Alberts dicke Pötte

14.Mai

Die drei ist schon eine magische Zahl. Drei Heilige Könige, drei Musketiere... Anfang des Jahrhunderts waren es drei Schiffe, die Geschichte schreiben sollten: Die gigantischen Passagierliner „Imperator“, „Vaterland“ und „Bismarck“, alle in Hamburg gebaut, sollten nach dem Willen ihres ehrgeizigen Generaldirektor Albert Ballin die Hamburger Reederei „Hapag“ an die Spitze der internationalen Passagierschiffahrt bringen und der Konkurrenz aus Bremen und aus England die maritimen Hacken zeigen.

Am 23. Mai 1912 wurde das zweite von Alberts dicken Pötten, die gigantische „Vaterland“ getauft, und Ihre Majestät, der deutsche Kaiser Wilhelm II. hatte sich zur Feier des Tages etwas ganz Besonders einfallen lassen: Denn ausgerechnet durch ein Schiff und ausgerechnet in Hamburg sollte die große Geste der Versöhnung zwischen Preußen und Bayern stattfinden.
Die beiden Herrscherhäuser, die preußischen Hohenzollern und die bayerischen Wittelsbacher, waren sich nämlich am Anfang des 20. Jahrhunderts nicht ganz grün und so sollten die Bayern ein Schiff taufen dürfen, ein richtig großes, ein richtig schönes, was Stolzes.

König Ludwig III. kam allerdings nicht höchstpersönlich, sondern er schickte seinen Ältesten, Rupprecht,, der, wenn nicht bald der Erste Weltkrieg und das Ende der deutschen Monarchien gekommen wäre, das Land der Bayern hätte erben sollen. „Willem zwo“ blieb zuhause in Berlin, um Rupprecht protokollarisch nicht zum Knecht zu degradieren.

Die große Geste kam gut an: Kronprinz Rupprecht strahlte mit Zehntausenden von Hamburgern um die Wette, als der beeindruckende fast 290 Meter lange stählerne Koloss ins Wasser der Elbe glitt. Es war und es blieb das größte jemals unter deutscher Flagge in Dienst gestellte Passagierschiff. Und es war eine Revolution im Passagierschiffbau, bot sich doch erstmals die Möglichkeit, große Räume im Schiffsinneren zu gestalten, Hallen zu entwerfen, wie in den vom selben Publikum gewohnten Luxus-Hotels.

So war beispielsweise der Wintergarten der „Vaterland“ ein atemberaubend hoher Raum, mit Palmen und Blumen kunstvoll geschmückt, leichte Korbsessel standen dort wie in einem englischen Herrenhaus in Indien. Der über mehrere Decks reichende Speisesaal der „Vaterland“ war so konzipiert, dass man ihn nur über eine Treppe von oben erreichen konnte. So bot sich die Möglichkeit, zu sehen und gesehen zu werden. Auf jedem der runden Tische stand in der Mitte eine Lampe, der Raum wurde an der Decke von einem üppigen Gemälde abgeschlossen. Telefonzentrale und eine komplette Ladenstraße mit Reisebüro boten einen unvergleichlichen Service. Insgesamt brannten auf dem Schiff 15 000 elektrische Lampen.

Die Räume der 1. Klasse waren wie kleine Wohnungen eingerichtet, die beiden Kaiser-Suiten und die zehn Staatszimmer übertrafen an Komfort alles bis dato dagewesene. Alle hatten Salon, Schlafzimmer und Bad.

Das Schicksal der „Vaterland“ ist schnell erzählt. Erst zwei Jahre nach der Taufe, am 14. Mai 1914 , ging der Stolz der deutschen Passagierschifffahrt auf Jungfernreise von Cuxhaven nach New York. Schon auf ihrer dritten Reise wurde sie in Hoboken am Hudson-River gegenüber von New York vom Krieg überrascht. 1917 wurde die „Vaterland“ nach dem Kriegseintritt der USA von den Amerikanern beschlagnahmt und zunächst als Transporter für die US-Navy eingesetzt. Noch im selben Jahr wurde sie umgetauft in „Leviathan“. Als Passagierschiff in Fahrt arbeitete die „Leviathan“ Ex-„Vaterland“ nach einem Umbau 1923 einige Jahre für die United States Lines, New York. 1938 wurde das Schiff nach Rosyth in Schottland gebracht, wo es am 14. Februar 1938 zerschnitten wurde.

Die Hapag versuchte es übrigens mit einer zweiten „Vaterland“ und wieder kam ein Krieg dazwischen: 1938 legte sie bei Blohm & Voss ein Schiff dieses Namens auf Kiel und es lief tatsächlich 1940 vom Stapel. Aber in Dienst wurde diese „Vaterland“ nicht mehr gestellt, sondern der eigentlich als das neue Flaggschiff der Hapag vorgesehene Ozeanriese fiel 1943 einem Bombenangriff zum Opfer. Im 20. Jahrhundert hatten die Deutschen halt nur wenig Glück mit allem, was „Vaterland“ hieß ...

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