Stalins Erzfeind

20. April


In der Politik geht es überraschend oft so zu wie im richtigen Leben. Und Beweggründe wie Eifersucht, Hass, Scham und Angst sind demzufolge häufig auch Motive für Mord – den privaten und den von Staats wegen. Geradezu ein Musterbeispiel dafür ist ein Ereignis in Coyoacan, einem Vorort der mexikanischen Hauptstadt Mexico-City, am 20. April 1940, als ein 63jähriger Mann von einem 27jährigen mit einem Eispickel erschlagen wurde.

Das Opfer war weltberühmt, Leib Dawidowitsch Bronstein, besser bekannt unter seinem kommunistischen Kampfnamen Leo Trotzki. Der Täter nannte sich Frank Jacson aus Kanada oder auch Jacques Mornard aus Belgien, in Wirklichkeit hieß er Jaime Ramón Mercader del Rio Hernánde oder verkürzt Ramón Mercador und stammte aus Barcelona. Er war aber nur ein Handlanger, der eigentliche Täter saß im Kreml: Yussup Ben Wissarion Dschugaschwili – Josef Stalin.

Abgesehen davon, dass sich die beiden Ikonen der sozialistischen Weltrevolution persönlich nicht mochten, der Ukrainer Trotzki und der Georgier Stalin, so gab es eine ganze Reihe Gründe für unversöhnlichen Hass. Vor allem Stalin, inzwischen durch gnadenlosen Terror und der Beseitigung Millionen möglicher Widersacher unumschränkter Diktator im sowjetischen Riesenreichs, hatte allen Grund, den alten Weggefährten zu fürchten.

Denn nach wie vor bestanden prinzipielle Unterschiede in der Ideologie. Trotzki glaubte daran, dass die russische Oktoberrevolution lediglich die Initialzündung für eine unweigerlich kommende Weltrevolution sein würde, Stalin hingegen wollte die Revolution im eigenen Lande, das heißt, in der Sowjetunion sichern. Und: Der Zweite Weltkrieg hatte gerade begonnen, Stalin hatte sich aus taktischen Gründen mit den Nazis verbündet, ein politisch äußerst riskantes Unternehmen, das im kommunistischen Lager auf viel Widerstand stieß, Widerstand, der sich möglicherweise hinter Leo Trotzki gesammelt hätte.

Der wahre Grund aber war: Trotzki wusste zuviel. Er war dabei, wie es wirklich war, als die Sowjetunion geboren wurde, er war es, der an der Seite Lenins stand und nicht Stalin, der seinerzeit noch zweitklassige Funktionäre. Trotzki baute die Rote Armee auf, nicht Stalin und nicht Trotzki sondern Stalin war dafür verantwortlich, dass 1920 das von der Roten Armee schon fast eroberte Polen noch einmal davon kam. Trotzki war damals zwar Oberbefehlshaber, Stalin hatte aber gegen Trotzkis ausdrücklichen Befehl mit seiner Südwestarmee nicht dabei geholfen Warschau zu erobern, sondern er ließ auf eigene Faust und schließlich vergeblich Lemberg belagern. Für die Polen war die unerwartete Wende im Krieg gegen den übermächtigen Nachbarn „das Wunder an der Weichsel“, für die Sowjets eine militärische und propagandistische Katastrophe.

Es änderte zwar alles nichts am Aufstieg des Mannes aus dem Kaukasus, aber es war ein schwarzer Fleck auf seiner Weste. Stalin setzte sich 1922 im Machtkampf um die Nachfolge des kranken Lenin durch und als er ab 1927 praktisch Alleinherrscher wurde, beseitigte er nach und nach alle Mitwisser. Der Oberbefehlshaber der Südwestarmee, Marschall Tuchatschewski, beispielsweise, wurde 1936 hingerichtet, Trozki zunächst entmacht und 1929 des Landes verwiesen. Aber der schwarze Fleck war immer noch da. 1938 ließ Stalin unter seinem Namen eine „Geschichte der KPdSU“ schreiben, ein für alle, die Bescheid wussten, peinliches Machwerk, denn Stalin verpasste sich selbst sämtliche nur denkbaren erfolgreichen Hauptrollen beim Aufbau der Sowjetunion.

Trotzki, inzwischen nach Stationen in der Türkei, Frankreich und Norwegen in Mexiko gelandet, wetterte gegen den „roten Zaren“ wo er nur konnte, beschimpfte ihn wegen der offensichtlichen Geschichtsklitterung und machte Front gegen die Säuberungsaktionen in seiner ehemaligen Heimat und vor allem gegen die Moskauer Schauprozesse. Er verhöhnte Stalin und selbst die Ermordung seines Sohnes in Paris brachte Trotzki nicht zum Schweigen.

Stalin schaltete den Geheimdienst ein. Zunächst gab es einen regelrechten militärischen Angriff auf Trotzki am Rand von Mexico-City. Zwei Dutzend schwer bewaffnete Männer stürmten im Mai 1940 das Haus. Das Schlafzimmer, in dem sich Trotzki, seine Frau und der elf Jahre alte Enkel aufhielten, wurde buchstäblich in Stücke geschossen. Die drei überlebten.

Ein Vierteljahr später aber griff Plan B.

Ramón Mercador, ein fanatischer Stalin-Anhänger, brachte Leo Trotzki um. Der Mörder saß übrigens 20 Jahre Haft ab, reiste als freier Mann nach Kuba, Prag und Moskau und starb erst 1978 in Havanna – an Krebs, ein Vierteljahrhundert nach seinem großen Idol im Kreml.

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