Die wahre Geschichte der Bounty

29. April


Die besten Geschichten, so sagt der Volksmund, schreibt das Leben. Und wenn es für diesen Satz überhaupt eines Beweises bedarf, so lieferte ihn ein Vorfall, der am 29. April 1789, begann und den alle Welt als die „Meuterei auf der Bounty“ kennt. Bis heute fesseln die Ereignisse um den angeblich so grausamen Kapitän William Bligh und den angeblich so heldenhaften 2. Offizier und Meuterer Fletcher Christan die Gemüter, noch immer erscheinen jede Menge Bücher zu diesem Thema, denen es aber bisher nicht gelang, die herkömmliche Sicht der Ereignisse wesentlich zu verändern – wenn sie dies überhaupt vorhatten.

Und so geht ein großer Teil der Weltbevölkerung nach wie vor davon aus, dass es so war wie in dem Hollywood-Streifen von 1935, in dem ein grausamer Charles Laughton und ein Strahlemann mit Namen Clark Gable im ersten „Bounty“-Film weismachen wollten, dass der Kapitän ein Monstrum war, dass er seine Männer quälte, wo er nur konnte, bis der große Held Fletcher Christian die geknechtete Mannschaft rettete. Und es war auch nicht anders, als 1962 Marlon Brando und Trevor Howard die Hauptrollen spielten und auch nicht 1984, als Mel Gibson und Anthony Hopkins die beiden Protagonisten gaben, wobei sich der letzte Film noch am ehesten an den wirklichen Ereignissen orientierte.

Der eigentliche Grund für diese haarsträubende Geschichtsklitterung war, dass die Familie Fletcher Christians, vor allem sein älterer Bruder Edward, über viel Einfluss verfügte und geschickt die Mär vom bösen Kapitän verbreitete – und das zufällig genau in einer Zeit, in der die Französische Revolution und der beginnende Kampf um die Sklavenbefreiung ohnehin für eine schlechte Presse für alle Reichen und Mächtigen sorgten.

Da konnte Bligh vor Gericht siegen und sagen und schreiben was er wollte, zumal er, wie die renommierte Autorin Caroline Alexander vor erst fünf Jahren schrieb, nicht begreifen wollte, dass er „gegen eine Macht ankämpfte, die stärker war, als jeder Feind auf See – gegen die Macht einer guten Story.“ Denn eines ist einfach unbestreitbar: William Bligh war mit Sicherheit kein neurotischer Menschenschinder, sondern ein für damalige Verhältnisse eher humaner Schiffsführer, einer, der auch mal für frische Luft in den Mannschaftsunterkünften sorgte und auf ausgewogene Ernährung seiner Leute achtete. Der historische Christian hingegen war eher ein raffgieriger Rüpel, der es eigentlich nur wagte, gegen seinen Kapitän zu meutern, weil ihm die Folgen eines nächtlichen Saufgelages den Mut dazu gaben und weil es einigen seiner Kumpel gut in den Kram passte, noch ein bisschen in der Südsee zu dümpeln, anstatt sich auf den harten Seeweg zurück nach England zu begeben.

Aber schon oft hat Hollywood es mit historischen Tatsachen nicht so furchtbar ernst genommen. Kino ist ja schließlich auch kein Geschichtsunterricht, sondern im Namen der Unterhaltung wird dann schon mal gern an historischen Tatsachen herumgeklittert. In diesem Fall allerdings wäre das gar nicht nötig gewesen, denn die bisher belegte wahre Geschichte ist mindestens so aufregend.

Und die geht so:

Die Regierung ihrer britischen Majestät hatte es sich nämlich in den Kopf gesetzt, den Untertanen auf der Karibikinsel Jamaika etwas Gutes zu tun. Der gerade erst fertiggestellte neue Segler „Bethia“ wurde gekauft und in „Bounty“ umbenannt, was so viel heißt wie „milde Gabe“. Die „Bounty“ sollte nach Tahiti segeln, dort Setzlinge des Brotfruchtbaums laden und nach Jamaika bringen. Die Früchte des Brotfruchtbaum werden immerhin bis zu zwei Kilogramm schwer und sind wegen ihres großen Zucker- und Stärkeanteils sehr nahrhaft. Außerdem ist das gelblichbraune Holz des Brotfruchtbaumes ein fabelhafter Rohstoff für die damals unter anderem durch Thomas Chippendale zu Weltruhm gelangte englische Möbeltischlerei.

Einen Tag vor Heiligabend im Jahr 1787 ging die Reise im englischen Spithead los, aber das Unternehmen stand unter keinem gute Stern. Der erste Fehler war schon gemacht worden, als man William Bligh zwar das Kommando des Unternehmens übertrug, ihm aber aus Kostengründen nicht den Titel des Kapitäns verlieh. Er wurde lediglich aus Höflichkeit so genannt. Das hatte sicher Einfluss auf die mangelhafte Disziplin. Außerdem waren, wie sonst üblich, keine Marinesoldaten an Bord.

Dieser William Bligh hatte schon einiges hinter sich im Leben, so war er unter anderem als Augenzeuge dabei, als der große Entdecker James Cook und vier Marinesoldaten am 14. Februar 1779 auf Hawaii bei einem Streit mit Eingeborenen massakriert wurden. Bligh hatte 1776 im Alter von 21 Jahren als Navigator auf Cooks „Resolution“ angeheuert und sich durch sein Talent genaue Seekarten anzufertigen, schnell einen guten Namen machte.

Wegen ungünstiger Winde wählte Bligh, statt westlich um Cap Hoorn herumzusegeln, die Ostroute um das Kap der Guten Hoffnung und um Indien herum, was die Zeitpläne ziemlich durcheinander brachte. Jedenfalls dauerte es fast ein ganzes Jahr, bis die „Bounty“ Tahiti erreichte.

Dort kamen 1100 Setzlinge an Bord und Bligh beschloss, auch diesmal nicht die Südamerika-Route zu wählen, sondern er segelte denselben Kurs zurück nach Westen, zunächst in Richtung Australien. Das Ereignis, das den späteren Vizeadmiral und Gouverneur von New South Wales in Australien weltberühmt machen sollte, ereignete sich dann südlich von Tofua, einem Teil der Tongainseln, als sich ein Teil seiner Mannschaft unter Führung Fletcher Christians gegen ihn erhob und er zusammen mit 18 Getreuen auf einer winzigen nur mit Segeln ausgerüsteten Barkasse aufs Meer hinausgejagt wurde.

Irgendwie schaffte es der talentierte Navigator mit Hilfe eines Sextanten und einer Taschenuhr, 41 Tage später die knapp 6000 Kilometer entfernte Insel Timor in Indonesien zu erreichen.
Als Bligh und seine Männer schließlich nach London zurückkehrten, wurden die Meuterer umgehend vor Gericht angeklagt. Einige wurden tatsächlich noch auf Tahiti erwischt, drei wurden später in Portsmouth gehängt, ihr Anführer Fletcher Christian aber tauchte mit einer Handvoll Kumpane und in Begleitung einiger Tahitianerinnen ab. Er segelte zum abgelegenen Eiland Pitcairn, wo er sich niederließ.

Heute noch sollen dort einige der Nachkommen der Meuterer leben. 1957 fand man in der Nähe einige Überreste der „Bounty“, darunter den Anker.

Fletcher Christian entging dennoch seinem Schicksal nicht. Im September 1783 starb er in einem blutigen Massaker, das sich die Meuterer untereinander lieferten. Nur vier der 15 Männer überlebten. Seit 1838 ist Pitcairn übrigens englische Kolonie, so dass es wenigsten einen Gewinner bei der unglückseligen „Meuterei auf der Bounty“ gegeben hat – das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland - und natürlich Hollywood.

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