Mr. Wunnebar

26. April


Sein „Wunnebar“ war legendär und einige der Sprüche aus seiner Sendung erlangten Kultstatus: „Der Kandidat hat 99 Punkte“, beispielsweise, oder „Kimme, Korn, ran“ oder auch „Peter, den Bolzen“. Am 4. Dezember 1964 feierte der Holländer Lou van Burg mit „Der Goldene Schuss“ Fernsehpremiere und schrieb damit gleichzeitig Geschichte. Diese an sich ziemlich anspruchslose Unterhaltungssendung war nämlich die erste interaktive Show des noch relativ neuen Mediums, obwohl man damals noch gar nicht wusste, was unter „interaktiv“ zu verstehen war.

Zum erstenmal konnten die Zuschauer nämlich an den Geräten mitspielen, sie dirigierten per Telefon eine auf einer Fernsehkamera befestigte Armbrust und versuchten, ein dünnes Seil zu durchschießen, an dem ein Geldsack hing. Wer das schaffte, wurde „Tele-Tell“ und durfte den Inhalt des Sacks einstreichen..

Inzwischen gehören Sendungen, an denen sich die Zuschauer beteiligen können, zum TV-Alltag. Meist geschieht dies durch für den Sender außerordentlich lukrative Telefonanrufe, mit denen Kandidaten für die nächsten Folgen rein- oder rausgewählt werden („Big Brother“, „Deutschland sucht den Superstar“, „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“). Die erste Sendung, in der Zuschauer „abstimmen“ konnten, war „Wünsch Dir was“ mit Dietmar Schönherr und Vivi Bach, als die Zuschauer unter anderem gebeten wurden, die Klospülung zu bedienen und so einer Stadt oder Region zum Sieg verhalfen. Der „Tele-Dialog“ (TED), erstmals auf der Funkausstellung 1979 eingesetzt, wird heute durchschnittlich zweimal pro Woche benutzt bei einer Kapazität von 13 000 Anrufen pro Minute.

„Onkel Lou“, wie der fröhliche, wenn auch leicht ölige Entertainer mit dem Menjou-Bärtchen von seinem Publikum genannt wurde, war der Mittelpunkt von „Der Goldene Schuss“. Er fegte energiegeladen und stets gut gelaunt über die Mattscheibe, wobei es ihn überhaupt nicht störte, dass sein Deutsch eher mangelhaft war, woran natürlich immer wieder herumgemäkelt wurde. In einem Zuschauerbrief an die Zeitschrift „HörZu“ wurde sogar vorgeschlagen, einem, der absichtlich so falsch Deutsch spreche, die Gage in falschen D-Mark auszuzahlen.

Unterstützt wurde diese Kritik übrigens einigermaßen überraschend von Lous Kollegen Rudi Carrell, der 1966 einem Reporter sagte „ich finde es unverschämt, im Deutschen Fernsehen schlechtes Deutsch zu sprechen, in Holland würde ja auch keiner schlechtem Holländisch zuhören.“

Den meisten Menschen aber machte dies nichts aus. „Der Goldene Schuss“ war offenbar so spannend (oder die Alternativen so dürftig), dass bis zu 74 Prozent der Zuschauer vor den Fernsehern hockten. Vielleicht aber liebten sie auch die Rituale: Lou van Burg betritt die Bühne, ruft eifrig winkend: „Hallo Freunde“ und der ganze Saal antwortet mit „Hallo Lou.“ Dann hebt Orchesterleiter Max Greger den Taktstock und Lou singt: „Der goldene Schuss heißt unser Spiel, dass Sie sich freuen, das ist mein Ziel.“ Neben den mehr oder weniger goldenen Schüssen gab es auch viel Musik, viele später erfolgreiche Künstler gaben im „Goldenen Schuss“ ihr Debüt, beispielsweise die Bee Gees.

Übrigens versuchte die ARD 1978 das erfolgreiche „Goldene-Schuss“-Konzept wieder zum Leben zu erwecken, nur diesmal, indem eine Ballmaschine einen prominenten Torwart überlisten sollte. Aber es wurde ein „Rohrkrepierer“ (HörZu) und ein „Schuss in den Ofen“ („stern“). Nach zwei Folgen war Schluss.

Schlechte Einschaltquoten waren es jedenfalls nicht, worüber „Onkel Lou“ letztlich stolperte. Im Juli 1967 warf ihn das Zweite Deutsche Fernsehen hochkantig raus. Offizieller Grund: Wegen seines „belebten Privatlebens“.

Lou war seinerzeit noch verheiratet, hatte aber seit längerem ein Verhältnis mit der Chansonsängerin Angéle Durand. Diese war aus Antwerpen und galt als „femme fatale“ mit jenem gewissen Olala, ein Eindruck, der erstens durch ihren Auftritt in Onkel Lous „Goldenem Schuss“ mit „Ich bin eine tolle Frau aus der Tingel-Tangel-Schau“ geschürt wurde und zweitens durch das schnell sich bewahrheitende Gerücht, der agile Holländer und die flotte Belgierin fänden sich mehr als sympathisch.

Als dann auch noch öffentlich wurde, dass der gute Onkel Lou außer der Reihe seine Assistentin Marianne geschwängert hatte, zogen die ZDF-Verantwortlichen im prüden Nachkriegsdeutschland die Reißleine. Später trennte sich van Burg von Angéle Durant, heiratete seine Marianne und hatte noch zwei Kinder mit ihr, aber für die TV-Karriere kam die Bereinigung des Privatlebens zu spät.

Die Armbrust-Show übernahm der etwas hüftsteife als Schweizer aber einschlägig berufene Vico Torriani. Lou van Burg erhielt zwar 120 000 Mark Abfindung, das aber reichte nicht allzu lange. Er musste sich aus den Tantiemen seiner Schlagererfolge (vor allem „Freunde für Leben“, deutsche Version von „Down by the Riverside“) und mit Auftritten in Supermärkten, auf Werbeveranstaltungen und Butterfahrten über Wasser halten und mit kleineren Rollen. 1973 erlebte er noch einen kleinen Überraschungserfolg in einer Filmrolle als alternder Playboy im Rosa-von-Praunheims Kultstreifen „Berliner Bettwurst“.

Erst 1976 hatte das ZDF offenbar alles vergeben und vergessen und holte ihn für „Wir machen Musik“ wieder auf den Bildschirm zurück. Lou van Burg, (mit bürgerlichem Namen Louis van Weerdenburg), geboren am 25. August 1917 in Den Haag, starb am 26. April 1986 in München an Leukämie, einer Krankheit, unter der er jahrelang gelitten hatte.

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