Madame Tussaud und ihr Kabinett

16. April

Wer bei ihr rumstehen darf, der hat es geschafft: Der ist ein Promi. Häufiger sind es Menschen, die die Welt veränderten, manchmal aber reicht es auch, ein wenig auf dem Fußballplatz herumzurüpeln (Beispiel Wayne Rooney). Und ganz große Glückpilze schaffen es schon im Alter von zwei Monaten wie Shiloh Nouvel, die als Babypuppe in einer Wiege aus Stroh in der New Yorker Filiale liegt, liebevoll betrachtet von ihren Eltern, den Hollywood-Stars Angelina Jolie und Brad Pit. Eine neue „heilige Familie“ des Medienzeitalters, nachdem es zuvor ziemlichen Ärger in der Londoner Zentrale gegeben hatte, als die „heilige Familie“ aus den schon seinerzeit ein wenig abgehalfterten Beckhams bestand.

Aber was tut man nicht alles, um in die Schlagzeilen zu kommen und Menschen dazu zu bringen, 24.99 englische Pfund (immerhin € 37,12) zu zahlen, um sich Leute anzusehen, die ohnehin fast täglich ins eigenen Wohnzimmer schneien? Ja, ja, die Zeiten sind nicht leichter geworden für „Madame Tussaud“, die Mutter aller Wachsfigurenkabinette.

Aber leicht hatte es auch Marie Grosholtz nicht in ihrem langen Leben, das am 1. Dezember 1761 im elsässischen Straßburg begann und am 16. April 1850 in London endete. Ihren Vater lernte sie nie kennen, er starb kurz vor ihrer Geburt, so dass sie mit ihrer aus der Schweiz stammenden Mutter schon als Fünfjährige nach Paris ging, wo ihr Onkel Philippe eine Werkstatt betrieb, in der - man ahnt es schon - Wachsfiguren hergestellt wurden.

Die kleine Marie zeigte schon bald außerordentliches Geschick, so dass man in Versailles auf sie aufmerksam wurde. Marie Grosholtz zog um ins königliche Schloss und modellierte einen Kopf nach dem anderen. Dass diese wenig später, nach dem Ausbruch der Revolution 1789, auf Lanzen gespießt durch die Straßen der französischen Hauptstadt getragen und bald durch die Originale ersetzt wurden, ist ziemlich makaber, kann ihr sicher nicht angekreidet werden, sie tat schließlich nur ihren Job.

Und den machte sie offenbar sehr gut, denn auch die Revolutionäre versicherten sich ihrer Dienste, indem sie sie zwangen, die Totenmasken der Guillotinierten, darunter waren auch viele Freunde aus Versailles, zu nehmen und daraus Köpfe zu formen, die für das „Museum der Revolution“ gedacht waren. Nachdem auch die Herren Danton und Robespierre dasselbe Schicksal erlitten hatten, war es bald vorbei mit dem großen Schlachtfest und Madame konnte ans Heiraten denken.

Die inzwischen 34jährige fand einen Ingenieur mit Namen Francis Tussaud, heiratete, bekam zwei Söhne und trennte sich wieder. Es war keine besonders glückliche Ehe, sie wurde auch bald geschieden, so dass Marie Tussaud, wie es so schön heißt, „noch einmal von vorne anfangen“ musste. Ihre Söhne wollten essen und da war ja auch noch das Wachsfigurenkabinett von Onkel Phillippe, das sie inzwischen geerbt hatte. Frankreich stürzte sich in ein neues Abenteuer mit Namen Napoleon, also ging Madame nach London, nutzte ihr Talent als PR-Genie, tingelte mit ihren Figuren insgesamt 33 Jahre durch britische Lande, überlebte den Untergang eines Schiffes in der Irischen See, entkam einem Großfeuer durch einen Aufstand in Bristol und ließ sich schließlich in „The Bazaar“, in der später durch Sherlock Holmes noch berühmter gewordenen Baker Street nieder.

Bis ins hohe Alter saß sie dort an der Kasse, meist, wie Augenzeugen berichten, ebenso unbeweglich wie ihre Figuren. Als das berühmte „Punch Magazin“ 1846 mit gewohnter Häme über ihre „Schreckenskammer“ berichtete, in der all die gruseligen Szenen aus der Französischen Revolution nachgestellt waren, hatte sie es endgültig geschafft. Die Leute liefen ihr die Bude ein. Und als Tüpfelchen auf dem i verewigte sie der große Charles Dickens in seinem „Raritätenladen“, in dem „Mrs. Jarley“ unschwer als Madame Tussaud identifizierbar ist.

1850 starb sie, ihr Unternehmen aber wuchs und wuchs. Ihr Enkel sorgte 1884 für den Umzug in die Marylebone Road, wo das Kabinett noch heute ist. Es wurden Filialen in Amsterdam, New York, Hongkong und Las Vegas gegründet. Aber es gab auch Katastrophen: 1925 brannte das Londoner Etablissement nach einem elektrischen Kurzschluss ab, wobei die meisten Figuren schmolzen, die wertvollen Gussformen aber gerettet werden konnten und 1940 wurde Madame Tussaud von einer deutschen Fliegerbombe getroffen, die mit für die damalige Verhältnisse präzise fast alle dort ausgestellten Wachspuppen vernichtete – bis auf ganz wenige und unter diesen befand sich ausgerechnet ein gewisser Adolf Hitler ...

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