Die letzten Opfer des Krieges

9. Mai

Es gibt Geschichten, die sollten immer wieder erzählt werden, weil sie so viel aussagen über die grausamen Mechanismen von Krieg und Gewalt, deren Unmenschlichkeit man sich heute, mehr als 60 Jahre, später kaum mehr vorstellen kann, die aber mahnen, so etwas nie wieder geschehen zu lassen. So wie in der Geschichte von Fritz Wehrmann und zweier seiner Kameraden, Alfred Gayl und Martin Schilling, in der Hamburg zwar nur eine Nebenrolle spielt, aber durchaus eine wichtige.
Denn hätte Fritz Wehrmann, der aus Leipzig stammte, als Junge nicht immer wieder Fahrradausflüge in den Hamburger Hafen unternommen und hätte ihn dabei nicht die Sehnsucht erfasst, zur See zu fahren, dann wäre all das, was folgte, wohl nie geschehen.
Wehrmann diente, wie seine Kameraden, gegen Ende des Krieges auf einem Schnellboot in der Geltinger Bucht, als sie am 4. Mai 1945 aus dem dänischen Rundfunk erfuhren, dass Deutschland gegenüber England kapituliert hatte. Also beschlossen die drei: Wir wollen nach Hause. Aber sie hatten Pech. Dänische Hilfspolizisten griffen sie auf und anstatt zu sagen, dass sie zu ihren Familien wollten, behaupteten sie, sich nach Kurland durchschlagen zu wollen. Vielleicht hätten sie die Wahrheit sagen sollen, damit hätten sie möglicherweise menschliches Verständnis ausgelöst, aber das ist nicht sicher. So aber kamen sie vor ein Kriegsgericht und der Chef der Schnellboote und damit oberste Gerichtsherr Kommodore Rudolf Petersen verurteilte sie zum Tode. Das war am 9. Mai 1945, also einen Tag nach der deutschen Kapitulation und einen Tag, nachdem Petersen höchstpersönlich die Reichskriegsflagge eingeholt hatte. Die drei wurden hingerichtet, die Leichen in der Ostsee versenkt.
Ihre Familien erfuhren erst viele Monate später davon.
1953 kam es zu einem Gerichtsverfahren vor dem Hamburger Landgericht. Petersen und die anderen Richter wurden wegen Totschlags und Rechtsbeugung angeklagt. Und sie wurden freigesprochen. Die Mutter Alfred Gayls nahm daraufhin sich das Leben, Anna, die Mutter von Fritz Wehrmann, kam später in ein Pflegeheim und starb in geistiger Umnachtung.
Der ehemalige Kommodore Petersen arbeitete als Handelvertreter und wurde wenige Monate nach dem Freispruch Leiter der Hanseatischen Yachtschule in Glücksburg. Außerdem arbeitete er für den Militärischen Abschirmdienst der Bundeswehr.
Er fand ein seltsamen Tod. Als dem damals 77jährigen in der Silvesternacht Jugendliche beim Öffnen der Haustür Böller ins Gesicht warfen, erschreckte ihn das so sehr, dass er am 2. Januar 1983 starb.
Klar ist, dass wir heute diese Geschichte nur mit Empörung und Abscheu beurteilen, denn wie kann man jemanden wegen eines Kriegsverbrechens verurteilen, wenn der Krieg schon vorbei ist? Und wieso kann es überhaupt ein Verbrechen sein, nach Hause zu wollen wie Fritz Wehrmann, der sich Sorgen um seine Mutter machte, da in Leipzig „der Russe“ war?
So handeln doch keine Menschen. Oder?
Petersen hätte die drei, ohne selbst irgendetwas befürchten zu müssen, mit einem einzigen Federstrich begnadigen können und hätte damit Leben gerettet. So denken wir heute. Aber dem Kommodore und allen anderen war seit Jahren immer wieder eingeimpft worden: „Auf Fahnenflucht steht der Tod!“ und danach richteten sie sich, wie Marionetten ohne Herz. Sie haben sicher viele schlaflose Nächte verbracht, die Richter und die anderen Beteiligten wie der Marinepfarrer Klaus Lohmann, der sein Leben lang darunter litt, nicht energischer gegen die drohende Exekution vorgegangen zu sein. Aber, so Lohmann, sie hätten sich alle in einer „militärischen Mühle“ befunden, in der man nur unter Zwang handelte.
Uns, die wir heute leben, reicht eine solche Erklärung für diese unfassbare Tragödie nicht aus. Und das mit Recht. Der 19jährige Alfred Gayl schrieb wenige Minuten vor seiner Hinrichtung: „Wir sind die letzten Opfer des Krieges, genau so sinnlos wie alle anderen.“

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