Pionierin der Lüfte

15. Mai


Flughäfen werden nach Präsidenten benannt, nach Malern, Stadtteilen, Vorbesitzern und Dichtern oder auch – nach einer Stewardess. Das gilt jedenfalls für Cresco im US-Bundesstaat Iowa, dem Ort, wo am 22.September 1904 eine gewisse Ellen Church geboren wurde, eine Frau, die ein bemerkenswertes Stück Luftfahrt-Geschichte geschrieben hat. Es war am 15. Mai 1930, als die damals 25jährige zwischen Oakland und Chicago einem neuen Beruf das Leben schenkte. Sie war die erste Stewardess.

Eigentlich war Ellen Church Krankenschwester, aber sie träumte davon, Pilotin zu werden. Aber daran war vor einem Menschenalter überhaupt nicht zu denken, so dass sie sich etwas Neues einfallen lassen musste. Am 23. Februar 1930 platzte sie in das Büro eines gewissen Steve Stimpson von der Firma „Boeing Air Transport“ und schlug ihm vor, sie und vielleicht später auch andere Kolleginnen auf Flügen mitzunehmen, um den Passagieren die Reise so angenehm wie möglich zu gestalten.Ganz neu war die Idee zwar nicht, in England gab es bereits bei „Daimler Airways“ sogenannte „Cabin Boys“, die den Passagieren hilfreich zur Seite standen. Auch in den USA wurden bereits besonders schlanke und damit leichte junge Männer eingesetzt, aber eben nur Männer, grundsätzlich keine Frauen.

Ellen Churchs Vorstoß änderte alles. Zunächst stellte Boeing versuchsweise acht Stewardessen mit einem Drei-Monats-Vertrag ein (für 125 Dollar im Monat) und schickte sie gemeinsam mit Ellen und 15 Passagieren an Bord einer Boeing 80A am 15. Mai 1930 um 8 Uhr morgens auf die Reise. Die Passagiere waren begeistert von den, wie sie später hießen „Original Eight“. Damit standen sie allerdings in krassem Gegensatz zu den Piloten, die es zunächst ablehnten, sich auch noch um das „hilflose“ weibliche Personal kümmern zu müssen. Auch die Frauen der Piloten machten Front und schrieben flammende Brief an die Konzernleitung, sie möge diesen Unsinn doch unterlassen, zumal die neuen Frauen an Bord auch noch unverheiratet sein mussten.

Aber der anfängliche Kleinkrieg zwischen Cockpit und Kabine war schnell beendet. Die Piloten merkten, wie angenehm es ist, jemanden an Bord zu haben, der sich um nörgelnde Passagieren, schreiende Babys und Flugangst-Hasen kümmert, der Drinks serviert und Snacks verteilt, ein Job, den heute mehr als 300 000 Frauen – und Männer – in aller Welt erledigen.

Am Anfang waren die Aufgaben der Stewardessen sogar noch vielfältiger: Sie mussten auch schon mal das Flugzeug auftanken oder mithelfen, das Gerät in den Hangar zu schiebenAber es sollte noch ein paar Jahre, genau bis 1936, dauern, bis Stewardessen Standart an Bord von Flugzeugen wurden. Erst nach Einführung der DC 3 wurden die weiblichen Helfer wegen der größeren Zahl der Passagiere unverzichtbar.


Ellen Church
Ellen Churchs Karriere als Stewardess dauerte nur 18 Monate, dann beendete sie ein Autounfall. Aber es begann eine neue. Ihr wurde die Entwicklung einer Logistik für den neuen Job übertragen und sie arbeitete so effektiv und selbständig, dass sie auch als einer der ersten Managerinnen der Wirtschaftsgeschichte gilt.

1942, kurz nachdem die USA in den Zweiten Weltkrieg eingriffen, ging Ellen Church wieder an Bord. Sie wurde in Militärflugzeugen in Afrika, England, Frankreich und Italien eingesetzt, bekam als eine von sehr wenigen Frauen hohe Airforce-Orden und galt als „Florence Nightingale der Lüfte“. Nach dem Krieg, 1952, wechselte Ellen Church ins Management eines großen Krankenhauses, des Terre Haute Union Hospital in Indiana. Elf Monate vor ihrem Tod heiratete Ellen Church einen Bankdirektor namens Leonard Marshall. Am 27. August 1965 starb sie an den Folgen eines Reitunfalls.

United Airlines, die Fluglinie, die als erste planmäßig Stewardessen beschäftigte, ehrt die Pionierin, indem sie einen achtstöckigen Flügel ihres „Stewardess-Management-Centers“ in der Nähe des Chicagoer O’Hare-Airports „Ellen Church Marshall Memorial“ nannte.Cresco, Ellen Churchs Heimatort, hat übrigens noch einen weltberühmten Mitbürger: Es ist Norman Borlaug, der 1970 den Friedens-Nobelpreis erhielt. Borlaug löste die „Grüne Revolution“ aus, indem er eine neue Weizensorte züchtete, die Entwicklungsländern dabei hilft, ihre Bevölkerung besser zu ernähren. Aber das ist eine andere Geschichte ...

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