Mrs. (Fast)-President

10. Mai

Noch gibt es ja keine Frau, die es auf den Präsidentensessel im Weißen Haus geschafft hat. Und versucht haben es auch noch nicht allzu viele. Die allererste, die ihren Hut in den Ring warf, ist längst vergessen und sie hieß Victoria Woodhull. Das war am 10. Mai 1872, als sie ihre Kandidatur bekannt gab. Sie schaffte es nicht ins Weiße Haus, im Gegenteil, sie saß sogar, als gewählt wurde, im Gefängnis, nicht ohne zuvor im Mittelpunkt einer der hässlichsten Schlammschlachten der US-Geschichte gestanden zu haben, was ja, wie jedermann weiß, eine Menge heißt.
Victoria Woodhull, das ist gleichbedeutend mit dem Kampf um die Rechte der Frauen, mit Skandalen, Rufmord, Macht, Geld, Mut und Selbstbewusstsein, mit (fast) all den Höhen und Tiefen, die ein Menschenleben zu bieten hat. Doch der Reihe nach:
Die ersten Jahre der Victoria Claflin Woodhull Martin, die am 23. September 1838 in dem kleinen Kaff Homer in Ohio geboren wurde, waren eigentlich keine schlechte Schule, was die Vorbereitung auf ein hohes politisches Amt betrifft. Schon als 15jährige lernte sie, wie man die Leute durch Hellseherei hinters Licht führt, sie betätigte sich als Schauspielerin und Prostituierte, was, ohne zynisch sein zu wollen, ja auch keine schlechte „Schule des Lebens“ ist. Da lernte sie Härte und Durchhaltevermögen, aber auch, dass man im Leben ein wenig Glück braucht.
Das sah anfangs allerdings gar nicht danach aus. Sie geriet an einen Alkoholiker namens Woodhull, von dem sie sich aber schnell wieder trennte, um mit ihrer Schwester Tennessee nach New York zu gehen. Und da zog sie das große Los: Eisenbahn-Magnat Cornelius Vanderbilt war fasziniert von der jungen Frau, zumal sie, zumindest, was die Börsenkurse betraf, erstaunlich oft richtig lag. Das war kein großes Kunststück, denn Victoria hatte eine Menge Freundinnen im horizontalen Gewerbe und die hatten häufig Kunden aus der Finanzwelt, die die intimsten Firmengeheimnisse ausplauderten. Fakt ist, dass sich Vanderbilt bei einem Börsencrash 1869 dusselig und dämlich verdiente und den Damen Woodhull schlappe 700 000 Dollar Prämien zahlte, eine seinerzeit unfassbare Summe. Aber jetzt waren sie finanziell unabhängig und konnten loslegen: Zunächst eröffneten sie die erste von Frauen geführte Broker-Firma in der Wall-Street, machten eine wöchentlich erscheinende Zeitung auf und knüpften politische Kontakte. Victoria Woodhull begann vor allem, für die Rechte der Frauen zu kämpfen.
Das war natürlich dem Establishment außerordentlich suspekt. Eine Frau mit, na ja, zumindest anrüchiger Vergangenheit schrieb sozialistische Ideen auf ihre Fahnen, wollte Gleichberechtigung, ja sogar Frauenwahlrecht, Recht auf Abtreibung und freie Liebe (Na klar!). Und dann gründet diese Ex-Nutte auch noch eine Partei. Empörend!
Zu ihrer Intimfeindin wurde ausgerechnet die Frau, die sich mit „Onkel Tom“ so unendlich um die Befreiung der Sklaven verdient gemacht hatte, Harriet Beecher Stowe. Es wurde ein regelrechtes Stutenbeißen, das seinen Höhepunkt erreichte, als Victoria Woodhull in ihrer Zeitung Harriets Bruder Henry, einen an sich geachteten Prediger, als notorischen Seitenspringer outete. Jeder wusste davon, aber niemand sprach darüber – nur die mutige Victoria. Schließlich hatte der Beecher-Clan den längeren Arm und die besseren Kontakte zur Justiz und so kam es, dass Victoria während der Wahl ins Gefängnis wanderte.
Aber die Woodhull hatte sich den Respekt ihrer Journalisten-Kollegen erworben, hatte sie doch einen für alle wichtigen Kampf um die Pressefreiheit gewonnen, was Auswirkungen bis in die heutige Zeit hat. Und sie hatte noch einmal Glück. Als 1877 der alte Zausel Vanderbilt im Alter von 82 Jahren das Zeitliche segnete, fürchteten die Erben, dass Victoria Woodhull all die kleinen und großen Geheimnisse des steinreichen Patriarchen ausplaudern könnte und erstickten alle denkbaren Versuche mit viel, viel Geld.
Victoria Woodhull, mit Anfang 40 in der Blüte ihres Lebens, hatte nun die Nase voll von Amerika und wanderte, finanziell ausgezeichnet gepolstert, nach England aus. Und da Geld bekanntlich eine unbezwingbare Anziehungskraft auf Geld hat, heiratete sie einen reichen Banker, den sie um viele Jahre überlebte. Sie genoss noch sehr lange das englische Landleben. Erst am 9. Juni 1927 starb sie im Alter von 88 Jahren reich und glücklich und weitgehend vergessen in Twekesbury in der Grafschaft Gloucestershire.

1 Kommentar:

immediator hat gesagt…

Das ist eine schöne Geschichte. Ob die Fortsetzung mit einer republikanische Kandidatin auch so gut ausgehen wird? ;-)