Lawrence von Arabien

19. Mai


„Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er mal die Wahrheit spricht“. Auf der Suche nach den Gründen, warum der Nahe Osten zum Pulverfass wurde, warum es sinnlos scheint, Vermittlungsversuche zu unternehmen, findet sich in der guten deutschen Volksweisheit eine verblüffend einfache Erklärung. Denn es ist noch nicht einmal einhundert Jahre her, als die stolzen, freien und gutgläubigen Stämme der arabischen Halbinsel nach einem großen Sieg über die türkische Besatzungsmacht namentlich von Frankreich und England an der Nase herumgeführt und um die Früchte ihres Kampfes schlichtweg betrogen wurden.

Die Hauptrolle in diesem Drama spielte ein junger Mann, der am 15. August 1888 in Tremadoc in Wales geborene Thomas Edward Lawrence, der als „Lawrence von Arabien“ in die Geschichtsbücher eingehen sollte. Von jüngster Kindheit an war dieser Lawrence ein lebender Widerspruch: Auf der einen Seite Träumer, Eigenbrötler und geistiger Tüftler auf der anderen Seite ein furchtloser Abenteurer, der als Student allein und zu Fuß durch Syrien un Palästina reiste und so die Charaktereigenschaften der Araber kennen und lieben lernte.

1914, in dem Jahr, in dem Erste Weltkrieg ausbrechen sollte, begann Lawrence als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter an den Ausgrabungen des Britischen Museums in der alten Hethiterstadt Karkemisch am Oberen Euphrat teilzunehmen. Dies war in Wahrheit eine getarnte Geheimdienstaktion, die hauptsächlich dazu diente, die Halbinsel Sinai heimlich zu vermessen. Ob Lawrence davon wusste, ist nicht überliefert, fest steht aber, dass er als Experte für Land und Leute vom britischen Heeresminister Lord Kitchener nach Kairo in den Nachrichtendienst geschickt wurde und den Rang eines Leutnants erhielt.

Lawrence hatte keine Ahnung von militärischen Dingen, er hatte nicht gedient, geschweige denn Taktik und Strategie von Feldzügen erlernt und dennoch betraute man ihn mit keiner geringeren Aufgabe, als einen Aufstand der Araber anzuzetteln und sie, getarnt als einer der ihren, gegen die Türken zu führen.

Der Erfolg war verblüffend. Zusammen mit seinem Freund, dem jungen Emir Faisal, dem Sohn des Scherifen von Mekka, den Lawrence zuvor eher zufällig kennengelernt hatte, brachte er den Türken mit ihrem schwerfälligen Militärapparat durch geschickte Partisanenoperationen eine Niederlage nach der anderen bei.

Schon am 1. Oktober 1918 marschierte der Engländer, umjubelt von der Bevölkerung, zusammen mit Faisal, der später als Faisal I. erster König des Irak wurde, noch vor den englischen Truppen in Damaskus ein. Aber dieser Tag des großen Triumphes war auch der Beginn des Leidensweges des T.E.Lawrence, denn er wusste: Die Engländer hatten den Arabern ein Großarabisches Reich für den Fall des Sieges versprochen und hatten zugleich in einem Geheimabkommen mit Frankreich den Nahen Osten in ein französisches und ein britisches Herrschaftsgebiet aufgeteilt.

Dies hatte Lawrence seinen Freunden, den Arabern, verschwiegen und fühlte sich deswegen hundeelend. Also versuchte er mit aller Kraft, die europäischen Großmächte zu überzeugen, doch ihre Zusage gegenüber den Arabern einzuhalten.

Während der Friedenverhandlung in Versailles, bei denen Lawrence als Berater Faisals auftrat, hielt er eine fesselnde Rede, die die Delegierten zwar mitriss, aber an den Tatsachen nichts änderte. Frankreich bestand darauf, seine Kolonien zu beziehen, England erlaubte immerhin die Bildung der beiden Königreiche Irak und Jordanien und „begnügte“ sich mit Palästina.

Für Thomas Edward Lawrence war das unerträglich. Er zog sich aus allem zurück und schrieb ein Buch „Die Sieben Säulen der Weisheit“, in dem er seine Erinnerungen auf seine sensible Art bündelte. Es wurde ein Welterfolg und Grundlage des berühmten Films „Lawrence von Arabien“. Dessen Uraufführung 1962 erlebte er nicht. Er starb schon am 19. Mai 1935 bei einem Motorradunfall, angeblich, weil er spielenden Kindern auswich. Aber es gab auch Gerüchte, dass der britische Geheimdienst seine Hände im Spiel hatte. Der dementierte natürlich heftig. Aber wie war das noch? Wer einmal lügt ...

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