Der erste Discounter

1. August

Die Geschäfte bei Kroger Grocery and Baking Co. liefen miserabel. Der Schwarze Börsenfreitag am 25. Oktober 1929 und die darauf folgende Weltwirtschaftskrise steckte den Kunden tief in den Knochen, viele hatten ihre Ersparnisse verloren und kauften einfach nichts mehr ein. Mehr als 400 der fast 4700 Filialen musste der Konzern schließen und die Umsätze sanken immer noch.

Michael Cullen, Bezirksdirektor in Süd-Illinois, hatte da eine Idee: Nicht mehr die kleinen, dunklen Läden von 50 Quadratmetern, groß sein sollten die Shops, Parkplätze vor der Tür, alles hell und freundlich und – Selbstbedienung. Cullen begann zu rechnen: Eine geschickte Mischung aus Dumping- und Normalpreisen. 300 Artikel zum Selbstkostenpreis, bei 200 Artikel fünf Prozent Verdienstspanne, 300 weitere mit 15 Prozent und 300 mit 20 Prozent.

Dadurch wäre man konkurrenzlos billiger als alle anderen Anbieter. Das alles angeboten mit knalliger Werbung und die Kunden stürmen die Läden. So dachte Cullen und schrieb dies W.H. Albers, dem Chef der Firma. Aber der reagierte gar nicht erst. Ein Vizepräsident ließ Cullen abblitzen.

Aber so schnell gab der 49jährige nicht auf. Er kündigte und ging auf die Suche nach Geldgebern. Sein Freund Harry Sokoloff, Chef eines Lebensmittelunternehmens in New York, hörte ihm zu. Sie gründeten eine eigene Firma, die „King Kullen Crocery Co.“ mit Sitz in New York City. Ihren ersten Laden eröffneten sie vor 80 Jahren, am 1.August 1930, in dem trostlosen New Yorker Vorort Jamaika. Michael Cullen machte alles so, wie er es geplant hatte. Die Anzeige erschien mit „King Kullen, der größte Preisbrecher der Welt“ und tatsächlich: Die Kunden strömten in den Laden.

Michael Cullen machte weitere Geschäfte auf, jetzt auch mit Möbeln, Drogeriewaren, Kosmetik und Haushaltsartikeln. 1932 war Cullen Chef von acht „King Kullens“, sie machten Millionenumsätze.

Im selben Jahr starb Michael Cullen und erlebte so nicht mehr, wie sein „Baby“ den Namen bekam, mit dem es seinen Siegeszug um die Welt antreten sollte. Denn 1936 hatte sich auch sein ehemaliger Chef W.H. Albers vom verkrusteten Unternehmen „Kroger`s“ getrennt, war Cullens Beispiel gefolgt und hatte in Cincinnati seinen eigenen Laden gestartet. Er gab ihm den Namen „Supermarket“.

In Deutschland wurde der erste Supermarkt erst 1950 eröffnet. Nein, es waren nicht die Brüder Albrecht, die hatten zwar schon 1948 in Essen-Schonnebeck ihren ersten Lebensmittelladen mit preiswerter Kost für die Nachkriegswestdeutschen gegründet, sondern es war ein Lebensmittelgroßhändler namens Bernhard Müller, der in Augsburg dieses Experiment wagte.

Zwar gab es bei Müller noch keine Einkaufswagen wie heute, sondern kleine Holzkistchen, aber die wichtigsten Elementen hatte Müller aus den USA abgeguckt. Kein Zweifel: Der Supermarkt revolutionierte die Lebensmittelbranche und war zweifellos ein Fortschritt – allerdings ein Fortschritt, der teuer erkauft wurde mit dem Tod der Kommunikationszentren des kleinen Mannes, den sogenannten „Tante-Emma-Läden“ im Westen und dem Konsum oder HO im Osten.

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