie versuchte, ihre Freiheit wiederzuerlangen, indem sie wahrheitsgemäß ihre Bekanntschaft mit dem Chef der französischen Spionageabwehr, George Ladoux, in einem Verhör ausplauderte. Der bestritt alles und war fast gezwungen, Mata Hari vor Gericht zu stellen. Das geschah dann und es wurde ein kurzer Prozess gemacht, der mit Rechtstaatlichkeit nicht das Geringste zu tun hatte. Schließlich war Krieg.

Das Leben der Mata Hari ist inzwischen schon oft erzählt worden, in Filmen, Romanen und Biografien. Es waren einige geschmacklose Machwerke dabei und nur selten wurde bei all diesen Versuchen klar, was dieses Leben wirklich war: Eine schreckliche und tieftraurige Geschichte ...

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