Der Vater des Judo

4. Mai


Wenn man aus einer guten alten Sake-Brauer- und Samurai-Familie stammt, in denen ja bekanntermaßen lieber Harakiri gemacht wird als das Gesicht zu verlieren, wenn man aber gleichzeitig ein Hänfling ist und ständig von Klassenkameraden verprügelt wird, dann muss man sich etwas einfallen lassen. Ein gewisser Jigoro Kano, der am 28. Oktober 1860 in Mikage in der Nähe der alten japanischen Kaiserstadt Kioto geboren wurde, tat genau dies und dies mit Hilfe eines deutschen Universitätsprofessors mit Namen Erwin von Bälz. Dieser war seinerzeit als Lehrkraft an der Universität Tokio beschäftigt, wo der junge Kano Medizin studierte und war außerdem Leibarzt der japanischen Kaiserfamilie.

Dieser Erwin von Bälz war ein Sportfan. Vor allem interessierte er sich für eine Sportart mit Namen Jiu Jitsu, was wörtlich übersetzt „sanfte Kunst“ heißt, ein Kampfsport, der nicht rohe Gewalt anwendet, sondern einen Angreifer durch Nachgeben besiegt.

In der Legende um die Entstehung dieser Sportart heißt es, ein japanischer Mediziner habe bei einem heftigen Sturm beobachtet, wie schwere und starke Eichen zerbrachen, während angeblich schwache Weiden den Orkan unbeschadet überstanden.

Jiu Jitsu dient ausschließlich der Selbstverteidigung und gilt deshalb im Reich der aufgehenden Sonne als besonders ehrwürdig. Also: Erwin von Bälz brachte seinen schmächtigen Schüler Jigoro Kano auf die Idee, sich wirkungsvoll und zugleich ehrenhaft zu wehren, eine für einen Samurai-Sohn außerordentlich verlockende Aussicht, denn Jiu Jitsu wurde traditionell insbesondere von den alten japanischen Kriegern angewandt, wenn sie sich nach Verlust aller Waffen gegen ihre Gegner verteidigen mussten.

Jigoro Kano trainierte eifrig in mehreren Tokioter Jiu-Jitsu-Schulen, wurde selbst ein Meister und begann dann eigene Ideen einzubringen. Damit schlug die Geburtstunde des Judo. Einerseits feilte Kano an den Techniken, fügte vor allem sehr viel mehr Würfe hinzu, auf der anderen Seite aber gab er dem Sport auch eine geistige Komponente frei nach dem europäisch antiken Idealbild „mens sana in corpore sano“ (Gesunder Geist in gesundem Körper). Vor allem aber „entschärfte“ Kano das unter Umständen zu tödlichen Verletzungen führende Jiu-Jitsu und machte daraus eine elegante, leichtfüßige und relativ ungefährliche Sportart, in der Körper und Geist in Harmonie zusammenwirken.

1884, Jigoro Kana war gerade einmal 24 Jahre alt, gilt als das Geburtsjahr der neue Sportart Judo, bestehend aus „Ju“ mit der Bedeutung „sanft“ und „do“ was soviel heißt wie „Weg“ und womit angedeutet werden soll, dass der Weg zum Meister nie endet, dass man nie am Ende aller Weisheit, auch nicht der des Judo, ist.

Die große Stunde des Jigoro Kano kam, als eifersüchtige Konkurrenten die Effektivität der neuen Sportart anzweifelten und Judo als „Jiu Jitsu für Bücherwürmer“ bezeichneten. Es kam zu einem großen Kräftemessen. 1886 standen sich je 15 Meister der alten und der neuen Sportart gegenüber. Nicht ein einziger von Kanos Schülern verlor seinen Kampf, es gab lediglich zwei Unentschieden.

Jigoro Kano erlebte es noch, dass die ersten japanischen Meisterschaften im Judo organisiert wurden, er musste allerdings bis ins Jahr 1930 warten. 1938 reiste er nach Europa, um dort die neue Sportart vorzustellen, die erstmals während der geplanten Olympischen Spiele 1940 in Tokio gezeigt werden sollte. Kano starb am 4. Mai auf der Rückreise auf dem Schiff im Alter von 77 Jahren an einer Lungenentzündung. Und die Olympischen Spiele in Tokio mussten wegen des 1939 ausgebrochenen Weltkriegs abgesagt werden.

Und so warteten Tokio und das Judo bis ins Jahr 1964, bis beide olympisch wurden.

Jigoro Kano war ein überaus strenger Mann, dem Disziplin und Perfektion über alles ging. Seine Schüler mussten jeden Morgen um 5 Uhr aufstehen und zunächst das Haus reinigen und dann im Garten arbeiten. Kano glaubte an den Wert der Erziehung. „Nichts unter der Sonne ist wichtiger als Erziehung“, sagte er einmal, „wenn wir einen Menschen erziehen und ihn in die Gesellschaft seiner Generation entlassen, prägen wir damit 100 Generationen, die noch kommen.“ Aber er war manchmal auch ein etwas merkwürdiger Kauz. So ging er nie ohne Schirm spazieren, damit der Regen keine Macht über ihn haben sollte ...

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