Der Gründer des FBI

2. Mai



Die Frage „Was haben Napoleons Großneffe und der Gründer der amerikanischen Bundespolizei FBI gemeinsam?“ würde wahrscheinlich in einer der zahlreichen TV-Quizshows als „zu schwer“ eingestuft. Obwohl die Antwort einfach ist, denn es war ein und dieselbe Person. Aber wer weiß schon, dass es der Enkel von Napoleons jüngstem Bruder Jérôme war, ein Mann namens Charles Joseph Bonaparte, der als Justizminister der USA am 26. Juli 1908 die damals noch „Bureau of Investigation“ genannte Institution ins Leben rief? Der Name, den fast jeder mit dem Begriff „FBI“ verbindet, ist natürlich der von J. Edgar Hoover, der übernahm die Bundesbehörde aber erst 1924, organisierte sie völlig um und leitete sie bis zu seinem Tod am 2. Mai 1972.

Von seinem Großvater Jérôme, der als König von Westfalen den Spitznamen „König Lustig“ trug, hatte Charles Joseph Bonaparte nur recht wenig. Seine Großmutter, die Amerikanerin Elizabeth „Betsy“ Patterson, war allerdings auch nur sehr kurz mit Jérôme Bonaparte verheiratet.

Charles Joseph war eher ein bärbeißiger, unwirscher und meist schlechtgelaunter Mann. Der Evening Herald aus seiner Heimatstadt Baltimore beschrieb ihn einmal als ein „Wesen, ähnlich dem Hund von Baskerville, mit feurigen Augen, hängender Zunge, Wolfszähnen, und nur glücklich, wenn er das Oberste zuunterst kehren kann."

Dass der letzte Bonaparte, der in der Geschichte der Welt eine Rolle gespielt hat, wenn auch nur eine kleine, nicht gerade ein Sympathieträger war, beweist eine Geschichte, die der Amerikaner David Stacton in seiner Biografie „Die Bonapartes“ erzählt:

Als ihn US-Präsident Theodor Roosevelt zum Marineminister machte, baute er sich vor seinen Untergebenen auf und sagte: „Ich hoffe, dass wir alle gut miteinander auskommen. Wenn das nicht der Fall sein sollte, werde wohl ich Sie entlassen müssen, da ja nicht ich von Ihnen entlassen werden kann.“

Für einen Justizminister, der vor gerade einmal 100 Jahren im Amt war, hatte der Baltimore-Bonaparte recht eigenwillige Ansichten. So meinte er einmal zum Thema Lynchjustiz, dass nach seiner Meinung nur sehr wenige Menschen unschuldig gelyncht würden. Und dass auch jene, die das jeweilige Verbrechen nicht begangen hätten, für das man sie gelyncht habe, nur sehr selten anständige Mitglieder der menschlichen Gesellschaft gewesen seien.

Sein ganzer beruflicher Ehrgeiz war es, die Macht der großen US-Konzerne zu knacken, wozu ein Instrument nötig war, das über die Grenzen der Bundesstaaten hinaus Jagd auf das „Big Business“ machen konnte. Das „Bureau of Investigations“ war geboren. Wie es so seine Art war, fand er klare, wenn auch gewöhnungsbedürftige Worte, was er von den großen Wirtschaftunternehmen seines Landes hielt. Er nannte sie „große, starke, gierige in Geld wühlende Tiere aus der Kategorie der Schweine.“

Der Mann aus der Familie des Kaisers der Franzosen war ein strenger Mann, meist strenger anderen gegenüber als sich selbst. So war er zwar Mitglied der Vereinigung der Ritter der Mäßigkeit und Vizepräsident der Gesellschaft zur Unterdrückung des Lasters, besaß auf der anderen Seite aber auch einige Häuser mit äußerst zweifelhaften Ruf, die dafür sorgten, dass sich das Vermögen, das seine als äußerst geizig geltende Großmutter Betsy angehäuft hatte, ständig vergrößerte.

Charles Joseph Bonaparte blieb kinderlos, was angesichts einer Einstellung wie „Kinder nehmen Küsse viel lieber an als Disziplin und den Armen ist Suppe lieber als Arbeit“ eigentlich ein großes Glück ist. Er war es schließlich auch, der dafür verantwortlich war, dass wir Nachgeborenen um das Vergnügen gebracht wurden, anstatt einer „Havanna“ eine „Bonaparte“ zu rauchen. Als ihm nämlich eine amerikanische Zigarrenfirma ein Angebot machte, seinen berühmten Namen zu nutzen, lehnte er ab.
Der Großneffe Napoleons wurde am 6. Juni 1851 in Baltimore geboren, wo er fast genau 70 Jahre später, am 28. Juni 1921, dann auch zur großen Erleichterung seiner Umwelt starb.

1 Kommentar:

Gert Schmidt hat gesagt…

Vielleicht wollte der FBI-Gründer sein trauriges Familienschicksal korrigieren:

Seine Großmutter wurde im Stich gelassen, sein Vater von der Familie Bonaparte geschnitten - das muss tiefe Spuren in seiner Erziehung hinterlassen haben.

Dass er sich dann dem Kampf gegen große Konzerne verschrieben hatte, ist fast eine zwangsläufige Schlussfolgerung.