Friedrich Schillers Kopf

9. Mai


Er gilt als einer der größten Köpfe, die Deutschland je hervorgebracht hat und makabrerweise war es genau dieser Körperteil, der im Dezember 1827 in der Gruft des Herzogs von Sachsen-Weimar und Eisenach, Carl August, beigesetzt wurde - begleitet von einigen mehr oder weniger zufällig zusammengerafften Knochen. Zu diesem Zeitpunkt war Friedrich von Schiller, der geniale Schöpfer des „Wallenstein“ der „Räuber“ und des „Tell“, der Verfasser von „Kabale und Liebe“, „Maria Stuart“ und des „Don Carlos“, schon mehr als 20 Jahre tot. Er war am 9. Mai 1805 an einer Lungenentzündung gestorben.

„Es fuhr wie ein elektrischer Schlag über seine Züge, dann sank sein Haupt zurück, und die vollkommenste Ruhe verklärte sein Antlitz“, schreibt seine Schwägerin Karoline von Lengefeld über die letzten Sekunden im Leben des großen Dichters.

Sein Leichnam wurde, was schon reichlich seltsam ist für einen so berühmten Mann, nicht etwa mit großem Aufwand beerdigt, sondern sein Sarg wurde von 20 Weimarer Bürgern, die man zu diesem Zweck zufällig „rekrutierte“, in die Gruft des „Landschaftskassen Collegiums“ zu Weimar getragen und dort abgelegt - ohne Feier, ohne Predigt, ohne einen letzten Gruß.

Schiller wurde nur 45 Jahre alt. Sein Freund Johann Wolfgang von Goethe lebte auch noch, als zwei Jahrzehnte später der Weimarer Bürgermeister Karl Leberecht Schwabe sich anlässlich einer Renovierung der Gruft an Schillers Kopf erinnerte und Wissenschaftler bat, aus den 23 dort gefundenen Schädeln den des Dichters herauszufinden. Das scheint auch gelungen.

Der Herzog verfiel nun auf die etwas kauzige Idee, den Totenschädel in den Sockel einer Büste des großen Dichters zu stellen, aber das regte die Bevölkerung auf, so dass Carl August schließlich klein beigab und die sterblichen Überreste des „deutschen Shakespeare“ in der herzoglichen Gruft beisetzen ließ.

Schillers väterlicher Freund Goethe war schon hoch in den Siebzigern, als all dies geschah, er starb erst am 22. März 1832 im Alter von 82 Jahren und wurde in derselben herzoglichen Gruft beigesetzt. Bernd Eichmann, Autor des lesenswerten Buches „Denkmale deutscher Vergangenheit“, schreibt darüber: „Die fürstliche Grabstätte macht die ungleichen Freunde im Tode gleich. Etwas abseits von zahlreichen (groß)-herzoglichen Särgen aus vier Jahrhunderten stehen im Halbdunkel zwei braun gebeizte Eichensarkophage auf niedrigen Postamenten. „Goethe“ steht in bronzenen Buchstaben auf dem rechten, „Schiller“ auf dem linken der Zwillingssärge, die Goethe einst entwarf. Es fällt kaum Licht in diese öde Gruft; allein durch einen Deckenrost zum Obergeschoss ist die Decke des Grabtempels, ein blaugemalter Himmel mit goldenen Sternen, zu sehen.“

Über das Verhältnis der beiden deutschen Dichter-Heroen ist schon viel geschrieben und spekuliert worden, es war wohl nie ganz so entspannt, wie es das berühmte Doppeldenkmal vor dem Weimarer Nationaltheater auszudrücken scheint. Auch die Größten sind halt nicht vor menschlichen Untugenden wie Eifersucht und Überheblichkeit gefeit.

So klingt es schon reichlich gönnerhaft, wenn Goethe über die Jugendwerke seines Freundes sagt: „Besonders seine ersten Stücke, die er in der ganzen Fülle der Jugend schrieb, wollen kein Ende nehmen. Er hatte zuviel auf dem Herzen und zuviel zu sagen, als dass er es hätte beherrschen können. Später, als er sich dieses Fehlers bewusst war, gab er sich unendliche Mühe und suchte ihn durch Studium und Arbeit zu überwinden; aber es hat ihm damit nie recht gelingen wollen. Seinen Gegenstand gehörig beherrschen und sich vom Leibe zu halten und sich nur auf das durchaus Notwendige zu konzentrieren, erfordert freilich die Kräfte eines poetischen Riesen.“

Aber Schillers Tod hat Goethe wohl schon tief getroffen. Vergeblich versucht er Schillers unvollendeten „Demetrius“ abzuschließen. Seinem Sekretär Johann Peter Eckermann sagte er, ihn habe unerträglicher Schmerz bei der Nachricht vom Tode Schillers ergriffen und er sei „in traurigster Einsamkeit umfangen“ - eine ungewöhnliche Regung des als kühl und unnahbar geltenden Herrn Geheimrat, der auf den jüngeren Schiller immer wirkte „wie eine Prüde, der man ein Kind machen muss“.

Keine Kommentare: