Der König der Lügner

11. Mai

Eigentlich merkwürdig, dass die Nazi-Größen von der Kritik an ihrem Regime nichts bemerkten, aber vielleicht war sie doch ein wenig zu subtil für die eher derben Gemüter in der Hitler-Administration. Denn immerhin sagte Hans Albers diesen Satz: „Abenteuer, Krieg, fremde Länder und Frauen, ich brauche das alles. Aber Sie missbrauchen es.“ Am 5. März 1943, war dieser Satz zum erstenmal zu hören - mitten im Krieg und das auch noch zum 25. Geburtstag der größten und erfolgreichsten deutschen Film-Produktionsgesellschaft, der Ufa.

Außerdem war es der erste richtige deutsche Farbfilm, in dem der „Hoppla-jetzt-komm-ich“-Hans diesen Satz sprach: Er hieß „Münchhausen“. Zwar war schon drei Jahre zuvor Marika Rökk in „Frauen sind doch die besseren Diplomaten“ erstmals in Farbe über die Leinwand getobt, aber so richtig ging es in Farbe erst mit „Münchhausen“ los. Das Drehbuch schrieb ein gewisser Berthold Bürger, ein Pseudonym, hinter dem sich kein Geringerer als Erich Kästner verbarg. Kästners Bücher waren noch wenige Jahre zuvor auf dem Scheiterhaufen gelandet. Nazi-Propagandachef Josef Goebbels wußte davon, zeigte sich aber in diesem Fall großzügig.

Erstklassige Schriftsteller wie Kästner wuchsen weder damals noch heute auf den Bäumen.
Ohnehin war es erstaunlich, dass der routinierte Lügner Goebbels das Thema „Münchhausen“ überhaupt zuließ. Schließlich war ja bekannt, das dieser Hieronymus Karl Friedrich Freiherr von Münchhausen der König der Lügner war, ein phantasievoller Aufschneider und Geschichtenerzähler, der es so buchstäblich zu Weltruhm gebracht hatte.

Münchhausen war ein gutsituerter Gutsbesitzer in Bodenwerder im Weserbergland, der am 11. Mai 1720 ebendort geboren wurde, zunächst als Offizier der russischen Zarin Elisabeth, der Tochter Peter des Großen, diente und schließlich im Alter von 30 Jahren in die niedersächsische Heimat zurückkehrte, um die Stammtische der Region mit seinen Geschichten heimzusuchen. Er erlebte es noch, dass 1785 ein gewisser Erich Raspe seltsamerweise zunächst eine englischsprachige und ein Jahr später Gottfried August Bürger eine deutschsprache Ausgabe seiner „Abenteuer“ herausbrachten, die dem alten Herrn durchaus nicht gefielen, obwohl sie ihn als Person der Weltliteratur unsterblich machten. Als Mensch starb der Freiherr von Münchhausen im Jahre 1797.

Aus seinem Herrenhaus wurde inzwischen das Rathaus von Bodenwerder und er selbst wurde so berühmt, dass ihn nicht nur seine Heimatstadt hemmungslos als Touristenattraktion vermarktet. Seit 1997, dem 200. Todesjahr des Lügenbarons, gibt es beispielsweise einen Münchhausenpreis für Menschen mit „besonderer Begabung in Darstellungs- und Redekunst, Phantasie und Satire“, der unter anderem an Minister a.D. Norbert Blüm, den Schriftsteller Ephraim Kishon und die Schauspielerin Evelyn Hamann ging.

In insgesamt 42 Sprachen hat man sich mit der Figur Münchhausen beschäftigt, darunter in kirgisisch, katalanisch, malaisch und Urdu, der Literatursprache der Mohammedaner in Indien. Im schweizerischen Zürich gibt es eine „Münchhausologische Sammlung“, die sich wissenschaftlich mit dem Phänomen des alten Schwadronierers auseinandersetzt.

Dabei haben sie alle abgeschrieben von einem, der bis heute unbekannt blieb: In Berlin erschien nämlich in den Jahren 1781 bis 1783 eine Anekdotensammlung über „M-h-s-n, ein Vademecum für lustige Leute“. Die Geschichte des Mannes, der auf einem halben Pferd und einer Kanonenkugel ritt und der das Geheimnis kannte, wie man sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf ziehen kann (ein Fähigkeit, über die aktuelle Spitzenpolitiker aus aller Welt heute wohl auch gern verfügen würden), blieb ein internationaler Bestseller.

Aber Münchhausen zog sich nicht nur am eigenen Schopf aus dem Sumpf, er nahm sich auch ständig selbst auf den Arm. So angesichts der Gehängten auf der Käseinsel in der Südsee, die an den Bäumen baumelten, weil sie „ihre Freunde belogen und ihnen Plätze beschrieben hatte, die sie nie gesehen, und Dinge erzählt, die sich nie zugetragen hatten.“ Münchhausens Kommentar: „Ich fand die Strafe sehr gerecht; denn nichts ist mehr eines Reisenden Schuldigkeit, als strenge nach der Wahrheit zu berichten.“ Wie wahr ...

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