Der erste auf dem elektrischen Stuhl

6. August

Er hieß Wilhelm Kemmler und hatte einen Raubmord begangen. Zwei Dinge weiß die Nachwelt noch von ihm: Er war Einwanderer aus Deutschland und er war der erste, der auf dem elektrischen Stuhl starb. Das war am 6. August 1890 im Auburngefängnis im US-Bundesstaat New York. Erst zwei Jahre zuvor hatte der Arzt Dr. Alfons David Rockfell die Idee, Straftäter mit Hilfe von elektrischem Strom, wie er meinte, „sanft“ vom Leben zum Tode zu befördern.

Ob es allerdings überhaupt einer neuen Methode bedurft hätte, scheint fraglich, denn bei Hinrichtungen wirklicher oder vermeintlicher Straftäter war die Menschheit im Laufe der Jahrhunderte außerordentlich kreativ gewesen: Köpfen, Erhängen, Vierteilen, Vergiften, Erwürgen, Ertränken, Verbrennen, zu Tode Schleifen, lebendig einmauern, Rädern, Erschießen, Erschlagen und vieles anderes mehr. Der Journalist Alfred Kerr sagte einmal: „Du sollst nicht töten, sagt der Denker - nicht bloß zum Mörder auch zum Henker“.

Zwar hat sich diese Erkenntnis weltweit inzwischen weitgehend durchgesetzt - und doch gibt es noch einige Länder, darunter die USA, in denen Todesurteile erlassen und auch vollstreckt werden.

So alt wie die Diskussion um den Sinn der Todesstrafe, deren Androhung nachweislich keinen Täter von der Tat abschreckt, ist auch die Frage, wie ein Mensch, wenn es dann schon sein muss, am „humansten“ hingerichtet werden kann.

In dieser Hinsicht ist nicht die Länge des Todeskampfes entscheidend, sondern der Moment, in dem die Bewusstlosigkeit eintritt. Und genau dies übersah der französische Arzt J.I. Guillotin, als er den Henkern der Französischen Revolution die nach ihm benannte Fallbeil-Maschine als besonders schnell und sauber empfahl. Sie führt nämlich den Tod durchaus nicht sofort herbei. Solange der Sauerstoffvorrat im Blut reicht, sind die Hirnfunktionen noch intakt. So schrecklich und makaber die Vorstellung auch ist: Dies kann zwei Minuten dauern.

Beim Tod durch Erhängen ist dies anders. Dabei wird der Delinquent sofort bewusstlos, weil der Strick die großen Kopfarterien abschnürt. Der eigentliche Tod tritt erst sehr viel später durch Sauerstoffmangel im Gehirn ein - nicht etwa, wie man lange Zeit meinte, durch Bruch des Halswirbels. Dieser Irrglaube hatte über viele Jahrhunderte besonders diensteifrige Henker dazu gebracht, dem schnellen Tod nachzuhelfen, indem sie Gewichte an die Füße des zum Tode Verurteilten anbrachten oder sich selbst an ihn hängten. Neben der „Fallhöhe“ sind übrigens auch Art und Dicke des Seils oder Knotens in Sachen „humanes Hängen“ belanglos.

Die Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl funktioniert mit einer Schockmethode. Dabei bekommt der zum Tode Verurteilte in Intervallen heftige Stromstöße. Der erste mit 2000 Volt dauert drei Sekunden, dann folgen 57 Sekunden 500 Volt, dann wieder 2000, wieder 500 und schließlich noch einmal 2000 Volt. Dabei steigt die Körpertemperatur so stark an, dass die Gehirnflüssigkeit praktisch zu kochen beginnt. Nach spätestens zwei Minuten ist der Mensch tot. Ob der erste Schock zur Bewusstlosigkeit ausreicht, ist nicht immer sicher.Abgesehen davon sind natürlich die unendlichen Jahre, in denen vor allem in den USA ein zum Tode Verurteilter auf seine Hinrichtung warten muss und die schrecklichen Stunden vor Erwartung des sicheren Todes, Folterungen, deren Grausamkeit schon in zahlreichen Reportagen, Romanen, Filmen oder Fernsehstücken thematisiert wurde.

Der erste, der sich nachvollziehbar gegen die Todesstrafe und auch gegen die Folter aussprach und damit auf ungeheure Widerstände stieß, war übrigens ein Italiener. 1764 veröffentlichte der Rechtswissenschaftler Cesare Beccaria Marchese de Bonesano (1738 bis 1794) sein Buch „Die delitti e delle pene“ („Von den Verbrechen und den Strafen“), in dem er sich vehement gegen die sogenannte „poena talionis“ wandte, das biblische „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Dann müsste ja, so Beccarias Schlussfolgerung, Einbruch mit Einbruch, Betrug mit Betrug und Ehebruch mit Ehebruch vergolten werden. Sein Buch wurde in 22 Sprachen übersetzt.

Die Frage, ob der elektrische Stuhl wirklich die „humanste“ Hinrichtungsmethode ist, wenn es das überhaupt geben sollte, kann nicht endgültig beantwortet werden, allenfalls mit den zynischen Worten eines amerikanischen Scharfrichters, der auf eine entsprechende Frage sagte: „Bisher habe ich keine Klagen gehört“.

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