Verleumdungsopfer Lukrezia Borgia

18. April

Wir sind in Rom vor 500 Jahren. Die Borgias regieren die Stadt. Der 70jährige Rodrigo, der eigentlich Borja heißt und Spanier ist, hat sich als Papst den Namen Alexander VI. ausgesucht, weil er sich für ebenso unüberwindlich hält wie sein mazedonischer Namensgeber. Da ist sein Sohn Cesare (25), der dafür berühmt ist, dass er ein Hufeisen gerade biegen und einem Stier mit einem Hieb den Kopf abschlagen kann und da ist noch Cesares Schwester Lukrezia mit ihrem dicken blonden Haar, das so schwer ist, dass ihr ständig der Kopf weh tut - Lukrezia Borgia, geboren am 18. April 1480, mit deren Namen seit Jahrhunderten alle nur erdenklichen üblen Charaktereigenschaften verbunden sind: Herrschsüchtig, skrupellos und männerverschlingend, eine talentierte Mörderin und Geliebte von Vater und Bruder.
Es war anders.
Mit 13 musste die kleine Lukrezia auf Befehl ihres Vaters den Fürsten von Pesaro, Giovanni Sforza, heiraten. Die Provinz ödete sie an und der Gatte verschaffte ihr wenig Abwechslung, nicht, weil er nicht wollte, sondern weil er nicht konnte. Gut, dass Impotenz im seinerzeit gültigen Kirchenrecht der einzige Grund war, eine Ehe zu annullieren. Aber der entlarvte Giovanni wollte das so nicht auf sich sitzen lassen und verbreitete unter anderem das Gerücht, Lukrezia habe ein Verhältnis mit ihrem Vater, was begeistert von allen Lästerzungen in Rom und im verfeindeten Neapel aufgegriffen, ausgeschmückt und weitergetragen wurde. Lukrezia ertrug das alles und resignierte, ohne zu protestieren und so wurde aus dem bitterbösen Gerede langsam im Laufe der Jahrhunderte die von aller Welt geglaubte Wahrheit.
Ehemann Nummer zwei hingegen war ein Glücksgriff. Lukrezia verliebte sich in Alfonso, Herzog von Bisceglia. Aber dieser verstand sich nicht gut mit Schwager Cesare, der folglich Leute ins Haus schickte, die Alfonso ein Kissen lange genug aufs Gesicht drückten und Lukrezia frühzeitig zur Witwe machten. Sie war untröstlich, nach einigen Wochen aber verzieh sie ihrem Bruder, was neue Gerüchte nährte.
Die Leidenszeit war aber nun vorbei. Sie zog nach Ferrara, um dort einen weiteren Alfonso, des Herzogs Sohn, zu heiraten. Lukrezia wurde fünfmalige Mutter, trat dem Franziskanerorden bei, tat Gutes, lernte spanisch, griechisch und französisch, zog einige der besten Köpfe ihrer Zeit an ihren Hof und wenn ihr Gatte auf Dienstreise ging, vertrat sie ihn mit Klugheit und Geschick.
Das war die wirkliche Lukrezia Borgia. Sie erlag auch nicht einem Becher Gift, den sie selbst mischte und verwechselte. Am 14. Juni 1519 erlitt sie eine Totgeburt. Zehn Tage später war auch sie tot – nur 39 Jahre alt.

Die Borgia

Sie waren eigentlich nur zu dritt, die Familie Borgia und somit alles andere als eine Dynastie. Dennoch prägten Papst Alexander VI. und seine Kinder (!?) Cesare und Lukrezia ganz wesentlich unser Bild von der italienischen Renaissance. Zwar war auch schon Calixtus III. aus dem aus Spanien stammenden Geschlecht kurz (1455 bis 58) Papst, aber die „Borgia-Zeit“ begann erst 1492 mit Alexander. Nach seinem Tod 1503 war sie auch schon wieder vorbei. Dieser Papst und sein Sohn Cesare (übrigens Vorbild für Machiavellis „Principe“) waren in der Tat anders als die sanfte Lukrezia skrupellose und brutale Machtmenschen.
Sie waren zwar hochintelligent und geschickt, aber auch sicher keine Kinder von Traurigkeit und an ihren Händen klebte eine Menge Blut. Aber das war auf der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit in Kreisen der Reichen und der Mächtigen eher der Normalfall. Eine literarische Umsetzung des „Borgia-Stoffes“ ist übrigens, trotz einiger Bemühungen (u.a. „Sturm-und-Drang“-Dichter Friedrich Maximilian Klinger, Victor Hugo und C.F. Meyer) bisher nicht gelungen.

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