Herr Braun und seine Röhre

6. Juni


Wenn einer mit dafür verantwortlich ist, dass wir mit dem Handy telefonieren, am Computer sitzen und in den Fernseher starren, dann sollte er doch eigentlich berühmt sein. Und wenn dieser Jemand auch noch ein Weltunternehmen gründete und einen Nobelpreis erhielt, dann doch wohl erst recht, sollte man meinen. Das alles leistete Karl Ferdinand Braun und steht dennoch nicht auf der Liste der berühmtesten Deutschen.

Am 6. Juni 1850 wurde der überaus talentierte Wissenschaftler in Fulda geboren. Als er am 20. April 1918 im Haus seines Sohnes im New Yorker Stadtteil Brooklyn starb, nahm davon kaum jemand Notiz. Allerdings ging damals der Erste Weltkrieg dem Ende entgegen und die Menschen hatten andere Sorgen, aber etwas mehr Aufmerksamkeit hätte der Erfinder der „Braunschen Röhre“, aus der der wichtigste Baustein eines Fernsehgeräts, die Bildröhre, entstand, der Mann, der so ganz nebenbei die Grundlagen für die Entwicklung des Radars legte, sicher verdient gehabt.

Und es fing gleich gut an: Schon als 24jähriger hatte Braun, damals noch Lehrer am Thomas-Gymnasium in Leipzig, den Gleichrichtereffekt der Halbleiter entdeckt, auf der buchstäblich die gesamte moderne Elektronik beruht, es folgten Elektrometer und vieles andere mehr.

Wahrscheinlich war Ferdinand Braun zu bescheiden, zu zurückhaltend und zu leise, um zu einem Star zu werden wie beispielsweise Guglielmo Marconi, dem es irgendwie gelang, der Welt vorzugaukeln, er sei der alleinige Vater der drahtlosen Telegrafie und nicht dieser deutsche Tüftler, mit dem er 1909 den Nobelpreis teilen musste.

Viel von dem nämlich, was Marconi als seine eigenen Erfindungen ausgab, hatte verblüffende Ähnlichkeit mit Patenten, die Ferdinand Braun bereits besaß. Unter vier Augen soll Marconi sogar zugegeben haben, er habe sich die eine oder andere Idee „ausgeborgt“, aber Braun verzichtete darauf, ihn zu verklagen. Das tat erst die Firma „Braun-Siemens“, die aus „Professor Brauns Telegraphen GmbH“ hervorgegangen war und die im weiteren Verlauf zum Weltunternehmen „Telefunken AG“ wurde.

Aber es war zu spät. Marconi war es inzwischen gelungen, seine juristische und vor allem seine öffentliche Position so abzusichern, dass ihm Braun nichts mehr anhaben konnte. Außerdem stand er bereits als der Mann in den Geschichtsbüchern, der als erster eine Funkverbindung über den Atlantik aufbaute – indem er Brauns Erkenntnisse nutzte.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Guglielmo Marconi hat 1895 tatsächlich die drahtlose Telegrafie erfunden und Braun kam erst drei Jahre später, übrigens auf Anregung einiger Kölner Geschäftsleute um den Schokoladenfabrikanten Ludwig Stollwerck, auf die Idee, sich mit dieser Materie überhaupt zu beschäftigen. Aber es war Braun, dessen Ideen, beispielsweise elektromagnetische Schwingungen mit einer Funkenstrecke in einem geschlossenen Schwingkreis mit einem umfänglichen Kondensator zu erzeugen und dann auf die Antenne zu übertragen, die zur überragenden praktischen Bedeutung der drahtlosen Telegrafie führte.

Typisch: Es war Braun, der als erster mit drahtloser Telegrafie ein Schiff aus Seenot rettete, den Weltruhm aber holte sich aber Marconi nach dem Untergang der „Titanic“.Der Unterschied zwischen den beiden Männern war augenfällig: Marconi, ein eleganter und spritziger Italiener, stets bereit, Kaisern und Königen seine Apparaturen vorzuführen und Braun, der zurückhaltende Professor unter anderem in Karlsruhe, Tübingen und Straßburg, der lieber im Verborgenen arbeitete. Einer seiner Assistenten, ein Russe mit Namen Mandelstam, beschrieb ihn einmal so: „Als Persönlichkeit wirkte Braun durch seine Natürlichkeit und Freundlichkeit und durch sein außerordentliches Wohlwollen ungemein anziehend.

Brauns Forschungsleistungen sichern ihm in der Wissenschaft einen hohen Ehrenplatz und alle, die das Glück hatten, mit ihm in nähere Beziehung zu treten, werden das Andenken des großen, welterfahrenen, klugen und doch so gütigen Mannes stets mit Liebe und Ehrfurcht bewahren." Es wird Zeit, sich diese Worte zu Herzen zu nehmen ...

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