Frau Goethe

1. Juni


Nach 18 Jahren wilder Ehe im wahrsten Sinne des Wortes heiratete Deutschlands Dichterfürst endlich. Am 19.10. 1806 (manche Quellen nennen den 14.10., weil dies als eigentlich vorgesehenes Datum schon in die Eheringe eingraviert war), führte Goethe seine Christiane vor den Traualtar.

Einige schüttelten den Kopf oder, je nach Temperament, zuckten mit den Schultern oder kochten vor Wut. „Was hat sie, was ich nicht habe?“, fragten sich all die anderen, die viel Klügeren, viel Schöneren, Edleren, Jüngeren und Witzigeren im munteren Liebesleben des Johann Wolfgang von Goethe, aber nein, der Olympier nahm ausgerechnet die inzwischen 41jährige Christiane Vulpius, ehemalige Arbeiterin in einer Fabrik, in der Kunstblumen für Hüte hergestellt wurden. Am 1. Juni 1765 wurde sie geboren.

Ja, was hatte sie?

Goethe sagt, „um Lektüre kümmerte sie sich nicht viel und taugte ebenso wenig zum Briefe schreiben“, aber dazu brauchte der größte deutsche Dichter aller Zeiten schließlich auch niemanden, das konnte er selbst.

Christiane schenkte ihm nicht nur alle Liebe, deren sie fähig war, hing nicht nur an seinen Lippen, auch wenn sie nicht immer alles verstand, was er sagte, sorgte dafür, dass es ihm in jeder Beziehung gut ging, ignorierte weitgehend seine ewigen Frauengeschichten, gönnte ihm seine langen Reisen, schenkte ihm sein einziges überlebendes Kind, seinen geliebten Sohn August, und blieb, trotz zahlreicher Fehlgeburten und sonstiger Kümmernisse, immer fröhlich und gut gelaunt. Sie war geschickt und mutig, liebte das Theater über alles und sie gab Goethe nur wenig Grund zur Eifersucht, unter der der Gigant paradoxerweise zu leiden pflegte.

Kurz: Frau Goethe war ganz und gar unanstrengend – wenn man einmal davon absieht, dass Christiane dem Herrn Geheimrat in einer Beziehung überlegen war: Sie konnte saufen wie ein Loch und war dann immer ziemlich albern. Mit zunehmendem Alter machte sich dies Laster dann auch auf den Hüften bemerkbar, aber gut, niemand ist perfekt, und schließlich trug es ihr der Vor-Denker und Vor-Dichter der Deutschen mit der ihm eigenen Selbstgefälligkeit nicht nach.

Er hat sie wohl auch wirklich geliebt und sogar den Bruch mit seiner guten Freundin Charlotte von Stein in Kauf genommen, der erst viele Jahre später wieder gekittet wurde.
Obwohl außereheliche Beziehungen in jenen Jahren überhaupt nichts Besonderes waren, ließ die Weimarer sogenannte gute Gesellschaft den Dichter aber immer wieder spüren, dass diese Christiane Vulpius einfach nicht standesgemäß war, so dass Goethe fast schon betteln musste, um auch für sie einmal eine Einladung zu erhalten.

Das ging aber erst, als die beiden geheiratet hatten. Johanna Schopenhauer, die vermögende Mutter des großen Philosophen Arthur Schopenhauer, durchbrach als erste den Vulpius-Boykott, indem sie sagte, wenn Goethe sie für wert halte, sie zur Frau zu nehmen, dürfe man ihr eine Tasse Tee nicht verweigern.

Nur knapp zehn Jahre waren Johann Wolfgang und Johanna Christiane Sophie von Goethe verheiratet, da traf sie ein Schlaganfall. Wenige Monate später folgte ein äußerst schmerzhaftes Nierenversagen, so dass Goethes Ehefrau am 1. Juni 1816 starb. Das war fünf Tage nach ihrem 51. Geburtstag. Goethe verfiel in tiefe Apathie, in sein Tagebuch schrieb er, in ihm herrsche „Leere und Totenstille“. Erst als der ziemlich unbegabte Sohn August ein Jahr nach dem Tod seiner Mutter mit seiner Frau Ottilie beim alternden Geheimrat einzog und bald darauf die ersten Enkelkinder durch sein Haus tobten, überwand Goethe seine tiefe Trauer.

Der Dichter des Faust war 66 Jahre alt, als Christiane starb, hatte noch fast 16 Jahre zu leben und er verbrachte sie durchaus nicht einsam und zurückgezogen. 1821 beispielsweise begegnete der 72jährige in Marienbad der 17jährigen Ulrike von Levetzow und verliebte sich so sehr in sie, dass der alte Zausel sogar zwei Jahre später um ihre Hand anhielt – allerdings vergeblich.
Hinter einem großen Mann steht immer eine kluge Frau, so weiß der Volksmund. Das ist nicht immer und ausschließlich richtig. Im Falle Johann Wolfgang von Goethe war es ein einfacher, fröhlicher und liebenswerter Mensch mit Namen Christiane Vulpius.

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