Geh'n wir mal zu Hagenbeck

7. Mai


Finkenwerder Fischer, die eigentlich auf Stör auswaren, brachten sie mit, die sechs Seehunde und verkauften sie an den Fischhändler Gottfried Clas Carl Hagenbeck. Das war im Jahre des Herrn 1848. Hagenbeck ließ sie in Metallbottichen vor seinem Geschäft im Hamburger Stadtteil St. Pauli herumplanschen und siehe da, die Menschen strömten nur so herbei. „Dann kann ich ja auch Geld dafür nehmen“, dachte sich der olle Hagenbeck. Gesagt getan, es war der Beginn einer grandiosen Geschichte, die knapp 50 Jahre später, am 7. Mai 1907, historische Dimensionen annahm.

Da eröffnete der Sohn des alten Carl, Carl Hagenbeck Junior, im damals noch zum preußischen Altona gehörigen Stadtteil Stellingen auf einer Fläche von 27 Hektar den ersten Zoologischen Garten der Welt, in dem Tiere nicht hinter Gittern, sondern in Freigehegen, also in einer Umgebung leben konnten, die ihrem eigentlichen Lebensraum zumindest einigermaßen nachgebildet war. Carl Hagenbeck hatte seine Idee 1896 zum Patent angemeldet und es sollte die Welt der Zooarchitektur revolutionieren.

Schon zuvor hatte der einfallsreiche Hamburger Furore gemacht. Nachdem er als 22jähriger 1866 den väterlichen Betrieb übernommen hatte, fügte er dem Handel mit toten Meeresbewohnern dem mit lebenden Landtieren hinzu. Regelmäßig schickte er seine Tierfänger zunächst nach Afrika und dann auch nach Asien, Südamerika, an die Pole und nach Australien, um die Menagerien von Kaisern und Königen und anderen Potentaten zu beliefern.

So sendete er beispielsweise eine Herde Dammhirsche und eine Ladung Finken an William Rockefeller, den Bruder von Ölmagnat John D. Rockefeller. Das Geschäft brummte jedenfalls derartig, dass Hagenbeck umziehen musste. Er zeigte nun in einem 7000 Quadratmeter großen Garten allerlei Getier, nannte das ganze „Hagenbeck’s Thierpark“ und verdiente gut dabei. Langsam baute er den größten Tierhandel der Welt auf. In 21 Jahren, von 1866 bis 1887, verkaufte er insgesamt fast 4000 Raubtiere, 26 Nashörner und Hunderte von Elefanten, Antilopen und Giraffen.

Eines Tages brachte ihn sein Freund, der Leipziger Tiermaler Heinrich Leutemann, auf eine neue Idee: Die Tiere sollten begleitet werden von „typischen“ Eingeborenen. Die „Völkerschau“ war geboren. Als erste traf eine Lappen-Familie mit ihren Rentieren ein, dann folgten Nubier, Indianer, Kalmücken, „wilde Patagonier“ und was es sonst noch an „Exoten“ auf diesem Planeten gibt. Die führten dann vor, wie es zuging in ihrer Heimat, oder jedenfalls wie sich die begeisterten Zuschauer wünschten, wie es zugehen sollte – Kämpfe, Überfälle und Feste. Es war ein Riesenerfolg, auch wenn es dabei Opfer gab. 1880 beispielsweise kamen zwei Inuit-Familien aus Labrador, gekleidet in landesübliche Fellparkas, sie jagten Seehunde und fuhren Kajak. Leider aber waren ihre Körper machtlos gegen die ortsüblichen Viren. Alle Eskimos starben.

Aber in der Kaiserzeit sah man das alles nicht so eng, Hagenbeck ging mit seiner Völkerschauen (insgesamt waren es 54) auf Tournee und gründete 1887 natürlich auch noch einen Zirkus – das liegt ja auf der Hand - und dieser machte den Namen Hagenbeck auf dem ganzen Globus bekannt. Der „Zirkus Hagenbeck“ zeigte sich in Chicago und auf der Weltausstellung 1904 in St. Louis, in Argentinien, Japan, Indien, China, Ägypten und Spanien.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde der inzwischen weltberühmte Zoo fast völlig zerstört, aber schnell wieder aufgebaut. Selbst am Tag der Kapitulation, am 8. Mai 1945, kamen 364 zahlende Besucher, und das bei – wie aus den Geschäftsbüchern hervorgeht – saumäßigem Wetter.

Im Jubiläumsjahr 2007 gab Hagenbeck, der einzige in Privatbesitz befindliche Großzoo der Welt, noch einmal Gas: Ein neues Troparium wurde gebaut, das am Jubiläumstag eröffnet wurde, es wurden Riffhaie angeschafft, Adlerrochen und neue Krokodile vom Nil.

Und da wollten auch die Tiere offenbar nicht nachstehen. Elefantenkuh Lai Sinh brachte pünktlich eine Tochter zur Welt, die sich, ähnlich wie Eisbärknuddel Knut in Berlin, zum absoluten Publikumsliebling entwickelte, da außerdem noch die damals vierjährige Kandy und die dreijährige Thai im Hagenbeck-Elefanten-Gehege herumtollten.

Wenn das alles kein Grund ist, sich der Aufforderung des Hamburger Volkssängers und Komponisten Richard Germer anzuschließen, der einst sang: „Geh’n wir mal zu Hagenbeck“, dann weiß ich es auch nicht ...

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