Der Tag der Arbeiter

1. Mai

Über alles betrachtet, ist der 1. Mai eher ein erfreulicher Tag: Der Winter ist meist vorbei, in südlichen Landesteilen Deutschlands werden Maibäume aufgerichtet, wobei die Füße von einer durchtanzten Nacht in den Wonnemonat leicht schmerzen, die Hexen kehren auf ihren Besen in ihren Stützpunkt auf dem Brocken zurück, die Bayern, die ja bekanntlich für jede Extrawurst zu haben sind, feiern zusätzlich den Festtag ihrer „Patrona Bavariae“, in Helsinki versammeln sich die Menschen zum „Vappu-Picknick“ im Kaivopuisto-Park und dann ist da ja auch noch der „Tag der Arbeit“.

Auch das ist eigentlich ein allerseits willkommenes Ereignis, denn ausgerechnet an diesem Tag herrscht süßes Nichtstun. Einige Unentwegte allerdings beschwören in meist spärlich besuchten Veranstaltungen die Solidarität der Werktätigen und hohe Gewerkschaftsfunktionäre beschimpfen in den Kurznachrichten der Tagesschau den Klassenfeind.

Der Anlass für diesen in vielen Ländern der Welt gefeierten „Tag der Arbeit“ war ein schreckliches Ereignis: Es war am 1. Mai 1886, als in Chicago die Menschen begannen, auf die Straße zu gehen. Sie wollten nicht mehr 12 Stunden am Tag arbeiten, sondern nur noch acht. Diese sicher nicht unberechtigte, wenn auch aus damaliger Sicht recht drastische Forderung wollte man mit einem Generalstreik durchsetzen. An vielen Stellen der Stadt versammelten sich Arbeiter zu Protestveranstaltungen – so auch am 3. Mai vor der Firma McCormick, in der normalerweise Erntemaschinen hergestellt wurden.

Die Verantwortlichen im Büro des Bürgermeisters und in der Führungsetage der Polizei witterten Aufruhr. Sie forderten die Menschen auf, nach Hause zu gehen. Die weigerten sich, die Lage eskalierte, man wurde handgreiflich und am Schluss waren mindestens zwei Arbeiter tot und viele verletzt.

Es war ein Schock und so fanden sich nur 200 (der offiziellen Sprachregelung folgend) „Anarchisten“ auf dem Haymarket ein, um gegen das Massaker zu protestieren. Gegen zehn Uhr am Abend des 4. Mai war die Versammlung schon fast beendet, als 176 Polizisten unter der Führung eines Inspektors John Bonfield erschienen.

Plötzlich explodierte eine Bombe mitten unter den Ordnungshütern.
Sofort fielen Schüsse, die Polizei feuerte in die Menge, wahrscheinlich wurde auch zurückgeschossen. Die Bilanz jedenfalls war erschütternd: Ein Polizist war sofort tot, sieben weitere starben später an Schussverletzungen, die allerdings, wie man kleinlaut zugeben musste, in fast allen Fällen durch Polizeiwaffen verursacht wurden. Wie viele Demonstranten den Tod fanden oder verletzt wurden, konnte nie festgestellt werden, da die Opfer so schnell wie möglich von den Streikenden fortgetragen wurden. Es war ein blutiges Chaos.

In den nächsten Tagen machte die Polizei Jagd auf alle stadtbekannten „Unruhestifter“. 31 wurden festgenommen, gegen acht wurde Anklage erhoben, vier wurden nach einem skandalösen Verfahren, bei dem das Urteil von vornherein feststand, gehängt, einer beging in der Zelle Selbstmord und die anderen wurden zu lebenslanger Haft verurteilt.

Fünf von ihnen waren deutschstämmige Einwanderer, auch der Anführer, der von einem Wagen aus und später dann auch im Gerichtssaal flammende Reden gehalten hatte. Der Mann hieß August Spies, war Journalist und kam „aus der Heimat von Karl Marx und Friedrich Engels“, wie die Medien süffisant feststellten. Ob einer der Angeklagten die Bombe warf, wurde von dem Gericht nicht geklärt, dass sie aber durch ihre Gesinnung Mittäter waren, war für die breite amerikanische Öffentlichkeit eine klare Sache. Im bürgerlichen Mittelklasse-Amerika war man sich einig, dass die Arbeiter ihre Probleme selbst verursacht hätten, eine Haltung, die von den Medien immer und immer wieder transportiert wurde.

Es sollte noch bis zum November 1893 dauern, bis offiziell, und zwar vom Gouverneur von Illinois, John Peter Altgeld, festgestellt wurde, dass keiner der Angeklagten mit dem Fall in Verbindung gebracht werden konnte und dass die Geschworenen parteiisch ausgewählt wurden. Er begnadigte die überlebenden „Verdächtigten“, was John F. Kennedy viele Jahre später „Ein leuchtendes Beispiel für Zivilcourage“ nannte, bei den Zeitgenossen aber ohne jede Begeisterung aufgenommen wurde. Altgeld, der auch deutscher Abstimmung war, vergab damit auch jede Chance wiedergewählt zu werden.

Zwei Jahre nach dem „Haymarket Riots“ erklärte die „Zweite Internationale“ in Paris den 1. Mai zum „Kampftag der Arbeiterbewegung“. Am 1. Mai 1890, wurde er zum ersten Mal gefeiert.
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde der „Tag der Arbeit“ in Deutschland erstmals, allerdings nur für das Jahr 1919, eingeführt. 1933 erinnerten sich die Nationalsozialisten wieder an den 1. Mai und verboten prompt, nur einen Tag später, die Gewerkschaften und stürmten ihre Häuser. 1934 wurde er dann ein von Hakenkreuzen beherrschter „Nationaler Feiertag“.

Nach dem Krieg gab es ihn in Deutschland weiter, im Westen von Zeit zu Zeit von Ausschreitungen begleitet und im Osten als „Internationaler Kampf- und Feiertag der Werktätigen für Frieden und Sozialismus“ mit Vorbeimarsch an der Tribüne, prall gefüllt mit Politbüro und Ehrengästen und geschmückt mit einer roten Mainelke. Inzwischen ist der 1. Mai in vielen Ländern der Welt ein Feiertag - nur nicht in den USA, dort feiert man den „Labor Day“ im September, um den „Krawallmachern von Chicago“ kein Denkmal zu setzen.

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