Die Wunderwurzel

9. Mai


Wenn ein Verbrechen durch irgendeinen glücklichen Umstand geklärt wird, so schaffte dies stets der berühmte „Kommissar Zufall“. Der Mann hat einen nahen Verwandten, „Professor Zufall“, der für unzählige wissenschaftliche Entdeckungen zuständig ist. Hätte beispielsweise in den 30er Jahren ein gewisser Russel Marker, ordentlicher Professor für Chemie an der Pennsylvania State University, seinen Urlaub nicht im Dschungel von Mexiko verbracht, so hätte wahrscheinlich nicht 1960 die US-Firma Searle & Co. die erste Antibabypille auf den Markt gebracht.

Marker stellte rein zufällig fest, dass die in Mexiko wildwachsende Yamswurzel, die von den Mexikanern Cabeza de negro genannt wird, einen Stoff enthält, aus dem man Progesteron herstellen kann, ein Sexualhormon, mit dem sich Schwangerschaften verhindern lassen.

Die Idee oraler Verhütung von Schwangerschaften durch die Einnahme weiblicher Geschlechtshormone war schon damals nicht ganz neu, die hatte schon der Österreicher Ludwig Haberlandt im Jahre 1921, aber die Forschung ging nicht recht voran. Vor allem religiöse Gruppen bekämpften jede Art von Empfängnisverhütung, in den USA gab es sogar eine gesetzliche Grundlage, den sogenannten Comstock Act aus dem Jahre 1873, in dem die Verhinderung von Schwangerschaften als „unzüchtig“ bezeichnet wurde, eine Haltung, die in weiten Teilen der katholischen Kirche auch heute noch zu finden ist. Die Enzyklika „Humanae vitae“, die Papst Paul VI. im Jahre 1968 erließ, vertritt beispielsweise die Auffassung, dass Geschlechtsverkehr und „gottgewollte Fortpflanzung“ untrennbar miteinander verknüpft seien.

So hatten der Chemiker Gregory Pincus von der Worchester-Stiftung für Experimentalbiologie in Shrewsburg im US-Bundesstaat Massachusetts und der Gynäkologe John Rock Ende der 50er Jahre große Widerstände zu überwinden, als sich erneut die Yams-Wurzel vornahmen und aus ihr einen neuen Stoff gewannen, mit dem der zur Schwangerschaft führende Eisprung verhindert werden konnte. Sie nannten es Norethynodrel, erprobten es an 1308 Freiwilligen und stellten daraus die erste Antibabypille her, die am 9. Mai 1960 in den USA unter dem Namen „Enovid“ freigegeben und 1961 auch in Deutschland als „Anovlar“ verkauft wurden.

All diese Wissenschaftler hatten ihre Verdienst, die „Mutter der Antibabypille“, auch wenn dieser Titel paradox erscheint, war eine Amerikanerin. Margaret Sanger, geborene Higgings, die 1883 im Staate New York geboren wurde, führte Zeit ihres Lebens einen erbitterten Kampf und schließlich erfolgreichen für die Einführung von Geburtenregelungen. Sie stammte selbst aus einer bitterarmen weil vielköpfigen Familie, hatte zehn Geschwister und musste mit ansehen, wie ihre Mutter völlig erschöpft schon sehr früh starb.

Margaret Sanger wurde Entbindungsschwester in der Lower East Side in Manhattan und sah dort tagtäglich die unendliche Not junger Frauen, die ungewollt schwanger geworden waren und die verzweifelt versucht hatten mit allen möglichen meist lebensbedrohlichen Methoden das werdende Kind abzutreiben. Es waren so viele Todesfälle zu beklagen, dass Margaret Sanger eines Tages beschloss, etwas zu unternehmen. Sie eröffnete mitten im ersten Weltkrieg, im Jahre 1916, in Brooklyn eine Klinik, in der interessierte Frauen alles erfahren konnten, was man zur Verhütung von Schwangerschaften tun konnte.

Damit verstieß Margaret Sanger allerdings gegen geltendes Recht. Ihre Klinik wurde von der Polizei geschlossen, sie wanderte ins Gefängnis. Aber sie gab nicht auf. Schon im Jahre 1927 trommelte sie Gleichgesinnte zu einer ersten „World Population Conference“ zusammen. 1947, zwei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, gründete sie die erste internationale Gesellschaft für gezielte Familienplanung.Ein paar Jahre später traf sie mit dem späteren „Vater der Antibabypille“, dem oben schon erwähnten Biologen Gregory Pincus zusammen, und es spricht einiges dafür, dass sie es war, die ihn zu seinen intensiven Forschungen anregte.

Margaret Sanger starb im Alter von fast 83 Jahren 1966 in Tucson in Arizona, erlebte also noch die erste Pille zur Verhütung von Schwangerschaften, die die wichtigste Voraussetzung war für vernünftige Geburtenkontrolle in aller Welt. Dafür hatte sie ihr Leben lang gekämpft.

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