Walter und Erich

3. Mai


Fast 20 Jahre nach dem Ende der DDR und der Vereinigung der beiden deutschen Staaten kommt es einem schon fast so vor, als würden die beiden Männer, die die Geschichte des ersten und einzigen Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden über all die Jahre bestimmten, zu ein und demselben mehr oder weniger menschlichen Wesen verschmelzen.

Und tatsächlich waren Walter Ulbricht und Erich Honecker irgendwie aus demselben Holz geschnitzt: Beide waren grenzenlos ehrgeizig, krankhaft misstrauisch und im Herzen farblose Spießbürger mit einem Hang zu kalten Grausamkeiten, wie man es oft bei dieser Spezies Homo sapiens antrifft. Schließlich wurde ihnen derselbe Fehler zum Verhängnis: Unendliche Selbstüberschätzung und die damit verbundene Freude am Kult um die eigene Person.

Am 3. Mai 1971 vollzog sich die Machtübergabe - für die Öffentlichkeit als Generationswechsel getarnt und mit der angegriffenen Gesundheit des 73jährigen Walter Ulbricht begründet. In Wirklichkeit aber war es das Ende eines gnadenlosen Machtkampfes zwischen den beiden einstigen Weggefährten, der in letzter Instanz von dem mächtigen Mann im Kreml, Leonid Breschnjew, entschieden wurde.

Dabei hatte Honecker seinem Ziehvater Ulbricht eigentlich alles zu verdanken. Seit Beginn der DDR hatten sie eine Seilschaft gebildet mit Ulbricht als Senior- und Honecker als Juniorpartner in Funktion des FDJ-Chefs. Und es hätte nicht viel gefehlt, da wäre es schon frühzeitig um beide geschehen gewesen. In der Folge des gescheiterten Aufstands vom Juni 1953 wackclte der Stuhl des 1. Parteisekretärs Walter Ulbricht bedenklich und es kam zu dramatischen Auftritten im Politbüro, die zu späteren Zeiten schier undenkbar gewesen wären.

So wird die einzige Frau im damaligen Politbüro, Elli Schmidt, mit den bemerkenswerten Worten zitiert: „Der ganze Geist, der in unserer Partei eingerissen ist, das Schnellfertige, das Unehrliche, das Wegspringen über die Menschen und ihre Sorgen, das Drohen und Prahlen - das erst hat uns so weit gebracht und daran, lieber Walter, hast du die meiste Schuld ... Wer Dir zum Munde redet und immer hübsch artig ist, der kann sich viel erlauben. Honecker, zum Beispiel, das liebe Kind“.

Aber Ulbricht rettete sich und mit ihm seinen Ziehsohn Honecker. Ob der alte Sachse jemals ahnte, wer hinter seinem Sturz 1971 stand, ist nicht endgültig geklärt, jedenfalls versuchte Ulbricht bis zuletzt, seine Macht zu erhalten. Der starke Mann der UdSSR, Leonid Breschnew, damals noch im Vollbesitz seiner Kräfte und noch nicht vom Wodka zerstört, war allerdings schon seit einiger Zeit unzufrieden mit seinem Vasallen in Ost-Berlin. Ulbricht hatte sich einige Dinge herausgenommen, die Breschnjew als Missachtung und Überheblichkeit empfunden hatte. Außerdem missbilligte er den Wunsch seines deutschen Genossen, sich möglichst vom großen roten Bruder abzunabeln und einen eigenen Weg zu gehen.

Immer wieder kam es zwischen den beiden zu Kontroversen, die im Laufe des Jahres 1970 eskalierten. Honecker hatte das alles durch geschickte Sticheleien und gezielte Indiskretionen geschürt. Aber alles schien für Erich schon verloren, als sich Ulbricht und Breschnjew nach einem Treffen der Partei- und Staatschefs des Warschauer Paktes im August 1970 wieder nähergekommen waren. Aber dann machte Walter Ulbricht doch wieder alles kaputt, indem er dem roten Zaren unmissverständlich und das vor versammelter Mannschaft mitteilte, die DDR wolle sich zwar in der Kooperation mit der Sowjetunion aber doch als echter deutscher Staat entwickeln. „Wir sind nicht Bjelorussland, wir sind kein Sowjetstaat“, rief Ulbricht unvorsichtigerweise aus. Honecker rieb sich die Hände.

Im Januar 1971 brachte er einige wichtige Mitglieder des Politbüros, unter ihnen die Herren Hager, Mittag, Sindermann und Stoph, dazu, in Moskau zu petzen. In einem langen Brief wird den russischen Genossen mitgeteilt, welche Verfehlungen Ulbricht sich leiste und dass man es für eine „internationalistische Pflicht“ halte, „das Politbüro des ZK der KPdSU über die bei uns entstandene Lage zu informieren und zu bitten, uns bei der Lösung zu helfen.“

Der Kreml handelte, Ulbricht trat zurück und Honecker war am Ziel seiner Träume. Wer an die Macht will, darf sich keine Gefühlsduseleien leisten. Binsenweisheiten sind manchmal auch stärker als Ideologien.

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